Mit sich und der Welt sichtlich im Reinen: Wendelin Wiedeking als Zeuge vor dem Oberlandesgericht Stuttgart Foto: /Thomas Kienzle

Im Musterverfahren gegen den VW-Großaktionär Porsche SE bestreitet Wendelin Wiedeking frühe Kenntnisse von Manipulationen an Motoren. Der ehemalige Porsche-Chef führt überraschende Begründungen dafür an.

Wendelin Wiedeking kommt in bewährter Begleitung. Die Anwälte Hanns Feigen und Walther Graf flankieren den früheren Porsche-Vorstandschef im Saal 18 des Oberlandesgerichts Stuttgart.

 

2016 hat Wiedeking mit ihrem Beistand einen umfassenden Freispruch in einem Strafverfahren erzielt: Am Vorwurf, er habe beim gescheiterten VW-Übernahmeversuch die Märkte manipuliert, sei „vorne, hinten und in der Mitte nichts dran“, befand das Gericht damals. Heute ist er als Zeuge geladen – im Musterverfahren von Kapitalanlegern gegen den VW-Großaktionär Porsche Automobil Holding SE. Hintergrund ist der VW-Dieselskandal. Wiedeking kommt vorbereitet. Der 70-Jährige – mittelgrauer Anzug, dezent gemusterte Krawatte, akkurat gestutzter Schnurrbart, also ganz die vertraute Erscheinung aus früheren Porsche-Zeiten – verliest eine Erklärung. Sie dauert rund fünf Minuten und setzt den Ton, der in der folgenden Stunde nur in Nuancen variiert wird.

Der Tenor der Aussage lautet: Ich wusste davon nichts

Von den illegalen Abschalteinrichtungen in VW-Dieselmotoren habe er erst im September 2015 aus der Presse erfahren, so die zentrale Aussage. Das habe ihn „ziemlich geschockt und enttäuscht“. Davor, sagt Wiedeking, habe er keinerlei Kenntnis davon gehabt, dass die „allseits anerkannten VW-Ingenieure“ Schwierigkeiten gehabt hätten, die strengen Abgasnormen in den USA zu erfüllen, und „erst recht keine Kenntnis von Abschalteinrichtungen“. Er sei Maschinenbauer, sagt Wiedeking, kein Motorenentwickler und kein Softwarespezialist. Für die Motorenentwicklung habe er sich „nie interessiert“. Und überdies – auch dieses Motiv taucht mehrfach auf – sei er „kein Freund des Diesels, damals nicht und bis heute nicht“. Denn mit dem Diesel sei „kein sportlich emotionales Fahren“ möglich.

Im VW-Aufsichtsrat sollen Motorenprobleme nie Thema gewesen sein

Wer wann auf welcher Ebene von der Manipulation an Abgassystem wusste, ist die Gretchenfrage zahlreicher Gerichtsverfahren in Folge des Dieselskandals. Wendelin Wiedeking gehörte viele Jahre zur obersten Managementelite der Branche. Er war bis 2009 Vorstandschef des VW-Großaktionärs Porsche Holding SE, er führte von 1992 bis 2009 den Sportwagenhersteller Porsche. Drei Jahre gehörte er bis 2009 zudem dem VW-Aufsichtsrat an. Auch dort, sagt er, seien Probleme in der Motorenentwicklung nach seiner Erinnerung nie thematisiert worden. „Darüber wurde nie berichtet“, solche Dinge hätte die Arbeitsebene zu erledigen. Bei Axel Wegner von der Kanzlei Tilp, dem Vertreter eines beigezogenen Aktionärs, wecken die Aussagen Skepsis, wie seine Nachfragen zeigen. Ob der VW-Aufsichtsrat nicht damit befasst wurde, dass die Abgasprobleme beim Diesel schon 2007 den Produktionsstart eines Motors verzögerten und zu „nie dagewesenen Mehrkosten“ von 260 Euro pro Auto geführt hätten? Ob sich Wiedeking nicht vielleicht doch näher mit der ungeliebten Technik beschäftigt hätte, als 2008 die Entscheidung fiel, eine Dieselversion des Porsche Cayenne auf den Markt zu bringen?

„Das war nicht mein Projekt, ich hätte es nicht gemacht“, erwidert Wiedeking. Aber der Vertrieb hätte das Auto gewollt, die Entscheidung dafür sei im sechsköpfigen Vorstand gefallen. Man habe den Motor „bei Audi aus dem Regal genommen und eingehängt“. Sein Credo habe gelautet: „Kinder, da wird kein Geld ausgegeben.“

Der ebenfalls als Zeuge geladene frühere Porsche-Finanzchef Holger Härter bekräftigt Wiedekings Aussagen: Im VW-Aufsichtsrat sei nie über Motoren gesprochen worden. Und auch er habe erst 2015 aus der Presse von den Manipulationen erfahren.

Wiedeking, wohnhaft in Bietigheim, ist heute selbstständiger Unternehmer, unter anderem in der Gastronomie, daneben als Investor und in Stiftungen tätig. Von der Autobranche sei er weit weg, sagt er. Er wünscht dem Gericht eine „gute Zeit“ und verlässt Saal 18 mit einem Gruß an die Zuhörer: „Wiederschauen!“

Das Musterverfahren gegen Porsche SE

Gegenstand
 Im Kern geht es vor dem Oberlandesgericht Stuttgart um die Frage, ob der VW-Großaktionär Porsche SE Insiderkenntnisse vom VW-Dieselskandal hatte, die er aufgrund der Börsenregeln hätte veröffentlichen müssen.

Streitwert
Aktionäre der Porsche SE fordern 5,7 Millionen Euro Schadenersatz. Wäre der Abgasskandal früher bekannt geworden, hätten sie die Aktien billiger erstehen können oder auf den Kauf verzichtet, so ihr Argument.

Beteiligte
 Die Musterklage gegen die Porsche Automobil Holding SE wird von dem britischen Pensionsfonds Wolverhampton City Council geführt.

Zeitraum
Als Vertreter eines beigeladenen Aktionärs ist auch die Kirchentellinsfurter Kanzlei Tilp an dem Verfahren beteiligt. Sie erwirkte kürzlich, dass auch geprüft wird, ob Porsche SE schon im Jahr 2008 Kenntnis von Manipulationen an VW-Dieselmotoren hatte. Offiziell machte VW die Vorgänge 2015 mit einer Ad-hoc-Mitteilung publik.