Sie ist in Leonberg geboren, in Hemmingen aufgewachsen und wurde zur Nationaltorhüterin. Als TV-Expertin verfolgt Dinah Eckerle die WM, spricht über das Niveau und das DHB-Team.
Die frühere Nationaltorhüterin Dinah Eckerle spielte in Ungarn, Dänemark und Frankreich und schätzt nach dem 29:25 gegen Spanien und vor dem WM-Viertelfinale an diesem Dienstag (17.15 Uhr/ZDF) die Chancen des DHB-Teams und den Stellenwert des Frauenhandballs ein.
Frau Eckerle, was macht mehr Laune, TV-Expertin oder Torhüterin?
Klar war es schön, für Deutschland zu spielen, aber mit meiner aktuellen Rolle kann ich sehr gut leben. Nach dem Karriereende so nah vor Ort dabei zu sein und seinen Senf dazugeben zu können macht auch Spaß (lacht).
Was hat Sie bei der WM bisher am meisten überrascht?
Ehrlich gesagt, das generelle Niveau. Ich finde, die deutschen Frauen machen einen super Job, das will ich ihnen gar nicht absprechen. Aber ich bin schockiert von dem, was viele andere Teams bisher so auf die Platte bringen, wie das Niveau bei früheren Topmannschaften gesunken ist.
Welche Nationen meinen Sie konkret? Schweden zum Beispiel?
Die Schwedinnen stehen kurz vor dem Generationenwechsel, sie haben Qualität, rufen sie nur nicht immer ab. Bei anderen Teams ist die Qualität erst gar nicht da, das finde ich so erschreckend. Bei Spanien kommt offenbar wenig nach. Genauso bei Montenegro, die bodenlos schlecht spielten gegen uns.
Und bei der EM 2022 noch Dritter waren.
Ja, das war immer eine Mannschaft, bei der man höllisch aufpassen musste, dass sie einen nicht besiegen. Es sind viel zu viele deutliche Ergebnisse bei dieser WM. Ich würde mir einfach mehr Spannung wünschen und hoffe, dass das jetzt im Viertelfinale losgeht.
Hätten Sie erwartet, dass das deutsche Team so überzeugend ins Viertelfinale durchrauscht?
Es waren ein paar Gegner dabei, da war klar, dass du die einfach schlagen musst. Aber dass sie mit sechs klaren Siegen in sechs Spielen dermaßen souverän ihre Stärke demonstrieren, mit so viel Gier, Überzeugung und Selbstvertrauen auftrumpfen, das macht schon Spaß zuzuschauen. Ich würde es den Mädels so gönnen, dass sie es in die Finalspiele nach Rotterdam schaffen. Das wäre ein toller Erfolg und für den deutschen Frauenhandball eine wunderbare Sache.
Beim Rückblick auf die vergangenen Jahre würde es ins Bild passen, wenn ausgerechnet das erste K.-o.-Spiel schiefgehen würde, das endlich auch mal live im TV gezeigt wird. Halten diesmal die Nerven?
Der wahrscheinliche Gegner Brasilien spielt zwar einen guten Handball bei diesem Turnier. Doch unsere Mannschaft hat vor allem auch in der Breite deutlich mehr Qualität und wirkt sehr gefestigt. Eine Niederlage in diesem Viertelfinale wäre eine riesige Enttäuschung. Dieses Spiel darf einfach nicht verloren gehen.
Der Turnierbaum meint es gut mit dem DHB-Team.
Absolut. Wenn du so einen von der Papierform her einfachen Weg durch das Turnier hattest, allen Großen aus dem Weg gehst bis zum Halbfinale, dann musst du den Vorteil nutzen, volle Kanne durchziehen und den Schritt machen. Das Motto „wenn nicht jetzt, wann dann“ hat noch nie besser gepasst als diesmal.
Und wenn’s doch schiefgeht?
Dann interessieren die vorangegangenen Siege keinen mehr. Dieses Viertelfinale kommt bei den Öffentlich-Rechtlichen im frei empfangbaren Fernsehen. Nur durch eine solche Präsenz erreichst du Menschen außerhalb der Handball-Blase, nur so kannst du die Gesichter der Spielerinnen in die breite Masse der Bevölkerung transportieren. Von daher wäre es jammerschade, wenn sie das in den Sand setzen würden. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, Zweifel zu haben. Wenn das Team so auftritt wie bisher, gibt’s gegen Brasilien den nächsten Sieg, und dann wird es richtig spannend und interessant. Da freue ich mich richtig drauf.
Der Heimvorteil wäre ab dem Halbfinale aber weg.
Dann machen die Niederländer Party. Die wissen auch, wie Heimvorteil geht.
Welche Fortschritte hat der deutsche Frauenhandball generell gemacht?
Kampagnen wie Hands up for more, die Tagegeldangleichung für die Spielerinnen – das alles sind Schritte in die richtige Richtung. Wir streben nach Gleichberechtigung, wir wollen, dass der Frauenhandball mehr Aufmerksamkeit erhält. Was ich aber bedenklich finde, ist, dass die Bundesliga vom Niveau her eher schlechter wird. Durch die Insolvenz der HB Ludwigsburg gibt es keinen Topclub mehr, der in der Champions League bestehen kann. Da müssen Verband und Liga in eine Richtung arbeiten. Und klar, würde eine erfolgreiche Heim-WM deutlich helfen.
Dass das übergeordnete Thema Stellenwert des Frauensports so sehr im Fokus steht, scheint die Spielerinnen nicht zu belasten.
Im Gegenteil. Das beflügelt, die Spielerinnen genießen die Aufmerksamkeit. Aber man braucht sich auch nichts vorzumachen. Am Stellenwert des Frauenhandballs wird sich nichts Grundsätzliches ändern. In Deutschland hat es ja schon der Männerhandball schwer, sich zu behaupten, weil 90 Prozent eben nur der Fußball interessiert.
Sie spielten in Dänemark, Ungarn und Frankreich. Wie war es dort?
Mit Esbjerg in Dänemark hatten wir in jedem Heimspiel 2500 bis 3000 Zuschauer, die Halle war immer voll, nicht nur in der Champions League – auch gegen den Letzten der Liga. Dort brennen die Leute ganz anders für Frauenhandball, da ist die Aufmerksamkeit, die Begeisterung in der Öffentlichkeit eine ganz andere, da der Fußball nicht diese dominante Rolle spielt wie bei uns.
Wie sah es bei Ihren Stationen in Siofok und in Metz aus?
In Ungarn steckt durch die staatliche Förderung eine ganz andere finanzielle Struktur dahinter, diese Unterstützung wäre in Deutschland nicht möglich. Frankreich unterscheidet sich von uns hauptsächlich durch das zentralisierte Ausbildungskonzept.
Markus Gaugisch ist der sechste Bundestrainer seit 2009. Halten Sie ihn für den richtigen Mann am richtigen Platz?
Ehrlicherweise muss man ja sagen: In den vergangenen Turnieren schnitten wir auch nicht erfolgreicher ab als unter seinen Vorgängern. Es gelang nie, einen Großen zu schlagen. Aber man sieht schon, dass er eine klare Linie hat, die er mit den Mädels durchzieht. Das harmoniert gut. Es wäre jetzt einfach schön, wenn alles einmal greifen würde in einem Viertelfinale und sich alle miteinander belohnen für ihre Arbeit.
Wo landet Deutschland am Ende?
Ich setze auf Bronze.
Und den Titel holt . . .
. . . Norwegen.
Zur Person
Karriere Dinah Eckerle wurde am 16. Oktober 1995 in Leonberg geboren. Sie stand in der Jugend beim GSV Hemmingen und den TSF Ditzingen im Tor. Mit 14 wechselte sie ins Internat des Thüringer HC, für den sie von 2011 bis 2018 in der Bundesliga spielte. Weitere Stationen: SG BBM Bietigheim, Siofok KC (Ungarn), Metz Handball (Frankreich), Team Esbjerg (Dänemark), wieder THC. Nach der vergangenen Saison beendete sie ihre Karriere. Erfolge: Deutsche Meisterschaft 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2018, 2019; DHB-Pokal 2013; Dänischer Pokal 2021, European League 2025. Sie absolvierte 79 Länderspiele für Deutschland.
Persönliches
Dinah Eckerle ist verheiratet mit Florian Eckerle (früher Neuhold), einem österreichischen Ex-Fußballtorwart (zuletzt RW Erfurt). Das Paar hat eine knapp zweijährige Tochter (Ida), im kommenden Januar kommt das zweite Kind zur Welt. (jüf)