Am 1. Mai wird Kim Renkema bei der Volleyball-Bundesliga Geschäftsführerin für Sport und Vertrieb. Die Niederländerin hat große Pläne – und blickt auch auf das vorzeitige Saison-Aus von Allianz MTV Stuttgart zurück.
Nach drei Monaten, in denen sie freigestellt war, endet der Vertrag von Sportdirektorin Kim Renkema (37) bei Allianz MTV Stuttgart an diesem Mittwoch. Ihre neue Aufgabe übernimmt sie am Donnerstag: Bei der Volleyball-Bundesliga ist die Niederländerin künftig Geschäftsführerin für Sport und Vertrieb. „Langweilig“, sagt sie, „wird mir bei der VBL ganz sicher nicht.“
Frau Renkema, ist der 1. Mai 2025 ein besonderes Datum für Sie?
Nein. Das Datum an sich ist unbedeutend. Wichtig ist, dass ich jetzt loslegen kann. Still zu sitzen zählt nicht zu meinen Stärken.
Auf was freuen Sie sich?
Darauf, die andere Seite der eigenen Sportart erleben und bei der Volleyball-Bundesliga eine neue Mannschaft kennenlernen zu können. Und natürlich darauf, Volleyball zu pushen und neue Ideen einzubringen.
Was wird Ihre größte Herausforderung?
Es gibt viele.
Welche steht an erster Stelle?
Die sportliche Weiterentwicklung der Standorte zu begleiten.
Was macht Sie optimistisch, dass es vorangehen wird?
Volleyball ist jung, dynamisch, spannend, unberechenbar, elegant, technisch und hat einen hohen Eventcharakter. Wir müssen es nun gemeinsam schaffen, unsere Reichweiten zu erhöhen, um die Faszination noch mehr verbreiten zu können.
Warum ist das bisher nicht gelungen?
Weil wir es noch nicht ausreichend geschafft haben, die tollen Geschichten, die dieser Sport schreibt, zu erzählen. Wenn wir das vorhandene Potenzial nutzen, wird Volleyball in Deutschland ein Gesicht bekommen.
Sie waren das Gesicht von Allianz MTV Stuttgart. Wollen Sie nun das Gesicht des deutschen Volleyballs werden?
Es geht nicht um mich. Volleyball hat viele Gesichter, die wir besser verkaufen müssen – sodass sich junge Leute mit unseren starken Persönlichkeiten identifizieren können. Das will ich unterstützen.
Wie?
Ich mag es, viel zu kommunizieren. Ich werde versuchen, meine Fähigkeiten und mein Know-how aus der Vereinsarbeit zu nutzen, um die Aufmerksamkeit auf diesen wunderbaren Sport zu lenken, der auch noch etwas hat, was es in dieser Form in keinem anderen Teamsport gibt: Bei uns befinden sich Männer und Frauen auf Augenhöhe, diese Gleichberechtigung leben wir seit Jahren.
Zu Ihren Aufgaben gehört es auch, neue Sponsoren für Volleyball zu generieren. Wie wichtig sind die Finanzen?
Enorm wichtig. Wir brauchen dringend mehr Geld im System.
Wofür?
Deutschland ist ein gutes Volleyball-Ausbildungsland. Doch wir müssen Talenten bessere Möglichkeiten bieten, von ihrem Sport leben zu können, um nicht zu viele von ihnen schnell wieder zu verlieren. Wenn wir mehr Geld ins System bringen, können wir die Vereine motivieren, noch mehr deutsche Spieler zu entwickeln, sie einzusetzen und dann auch an sich zu binden. Große Talente wie Leana Grozer in Schwerin oder Theo Mohwinkel in Lüneburg sind bereits Gesichter des Volleyballs – auch um solche Stars länger in Deutschland halten zu können, müssen die Finanzen stimmen.
Aber eher bei den Clubs als beim Liga-Verband.
Es geht nur gemeinsam. Den Nachwuchs zu fördern und ihm eine Perspektive zu geben ist ein großes Ziel. Doch dafür benötigen die Vereine mehr Geld. Und auch die Liga muss sich finanziell besser aufstellen, um medial voranzukommen und in der Lage zu sein, gute Storys zu erzählen. Volleyball muss sichtbarer werden, um sich besser verkaufen zu können. In der Gesamtheit als Liga, aber auch an den einzelnen Standorten.
Gibt es ein Projekt, das die Volleyball-Übertragungen sofort attraktiver machen würde?
Ja. Mein Wunsch ist es, dass der Videobeweis nicht nur punktuell eingesetzt werden kann, sondern bei jedem Spiel Standard ist.
Was würde das kosten?
Zwischen 200 000 und 300 000 Euro pro Saison.
Bekommen Sie das hin?
Es gibt trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage ganz sicher Unternehmen, die wir von uns überzeugen können. Ich habe viele kreative Ideen, weiß aber auch, dass Vertrieb harte Arbeit ist. Doch diese Aufgabe liegt mir. Ich mag es, meine Leidenschaft für Volleyball potenziellen Partnern zu vermitteln.
Sie haben sich viel vorgenommen.
Langweilig wird es mir ganz sicher nicht.
Am Samstag haben die Frauen des SSC Schwerin die Meisterschaft gewonnen – verdient?
Auf jeden Fall. Das Team war über die Saison hinweg das stärkste, und es hatte auch am Ende die größte Qualität.
Allianz MTV Stuttgart ist unerwartet im Halbfinale am Dresdner SC gescheitert. Was lief falsch?
Es ist nicht mehr meine Aufgabe, dies zu beurteilen. Es hat mir aber sehr leidgetan für Krystal Rivers, die im dritten Spiel auch noch krank gefehlt hat, Roosa Koskelo und Maria Segura Pallerés – die drei hätten ein anderes Ende ihrer Karrieren verdient gehabt.
Alle drei bleiben in Stuttgart, doch keine von ihnen wird in dem Verein, den sie geprägt haben, eine Aufgabe übernehmen. Verpasst der MTV da eine Chance?
So wie ich es verstanden habe, gab es zumindest für Maria Segura Pallerés ein Angebot. Natürlich wäre es super, derart verdiente Spielerinnen an den Verein zu binden. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Haben Sie zur Saisonabschlussfeier am Dienstagabend von Allianz MTV Stuttgart eine Einladung erhalten?
Nein. Aber ich hatte meine Verabschiedung, die sehr schön war, ja auch schon. Allerdings wäre in den Wochen vorher die eine oder andere Einladung nett gewesen – zum Beispiel zur Ehrung als Mannschaft des Jahres in Stuttgart, die ja eine Auszeichnung für unsere Triple-Saison war. Doch das Thema ist abgeschlossen.
Es wurde von manchem Verantwortlichen bei Allianz MTV Stuttgart immer wieder erzählt, dass Sie den Verein verlassen haben, um beruflich den nächsten Schritt zu gehen. Stört Sie diese Darstellung?
Nein. Fakt ist, dass es ein Angebot an mich gab, das ich abgelehnt habe. Bei allem anderen hat eben jeder seinen eigenen Blick auf die Realitäten und seine eigene Wahrheit. Ich bin sehr stolz auf meine Zeit bei Allianz MTV Stuttgart, und die kann mir auch niemand nehmen. Doch jetzt ist der Moment, um eine neue Aufgabe anzugehen.
Haben auch Sie, bevor es zur Trennung kam, Fehler gemacht?
Wenn es Uneinigkeiten gibt, sind immer beide Seiten beteiligt. Natürlich habe ich in meinen sieben Jahren als Sportdirektorin Fehler gemacht. Aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt – ich hoffe, das machen die anderen Beteiligten nun auch.
Wie wird die Entwicklung bei Allianz MTV Stuttgart weitergehen?
Dieser Verein ist das Paradebeispiel dafür, was für einen tollen Weg man im Volleyball gehen kann. Ich hoffe, der Club bleibt ein Vorbild und zeigt auch künftig, was in unserem Sport möglich ist.
Die MTV-Verantwortlichen haben entschieden, Ihren Job vorerst nicht neu zu besetzen. Wie groß ist das Risiko, das damit eingegangen wird?
Es steht mir nicht zu, dies zu bewerten. Der Verein schlägt einen neuen Weg ein und bleibt hoffentlich erfolgreich.
Wie wahrscheinlich ist das?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es trotz des Umbruchs bei Allianz MTV Stuttgart an der Spitze der Bundesliga spannend bleiben wird – und das ist auch gut so.
Kim Renkema: Volleyball als Lebensaufgabe
Spielerin
2010 wechselte Kim Renkema zum Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart, für den sie bis 2012 und nach zwei Jahren in Italien noch einmal von 2014 bis 2017 spielte. Die Außenangreiferin gewann mit dem Verein dreimal den Pokal (2011, 2015, 2017).
Sportdirektorin
2017 musste die Niederländerin ihre Karriere gesundheitsbedingt beenden und wurde Sportchefin. In ihrer Ära holte Allianz MTV Stuttgart acht große Titel (4x Meisterschaft, 2x Pokal, 2x Supercup).
Geschäftsführerin
Ab dem 1. Mai 2025 ist Kim Renkema (37) bei der Volleyball-Bundesliga (VBL) verantwortlich für Sport sowie Vertrieb und zuständig für 89 Erst- und Zweitligisten (Männer und Frauen). Sie unterschrieb einen Drei-Jahres-Vertrag.