Wie sind die Chancen des VfB Stuttgart? Was sind die Probleme des FC Bayern? Vor dem Duell seiner Ex-Clubs analysiert Markus Babbel die Lage vor dem Saisonfinale.
Er spielte bei den Bayern und wurde auch mit dem VfB Stuttgart deutscher Meister. Vor dem Duell seiner Ex-Clubs blickt Markus Babbel auf die Lage im Saisonfinale – und durchaus kritisch auf den VfB.
Herr Babbel, waren Sie schon einmal auf Ibiza?
(Lacht) Ja. Aber nicht zusammen mit einer Fußballmannschaft.
Sie wissen, worauf wir hinauswollen?
Klar, auf den Kurztrip von einigen Spielern des FC Bayern vor einigen Tagen. Also nach der Niederlage gegen Mainz 05.
Was halten Sie davon?
Ehrlich gesagt: Ich finde das völlig legitim. Die Mannschaft ist Meister, sie ist aus der Champions League bereits ausgeschieden, das Spiel gegen den VfB findet erst am Sonntag statt – warum also nicht? Als ich damals beim FC Liverpool aktiv war, habe ich zwei, drei freie Tage am Stück auch dazu genutzt, nach München zu fliegen, um Freunde und Familie zu treffen.
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Beim FC Bayern ging es um einen Mannschaftsausflug – bei dem gar nicht alle Spieler dabei waren.
Deshalb fand ich es ja komisch, dass versucht wurde, es als teambildende Maßnahme zu verkaufen. Wäre es das gewesen, hätten ja wohl schon alle Spieler dabei sein müssen. Aber, wie gesagt: Ich habe die ganze Aufregung nicht verstanden.
Ausgelöst hat sie unter anderem Felix Magath, der Hertha-Trainer . . .
. . . was zeigt, dass er ein Vollprofi ist. Er hat öffentlich Bedenken angemeldet, ob der FC Bayern das Spiel gegen den VfB am Sonntag noch ernst nimmt.
Und damit was erreicht?
Dass die Münchner am Sonntag sicher mit der besten Mannschaft und voll fokussiert antreten werden – weil jeder darauf schauen wird, wie sich sich nach der Niederlage gegen Mainz 05 und der Ibiza-Reise präsentieren. Und all das wiederum passt so ein bisschen ins Bild dieser Saison des VfB Stuttgart.
Das Schicksal und die Fehler
Wieso das?
Der VfB hatte viele Verletzungssorgen, jede Menge Corona-Erkrankungen – und einen Kader, dem die Breite fehlte, um das aufzufangen. Dazu kommt nun noch diese Ibiza-Debatte – die die Chancen, in München was holen zu können, weiter sinken lässt. Weil schon am Freitag Arminia Bielefeld in Bochum punkten kann, könnte es also ein ganz bitterer vorletzter Spieltag werden für den VfB. Ich hoffe einfach, dass es die Stuttgarter irgendwie in die Relegation schaffen.
Das klingt ein wenig nach höheren Mächten, die sich gegen den VfB verschworen haben. Hat der Club nicht auch selbst Schuld an der aktuellen Lage und der akuten Abstiegsgefahr?
Was die personellen Sorgen angeht, mache ich den Verantwortlichen gar keinen großen Vorwurf. Stellen Sie sich mal vor, beim FC Bayern würden Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Robert Lewandowski fehlen – dann haben auch die Münchner ein Problem.
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Aber?
Mir war da über weite Strecken zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Immer nur Ruhe bewahren? Ich glaube, man hätte da zwischendurch mal Klartext reden müssen, auch laut nach außen. Es ist alles nett – aber nur mit nett wirst du nicht in der Liga bleiben.
Nach den emotionalen Siegen gegen Borussia Mönchengladbach und den FC Augsburg sah die Lage eigentlich ganz gut aus.
Das waren Steilvorlagen, es in dieser Art und Weise durchzuziehen. Aber dann kamen Spiele wie in Bielefeld, Mainz oder bei Hertha BSC. Und plötzlich kamen auch bei den Fans, die nach wie vor der große Trumpf der Stuttgarter sind, Zweifel.
Die Qualität des VfB wird stets gelobt . . .
. . . aber zur Qualität eines Profifußballers gehören nicht nur Technik und Physis – sondern auch das Mentale, die Druckresistenz, der Wille, sich unter allen Umständen durchsetzen zu wollen. Und da ist der VfB aktuell unter Durchschnitt.
Keine Frage des Alters
Der VfB setzt auf viele junge Spieler, sind die aktuell überfordert?
Für mich ist das keine Frage des Alters. Es geht um die psychische Stabilität, auch in schwierigen Situationen die beste Leistung abzurufen. Da sind mir zuletzt zu viele weggebrochen.
Der Trainer stand trotz bislang nur zwölf Punkten in der Rückrunde nie zur Disposition. Zu Recht?
Pellegrino Matarazzo konnte für viele Baustellen gar nichts, andererseits muss man ihn für das bisher Erreichte schon auch in die Verantwortung nehmen. Generell gilt für mich aber: Wenn der Sportdirektor zu hundert Prozent vom Trainer überzeugt ist, dann muss er auch weiter mit ihm arbeiten. Also geht es jetzt nur noch darum, klar zu analysieren, welche Reize man noch setzen kann, um die Spieler aus diesem Abwärtsstrudel herauszuholen.
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Was ist am 33. Spieltag noch möglich? Die Spieler wirkten zuletzt ängstlich.
Sobald Angst mitspielt, wird es schwer, und zum Draufhauen ist es jetzt auch zu spät. Die Trainer können positive Szenen zeigen, Lösungen für eher schlechtere Szenen anbieten. Letztendlich hängt es aber auch an den Spielern, sich auf ihre bestmögliche Leistung zu konzentrieren. Es klingt banal – aber genau das ist doch ihr Job, genau dafür sind sie verpflichtet worden, dafür werden sie auch ganz ordentlich bezahlt. Vorangehen und die Nebenleute mit in die Pflicht nehmen, darauf kommt es nun an.
Kann der angeschlagene VfB den trotzigen Bayern überhaupt wehtun?
Warum nicht? Die Münchner haben in dieser Saison auch so ihre Probleme, vor allem mit Gegnern, die aggressiv verteidigen und nach Ballgewinnen schnell umschalten. Die Balance im Spiel der Bayern passt nicht in dieser Spielzeit.
Die Probleme der Bayern
Aus im Pokal, Aus in der Champions League, dennoch vorzeitig Meister – wie bewerten Sie die erste Saison des Bayern-Trainers Julian Nagelsmann?
Für ihn war es extrem wichtig, seinen ersten Titel mit dem FC Bayern gewonnen zu haben. Das nimmt ihm Druck. Nun muss er sich weiterentwickeln und es schaffen, dass die Mannschaft stets zum richtigen Zeitpunkt voll da ist. Das war in der Champions League gegen den FC Villarreal nicht der Fall. Und er muss beweisen, dass er auch beim FC Bayern Spieler besser machen kann.
Auch für ihn gilt: Für manche Probleme war er gar nicht verantwortlich.
Aber er musste sie moderieren, war quasi der Außenminister des FC Bayern, weil ihn die Verantwortlichen da teils im Stich gelassen haben. Er hat das super gemacht, aber das sind am Ende eben auch ein paar Prozentpunkte, die dir in der Arbeit mit der Mannschaft am Ende fehlen können.
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Zuletzt kamen Personaldebatten hinzu. Wird der FC Bayern in der neuen Saison einen Kader haben, mit dem er mit den Besten in Europa konkurrieren kann?
Davon bin ich überzeugt, auch wenn die Konkurrenz vor allem in England noch einmal ganz andere finanzielle Möglichkeiten hat. Mit einer richtig guten Mentalität und einem guten Mannschaftsgefüge kann der FC Bayern da aber viel wettmachen.
Drei Fragen zum Abschluss: Bleibt der VfB in der Bundesliga?
Fantastische Stadt, super Fans, tolles Stadion – der VfB gehört in die Bundesliga. Deshalb hoffe ich es sehr. Mein Bauchgefühl sagt mir im Moment aber etwas anderes.
Gewinnt der FC Liverpool die Champions League?
Das wäre doch sehr, sehr wünschenswert. Das Team jedenfalls macht einen brutal guten Eindruck, was da in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde, ist herausragend.
Wird das Titelrennen in der Bundesliga-Saison 2022/2023 mal wieder spannend?
In den vergangenen drei Jahren habe ich auf diese Frage immer mit Ja geantwortet – und lag falsch. Deshalb sage ich diesmal: Nein. Und hoffe aber, dass ich wieder falsch liege.