Jürgen und Beatrix Oberle blicken dieses Jahr mit dem Team auf 30 Jahre Praxis in Eutingen zurück. Foto: Feinler Foto: Schwarzwälder Bote

Gesundheit: Hausarztpraxis von Beatrix und Jürgen Oberle seit 30 Jahren in Eutingen / Von Großstadt aufs Land gezogen

Eigentlich wollte das Team der Hausarztpraxis Oberle das 30-jährige Praxisbestehen in Eutingen feiern, doch aufgrund der Corona-Pandemie wird das Fest wohl verschoben.

Eutingen. "Mal schauen, wann wir das nachholen können", erklärt Beatrix Oberle. Sie hat im Album noch Fotos von den Anfangszeiten gefunden. "Da war ich schwanger. Ohje, was haben wir alles erlebt", erinnert sich die Mutter von drei Kindern an die erste Zeit in Eutingen. Ihr Mann, Jürgen Oberle, hatte einst von einem Kulturschock für die beiden Rheinländer gesprochen. Der Verwandten- und Bekanntenkreis war damals überrascht, dass das Ärztepaar von der Großstadt Düsseldorf in das schwäbische Dörfle Eutingen wechselte. Beatrix Oberle hatte damals gesagt: "Ich bin Düsseldorferin und bleibe Düsseldorferin." Sie wollte anfangs Kinderärztin werden, ihr Mann sah seinen Schwerpunkt in der Halsnasenohren-Heilkunde. Doch zu dieser Zeit fanden Ärzte nur schwer einen Arbeitsplatz und einige mussten die Heimat verlassen.

Der Bruder von Jürgen Oberle arbeitete am Bodensee, weshalb er seinen Bruder an das Krankenhaus nach Engen holte. Beatrix Oberle fand eine Stelle in Radolfzell, lebte aber zusammen mit ihrem Mann in Engen. Der damals fast 10 000-Seelen-Wohnort war beiden zu klein, weshalb sie weitersuchten. Über einen Berater kamen sie auf die Praxis von Karl Kveton nach Eutingen, der nach rund 20 Jahren seine Praxis abgeben wollte. Eutingen sagte den beiden zu und so übernahmen sie 1991 die Praxis am Vollmaringer Weg in Eutingen – in einer turbulenten Zeit, denn Beatrix Oberle war hochschwanger. Als Praxisassistenten wurden sie vom Vorgänger gut eingearbeitet.

"Die Eutinger haben wir von Anfang an besser verstanden als die Menschen am Bodensee", erklärt Jürgen Oberle. Beatrix Oberle erinnert sich an ihren ersten Patienten, der sie gefragt habe, ob sie überhaupt Blutdruck messen könne. "Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?", hatte sie den Herrn damals gefragt und gesagt: "Sie sind der erste, bei dem ich es ausprobiere."

Schwäbisch lernte Familie Oberle von Erna Pusch und Elisabeth Teufel sowie den Patienten. Mit Charme und Nachfragen haben sich Oberles eingelebt, die anfangs mit knappen finanziellen Mitteln wirtschaften mussten. Der Vorgänger hatte sie gewarnt: "Wenn ihr weiterhin so das Geld zum Fenster rausschmeißt, seid ihr bald pleite." Damit bezog sich Karl Kveton auf die Einführung der Lesezirkelzeitschriften fürs Wartezimmer und der Anschaffung von Einwegbechern für Urinproben. Der Vorgänger hatte zwei Becher, die er nach jeder Probe ausschwenkte und wieder verwendete.

Beatrix Oberle bekam Sohn Lutz und gönnte sich ein Vierteljahr lang eine Pause. 1993 stieg Friedemann Heck als Partner in die Praxis ein, was aber Platzprobleme hervorrief. Ein Umbau wurde nötig. Beatrix Oberle kann sich noch genau erinnern, wie die Patienten in der Baustelle gewartet hatten, denn umgebaut wurde bei laufendem Betrieb. "Die Patienten gingen auf unsere Privattoilette und fanden das ganz interessant. Im Wohnzimmer hat Yvonne die Karten sortiert", denken die Oberles zurück. Da kein Geld vorhanden war, musste an jedem Eck gespart werden. "Erst wollten wir Estrich reingießen, aber da hätte man wieder warten müssen, dann musste halt doch eine Alternative her", sagt Beatrix Oberle lachend, die eigentlich Kinderärztin werden wollte, aber dann über die Chirurgie zur Allgemeinmedizin kam. Mancher Patient erwies sich als "Bauberater", der sich die Wartezeit damit verkürzte, den Bauherren nützliche Tipps zu geben.

Das Praxisteam bildet den medizinischen Nachwuchs aus und gehört als Lehrpraxis der Universität Tübingen einer wichtigen Weiterbildungsinstitution der Hausärzte in der Region an. "Ich kenne meine Patienten zum Teil von klein auf. Oft ist die ganze Familie schon bei uns gewesen", sagt Beatrix Oberle.

Beatrix und Jürgen singen im Kirchenchor mit Band "Effata" in Eutingen, sind Mitbegründer der politischen Montagsgebete auf der Liebfrauenhöhe und des Weltladens in Eutingen. Sie schrieben ein Buch über ihre Erlebnisse, dessen Erlös der Jugendarbeit der Sportvereine in Eutingen im Gäu zugutekam. Beatrix Oberle brachte sich in der Eutinger Schule ein, war Mitbegründerin des Schulfördervereins und auch sonst in zahlreichen Gruppen vertreten.

Zusammen mit Sohn Lutz kann heuer nicht der doppelte Geburtstag gefeiert werden, weshalb die Feierlichkeiten verschoben werden sollen. Das Team der Corona-Schwerpunktpraxis kann den Zeitpunkt aktuell allerdings nicht abschätzen.

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