An seinem Talent zweifelte bei den Stuttgarter Kickers keiner, es gab andere Gründe, warum sich die Blauen Anfang 2024 von Halim Eroglu trennten. Bei der TSG Balingen startete der Stürmer durch – und wird nun belohnt. Was zeichnet den 20-Jährigen aus?
Über seine fußballerischen Qualitäten gab es schon zu seiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers keine zwei Meinungen. Egal, wen man bei den Blauen nach Halim Eroglu fragt, die Einschätzungen decken sich. Die Stichwörter kommen dann wie aus der Pistole geschossen: Instinktfußballer, Straßenkicker, antrittsschnell, schussgewaltig, dribbelstark, unausrechenbar, robust – und torhungrig. Dies zeigte er ganz besonders vor gut zwei Wochen: Am 21. September erzielte der 20-Jährige im Dress des Oberligisten TSG Balingen sechs Tore beim 7:0 gegen den VfR Mannheim. Insgesamt weist Eroglu bereits 13 Saisontreffer auf.
Ohne Eroglu in Fellbach
Am kommenden Wochenende werden keine weiteren Treffer hinzukommen. Denn er wird nicht für seinen Verein am 11. Oktober (19 Uhr) beim SV Fellbach am Ball sein, sondern für die türkische U-20-Nationalmannschaft. Der Verband lud ihn zu den Länderspielen gegen Portugal (10. Oktober) und Polen (15. Oktober) ein. Schon am vergangenen Sonntag stieß Eroglu ins Trainingslager zum türkischen Team. „Für Halim persönlich, aber auch für uns als Verein ist das eine überragende Geschichte und auch eine starke Anerkennung für die Arbeit unseres Trainers Murat Isik und sein Team“, freut sich TSG-Geschäftsführer Jona Annel.
Isik, von 2018 bis 2020 Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, bringt offenbar das richtige Gespür für den Umgang mit Eroglu mit, hat einen guten Draht zu ihm gefunden, gibt ihm Selbstvertrauen. Denn der junge Mann ist, was seine Persönlichkeit betrifft, noch nicht der Stabilste. Mangelnde Verlässlichkeit und die eine oder andere Undiszipliniertheit, die offenbar gegenüber der Mannschaft nicht mehr zu vertreten waren, gaben den Ausschlag für die Trennung von den Stuttgarter Kickers im Januar 2024. Der Tropfen, der das Fass für den damaligen Coach Mustafa Ünal zum Überlaufen brachte, fiel im November 2023: Aus Frust über die Nichtberücksichtigung – ausgerechnet im Derby der Blauen gegen den von Markus Fiedler trainierten VfB II – schwänzte Eroglu unentschuldigt das anschließende Mannschaftsessen.
Dabei war Ünal („Ich freue mich riesig für Halim über seine Berufung“) der große Förderer von Eroglu, machte ihn nach seiner Rückkehr zu den Kickers wieder stark, nachdem er in der U 17 kurzfristig zum VfB gewechselt war und dort unter dem damaligen Nachwuchscoach Fiedler nicht wie gewünscht zum Zug kam. Angelo Vaccaro, einst selbst Stürmer und seit der U 17 Eroglus Berater, begleitet seinen Schützling auf dem Weg nach oben sehr eng, bietet ihm Hilfe an, gibt Tipps. „Wichtig ist, dass Halim mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt, nicht abhebt, denn noch hat er nichts erreicht“, betont Vaccaro.
Vergleich mit Undav
Die nächsten Wochen und Monate würden nicht einfach werden. „Spätestens seit seinem Tore-Sechserpack wird er anders wahrgenommen, die Gegner werden versuchen, ihm den Spaß am Spiel zu nehmen. Aber da muss er durch. Das Zeug dazu hat er“, ist sich Vaccaro sicher, der Eroglu vom Spielertyp her mit VfB-Profi und Nationalspieler Deniz Undav vergleicht. „Nur noch explosiver“, sagt der 42-jährige Ex-Profi mit einem spitzbübischen Lächeln.