Zum Start des Nagolder Mittsommers verzogen sich die dicken Wolken. Die Besucher waren in allerbester Kauf- und Erlebnis-Laune, und die bis 24 Uhr geöffnete Einkaufsmeile füllte sich kontinuierlich.
„Keine Ahnung, wie Nagold das immer macht?“ Die Dame nebenan auf der Runde durch die Marktstraße spricht einem aus der Seele: Eben noch Unwetter, dicke Wolken, Sturm. Und pünktlich zum Beginn des Nagolder Mittsommers reißt die Wolkendecke auf, die Sonne kommt durch, am Ende gar ein makelloser Himmel mit dem allerschönsten Abendrot, das sich denken lässt. Der perfekte Sommertag für einen perfekten Mittsommernachtstraum.
Wer Nagold an einem „normalen“ Nachmittag, Abend kennt, weißt um die oft relative Hektik der geschäftigen Besucher. Die Zeit der kostenlosen Parkgelegenheiten in der Stadt tickt – das macht Beine.
Lust auf Bummeln
An diesem späten Freitag ist das – mal wieder – irgendwie anders. Die Menschen in der Innenstadt haben ganz offensichtlich richtig viel Muße mitgebracht. Lust auf Bummeln. Wirken eigenwillig entschleunigt. Entspannt. Genießen die besondere Atmosphäre.
Allen voran auf dem Vorstadtplatz. Hier gibt’s auch Vorführungen auf dem roten Teppich, von ganz unterschiedlichen Tanz-Gruppen. Von der Folklore bis zum Modern Dance reicht die Palette. Und Live-Musik gibt es beim Nagolder Mittsommer zu genießen – verteilt in der Stadt treten die Ensembles auf.
Die besten Plätze in den Straßencafés der Stadt sind ziemlich schnell vergeben. Auch in der schmucken, weißen Lounge, die Juwelier Kalmbach vor seinem Laden in der Turmstraße aufgebaut hat. Ein besonderer Platz, sogar unter echten Palmen. Am liebsten würde man sich selbst in die gemütlichen Polster lümmeln. Aber erst mal schauen, was es sonst noch so gibt. Auf dem Platz ohne Namen, wo die Hirschgasse von der Turmstraße abzweigt zum Beispiel.
Mischung aus belegtem Brot und Pizza
Denn hier pumpt die Mucke deutlich aus den Lautsprechern. Daniele, der ’verrückte Sizilianer’, wie es auf seinem Stand zu lesen ist, ist dafür verantwortlich. Sein Motto – er zitiert’s gerne auf Nachfrage: „Saufen, Essen, Tanzen!“ Seine ’Ponsa Romana’, eine Mischung aus belegtem Brot und Pizza, duftet aus dem Ofen. Dazu empfiehlt er – ebenfalls von seinem Stand – einen kühlen ’Aperol Spritz’. Diesen orange-roten Traum im Glas mit der Orangenscheibe. Aber den sollte man wirklich genießen, nicht ’Saufen’. Wie es der laute Patrone empfiehlt.
Ein bisschen weiter die Turmstraße rauf, vorm Alten Turm, sind die Leute noch ein wenig fröhlicher als sowieso schon. Zumindest wenn sie gerade aus dem Alten Turm kommen. Wie Hamid aus Gündringen und Hildegard aus Talheim. Die haben gerade drinnen die tolle ’Fotobox’ ausprobiert, tragen ihre Trophäe nun vor sich her. Eine einmalige Foto-Serie von sich. Und ihrer Begleitung. Die sie auch gerne herzeigen. Eine witzige, gemeinsame Erinnerung. Ein Spaß für den Moment. An den man sich wohl auch immer mal wieder erinnern wird.
Den Passanten gefällt’s
Turmstraße, Ecke Marktstraße dann ein Déjà-vu. Nina, Ina und Laura haben hier, vor dem Geschäft „Einzig & Allein“, in dem sie normalerweise arbeiten, einen riesigen Gebraucht-Kleidermarkt aufgebaut. Mindestens 50 Meter dicht behangener Kleiderstangen. So einen Secondhand-Stand, an anderer Stelle mit anderen Betreiberinnen, hatte man auch beim Nagolder Frühling staunend entdeckt. Und auch Nina, Ina und Laura bestätigen lachend: Alles, wirklich alles, was sie hier auf der Straße verkaufen, stammt aus ihren privaten Kleiderschränken. Der nehme zumindest bei Ina tatsächlich auch ein ganzes, großes Zimmer ein.
Aber den Passanten, vor allem natürlich den Passantinnen, gefällt’s offensichtlich. Dicht umlagert sind die feilgebotenen besten Stücke. Allesamt Lieblingsteile. Nagold ist wirklich modeverrückt, muss man denken. Aber man kann hier die Endorphine bei der Arbeit förmlich sehen. Entfesselte Glückshormone. Shoppen zur Mittsommernacht eben. In Nagold. Was für ein einzigartiger, fantastischer Abend!