Ex-Ortsvorsteher Rainer Himmelsbach und Renate Schilling genossen „30 schöne Jahre in Weitingen“ und sagen mit einem weinenden und einem lachenden Auge leise servus. Foto: Hermann Nesch

Ex-Ortsvorsteher Rainer Himmelsbach und seine Frau Renate Schilling verlassen Weitingen in Richtung Wiener Neustadt. Vor 30 Jahren sind sie ins Gäu geraten und heimisch geworden.

Beide erinnern sich noch: Es war damals gerade Fasnetsonntag, für die Weitinger ein hoher Festtag, und sie hängten in der neuen Mietwohnung im Neubaugebiet „Käppele“ die Lampen auf. Plötzlich ein paar Kanonenschläge von der Ferne vernehmbar. Sie waren zwar neugierig, kümmerten sich aber nicht weiter darum und fuhren nach der Erledigung ihrer Tagesarbeit zurück nach Maichingen.

 

Beide vom Fasnetsfieber infiziert „Fasnet“ war für sie noch kein Begriff, für die in Berlin aufgewachsene gebürtige Dortmunderin und den gebürtigen Heidelberger, die sich während des Studiums in Berlin kennengelernt hatten, eher noch Karneval und Fasching. Doch es ging nicht lange, da waren beide vom Fasnetsfieber infiziert und im Jahr darauf über den Musikverein bereits voll drin in der fünften Jahreszeit.

Das Dorf im Grünen

Auch der Ort zum Leben geworden So kam es, wie es kommen musste, schließlich sollte Weitingen, in das sie rein zufällig geraten waren, nicht nur Schlafstatt, sondern auch der Ort zum Leben werden. Sie hatten genug vom anonymen Großstadtleben. Das Dorf im Grünen und das Leben auf dem Land waren Ziel und Traum. Schnell hatten sie sich in Weitingen integriert.

In Weitingen sesshaft geworden Im Alter von rund 40 Jahren entschieden sie sich, ein Musikinstrument zu erlernen, sie die Querflöte und er das Flügelhorn. Sie gab aus beruflichen Gründen und wegen des späteren Hausbaus wieder auf und entschied sich, beim Sport zu bleiben. Er zog jedoch seine Ausbildung konsequent durch und gehörte als „Spätberufener“ bald zum festen Stamm des Blasorchesters. Bald fiel auch die Entscheidung, in Weitingen sesshaft zu werden und im „Käppele“ ein Häusle zu bauen. Dann nahm alles seinen weiteren Lauf.

Eine Rolle wie auf den Leib geschnitten Sie spielte Theater beim „Jaunerstadl“ des TSV-Fördervereins, auch jetzt am Wochenende wieder. Ihr erfolgreiches Debüt in der Rolle der geschwätzigen und neugierigen Berlinerin, der „Frau Schabulke“ war eine Rolle wie auf den Leib geschnitten und wirkte nachhaltig. Das half ihr erst recht, bekannt zu werden. Bei Renate Schilling schüttelten manche noch fragend den Kopf: „Schilling, wer? – Ach so, d’ Frau Schabulke!“ Dann war alles klar. Sie trug’s mit Gelassenheit und Humor.

Beide haben sich ehrenamtlich engagiert

Zehn Jahre im Amt des Kassiers im Musikverein Er übernahm für zehn Jahre das Amt des Kassiers im Musikverein, ist bis jetzt noch Beisitzer im Ausschuss. Sie bekleidete für einige Jahre die gleiche Tätigkeit im Musik-Förderverein.

Nachfolger für Roland Raible als Ortsvorsteher Bei den Kommunalwahlen 2019 wurde er als „Grüner“ in den Gemeinderat gewählt und 2024 bestätigt. Als 2019 aus dem Ortschaftsrat heraus kein Nachfolger für Roland Raible als Ortsvorsteher gefunden wurde, übernahm er das Amt. Aus gesundheitlichen Gründen gab er es jedoch im Herbst 2024 an Tanja Ellinger-Gius ab.

Keine familiären Bindungen in Weitingen Aber warum verlässt man die liebgewordene zweite Heimat? „Nur grad so isch’s net“, sagt Himmelsbach und beide betonen: „Wir haben bisher noch keine einzige Minute in Weitingen bereut.“ Die Entscheidung sei über zwei Jahre gereift und sei eine für ihre Zukunft. Sie denken an ihr Alter, auch weil sie kinderlos sind und keine familiären Bindungen in Weitingen haben.

In der Nähe nichts Passendes gefunden Sie denken auch an die immer schlechter werdende Infrastruktur und ärztliche Versorgung auf dem Land: „Da hat die Stadt für uns große Vorteile, wenn alles auf kurzem Wege erreichbar ist.“ Sie hätten auch in Städten der Nähe gesucht, wie in Nagold, um weiterhin im „Jaunerstadl“ Theater beziehungsweise im Musikverein aktiv bleiben zu können. Aber sie hätten nichts Passendes gefunden.

Erneut spielte der Zufall eine Rolle

In Wiener Neustadt eine Ferienwohnung erworben Denn spielte erneut der Zufall eine Rolle. Aufgrund eines ausgefallenen Reinhard-Fendrich-Konzertes in Stuttgart während der Corona-Pandemie waren die Karten auch für Wien gültig. Sie nahmen die Gelegenheit war, dies mit einem Urlaub zu verbinden und hatten sich gleich in die österreichische Hauptstadt verliebt, auch in Wiener Neustadt, wo sie ein Jahr später eine Ferienwohnung erwarben und bei mehrwöchigen Aufenthalten deren Vorzüge genießen konnten.

Einen herrlichen Rundumblick auf die Stadt Wiederum durch Zufall ergab sich, dass direkt neben ihrer kleinen Ferienwohnung im fünften Stock des Wohnblocks mit Aufzug die größere Wohnung zum Verkauf anstand. Nachdem sie ihr Weitinger Eigenheim veräußert hatten, griffen sie zu und können nun beide Einheiten miteinander verbinden, haben zwei Terrassen, einen herrlichen Rundumblick auf die Stadt und auf die hohen östlichsten Alpengipfel. „Es ist wie ein Sechser im Lotto“, meint Renate Schilling,

Vorfreude auf ihre neue Heimat

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge Rainer Himmelsbach ergänzt: „Wir verlassen Weitingen mit einem weinenden und einem lachenden Auge.“ Die Kameradschaft im „Jaunerstadl“ und im Musikverein würden sie schon sehr vermissen, auch die vielen Bekannten und Freunde im Dorf. Aber sie freuen sich auf ihre neue Heimat, um dort das Stadtleben mit viel Kultur, einer hervorragenden Infrastruktur genießen und in der Altstadt und im Umland die Seele baumeln lassen zu können.

Zweimal im Jahr für ein paar Tage nach Weitingen Kontaktsorgen haben sie nicht. Er will sich einem Musikverein anschließen und sie einem Hundeverein, weil sie ihre Paten- und Pflegehündin „Frieda“ mitnehmen können. Und zweimal im Jahr wollen sie für ein paar Tage nach Weitingen zurückkehren. Aber nun geht es erst einmal vom einstigen Vorderösterreich zum 1. April nach Niederösterreich.

Die Wiener Neustadt

Die knapp 50 000 Einwohner
zählende Stadt rund 50 Kilometer südlich von Wien an der Grenze zum Burgenland wurde 1194 gegründet, erhielt als fürstliche und später kaiserliche Residenz viele Privilegien.

Ab dem 17. Jahrhundert
setzte sich langsam die Bezeichnung Wienerische Neustadt und schließlich Wiener Neustadt (im Sinne von Neustadt in Niederösterreich) durch, um eine Unterscheidung zu anderen gleichnamigen Orten im Reich zu bieten.

Die Historie
zeigt sich in vielen Prachtbauten und Sehenswürdigkeiten. Die Stadt ist bei Touristen sehr beliebt und liegt nur 24 Bahnminuten von Wien entfernt.