Gemeinsam mit der Hochschule Aalen forscht das Albstädter Unternehmen Everve an einem neuen Fahrradsattel für E-Bikes. Karin Gonser hat sich als Probandin gemeldet.
Wie würden Sie den Schmerz beschreiben und wie lange hält er an?“, fragt Andreas Wolfer die Probandin Karin Gonser. Er ist dabei, eine erste Bestandsaufnahme zu machen. Die Antworten tippt er in ein Tablet ein. Wolfer ist Geschäftsführer von Everve. Das Albstädter Unternehmen steckt aktuell in einem Forschungsprojekt für E-Bikes. Das Ziel: einen Fahrradsattel entwerfen, der auf möglichst viele Körperformen passt und gut recycelt werden kann.
Bisher sind Sättel nahezu nicht recycelbar: „Die Materialschichten sind so miteinander verklebt, dass es zu viel Aufwand wäre, den Sattel in seine Einzelteile zu zerlegen“, sagt Wolfer. Ein weiteres Problem: Viele Menschen gehen irrtümlich davon aus, ein schmerzendes Hinterteil liege ausschließlich am Fahrradsattel, und tauschen diesen aus.
Sattel nur ein Faktor von vielen
Das Resultat sind Hunderttausende von Sätteln, die jedes Jahr unbenutzt auf dem Müll landen. Dabei ist der Sattel nur ein Faktor von vielen: „Ein Großteil lässt sich über die richtige Einstellung des Fahrrads steuern“, betont Wolfer. Gemeinsam mit der Hochschule Aalen haben sie das Forschungsprojekt ins Leben gerufen. „Wir kümmern uns um die Ergonomie, die Hochschule um das Material.“
Karin Gonser hat sich als Probandin gemeldet. Die 60-Jährige hat ihr E-Bike vor fünf Jahren gekauft und fährt damit auch zur Arbeit. Ein schlichter Raum ist Schauplatz der Messung. Vor dem Fenster steht ein Testrad, daneben eine Halterung, in die Wolfer das E-Bike der Probandin spannt. „Ich habe eigentlich immer Schmerzen am Hintern, wenn ich Fahrrad fahre“, stellt Karin Gonser fest. Sie hat sich extra einen Überzug für ihren Sattel gekauft, um noch weicher zu sitzen. „Wenn ich losfahre, geht es noch, aber je länger ich unterwegs bin, desto stärker werden die Schmerzen.“ Ihre Radhose ist ebenfalls gepolstert, eigentlich sollte sie weich genug sitzen. Wo also liegt das Problem?
Überzug mit Sensoren ausgestattet
Das soll nun herausgefunden werden. Wolfer hat inzwischen die Einstellungen des mitgebrachten Rads auf das Testrad übertragen und den Sattel darauf montiert. Darauf kommt noch ein Überzug, der mit Sensoren ausgestattet ist. Auf den darf sich Karin
Gonser jetzt setzen und in die Pedale treten. Mithilfe des Sattelüberzugs und weiterer Sensoren in der Sattelstütze werden Sitzposition und Druckstellen ermittelt. Die Daten werden per Bluetooth an ein Programm übertragen, das eine Grafik erstellt. Dunkel gefärbte Stellen zeigen an, wo die Druckstellen liegen und wie stark der Druck ist. Der Sattel von Karin Gonser ist schon gut eingestellt, das zeigt die Grafik. „Ich glaube, Sie sitzen zu weich“, mutmaßt Wolfer.
Fünf Sättel hat Everve angefertigt, die in der Neigung und Breite der Sitzfläche variieren. Karin Gonser nimmt auf jedem Sattel Platz. Die Messung dauert etwa zwei Minuten, anschließend wird eine Grafik erstellt. Etwas mehr als 20 Personen hat Everve schon getestet, für ein optimales Ergebnis sollten es deutlich mehr sein.
Geschafft, die Daten sind erhoben. Gemeinsam mit Karin Gonser schaut Andreas Wolfer alle noch einmal durch. „Es gibt drei Probleme, die beim Sitzen auf dem Fahrradsattel auftreten können“, erklärt er. Im sportiven Bereich sei vor allem die Reibung ein großes Problem. Je mehr Kilometer zurückgelegt werden, desto wichtiger sei eine trockene, möglichst reibungsfreie Sitzfläche.
Ein zweites Problem seien Druckstellen
Ein zweites Problem seien Druckstellen. „Wenn die Person falsch auf dem Fahrrad sitzt oder der Sattel nicht gut auf die Körperform passt, erzeugt das punktuellen Druck an einzelnen Stellen.“ Immer wieder greift Wolfer nach dem Knochenmodell eines Beckens, um an verschiedenen Sätteln zu demonstrieren, wie die Sitzknochen aufliegen. Neben dem Knochenbau spielt auch das Gewebe am Hintern eine große Rolle, das sogenannte Sitzfleisch. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. „Den richtigen Fahrradsattel zu finden, ist ein komplexer Prozess“, sagt Wolfer. „Viele Firmen kennen sich zu wenig aus oder haben keine Lust, sich damit zu befassen.“
Bei Karin Gonser sind weder Reibung noch direkter Druck das Problem. Die Analyse ihres Fahrradsattels ergibt sieben von zehn möglichen Punkten. Also muss es am dritten Grund liegen: „Sie sitzen zu weich“, erklärt Wolfer. Das Problem dabei: Die Sitzknochen sinken so weit ein, dass sie den Druck nicht mehr abfedern können und dieser in das tiefer liegende Gewebe ausstrahlt. Das Gewebe zerrt an den Knochen, was mit der Zeit zu Schmerzen führt.
Wolfers Tipp an die Probandin: Sämtliche Polsterung weglassen, auch die gepolsterte Fahrradhose. „Am Anfang wird sich das sehr unangenehm anfühlen, aber Sie werden merken, mit der Zeit wird es besser.“ Außerdem immer hilfreich: „Gelegentlich aufstehen beim Fahren“ – das entlastet das Gewebe.