So verläuft die Quartiersgrenze (orange) um Eutingen und das geplante Neubaugebiet Vollmaringer Weg (blau gestrichelt). Grafik: Büro "Endura Kommunal" Foto: Schwarzwälder Bote

Kommunales: Erste Tendenzen aus der Bevölkerung zum Jahresende erhofft / Interessante Ansätze und Entwicklungspotenzial

Bekommt Eutingen ein Nahwärme-Versorgungsnetz? Wenn es nach dem Gemeinderat geht, ja!

Eutingen. Nach einem erfolgreich umgesetzten Nahwärmenetz in Weitingen und in Teilen von Rohrdorf wurde das Thema durch eine Machbarkeitsstudie für Eutingen aufgegriffen. Die Machbarkeitsstudie, erstellt von der Energie-Agentur Horb, kam zum Ergebnis, dass sich in Eutingen ein Wärmenetz zu wirtschaftlichen Konditionen aufbauen lässt. In den anschließenden, nichtöffentlichen Beratungen wurde die Verwaltung beauftragt, das Projekt weiter zu verfolgen und das Ergebnis wurde jetzt während der jüngsten Gemeinderatssitzung vorgestellt.

Für eine sinnvolle Durchführung eines energetischen Quartierskonzeptes sollte das Untersuchungsgebiet eine bestimmte Mindestgröße aufweisen, so die Planer. Das Untersuchungsgebiet umfasst deshalb den kompletten Ortsteil Eutingen, der sich in vier markante Bereiche aufteilt:

Gemeindeeigene Gebäude

Die gemeindeeigenen Gebäude in Eutingen bestehen aus der Hauptverwaltung der Gemeinde, dem Kindergarten und der Schule mit Lehrküche und Schwimmbad, sowie der Turn- und Festhalle Eutingen. Für den Kindergarten im Vollmaringer Weg (Fantadu) ist zudem eine Erweiterung geplant.

Städtebauliches Konzept

"Die Entstehung von 30 neuen Wohneinheiten in unmittelbarer Nähe des Kindergartens und des Schul- und Hallenkomplexes sind geplant", schreibt die Energie Agentur Horb in ihrem Dossier zu diesem Bereich. Die Nenngröße "30 neue Wohneinheiten" sorgte dann in der Bürgerfragestunde für einiges an Verwirrung (wir berichteten).

Bestandswohn- und -gewerbegebiet

Hier stellten die Planer fest, dass die Bebauung im Bestandswohn- und -gewerbegebiet recht unterschiedlich ist. Einzelne Gebäude sind weit über 100 Jahre alt und stehen unter Denkmalschutz, andere sind in den letzten Jahrzehnten dazu gekommen. Im westlich des Wohngebiets gelegenen Gewerbegebiet gibt es eine Mischung aus Dienstleistung, Handel, Handwerk und Gewerbe. In vielen Gebäuden sind die Heizungsanlagen vermutlich am Ende Ihrer Laufzeit und müssen auch gemäß den gesetzlichen Vorgaben aus der Energieeinsparverordnung (EnEV) nach der Laufzeit von 30 Jahren getauscht werden. Der Heizungstausch beziehungsweise die energetischen Gebäudesanierungsmaßnahmen müssen gemäß den gesetzlichen Vorgaben des baden-württembergischen Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes erfolgen, stellte die Energie-Agentur fest. Dies bedeutet, dass sowohl die öffentlichen als auch die privaten Gebäudeeigentümer verpflichtet sind, entweder durch den Einsatz von regenerativen Energieträgern oder der energetischen Gebäudesanierung zu gewährleisten, dass 15 Prozent des Energiebedarfs aus regenerativen Energiequellen oder durch Ersatzmaßnahmen abgedeckt werden. "Es gilt Gebäudeeigentümer, die einen hohen Sanierungsbedarf am Gebäude und der Heizanlage haben, zu identifizieren und durch gezielte Ansprache zunächst zu informieren und anschließend zum Handeln zu aktivieren", empfehlen die Planer.

Neubaugebiet "Vollmaringer Weg"

Die Planung des Neubaugebietes mit 51 Gebäuden bietet der Gemeinde Eutingen Gestaltungsspielraum, um eine zielgerichtete Energieversorgung umzusetzen, die ihren Klimaschutzaktivitäten entspricht. Bei der künftigen Erschließung des Neubaugebiets ergibt sich die Chance einer frühzeitigen und ganzheitlichen Betrachtung von Fragestellungen rund um die Energieversorgung und zukünftigen Anforderungen an die Infrastruktur und Wohnqualität. So können beispielsweise Synergien für das Bestands- und Neubaugebiet im Bereich der Wärmeversorgung entstehen. Diese Feststellung der Energie-Agentur ist jedoch nicht ganz unumstritten, wie Bürgermeister Armin Jöchle im Laufe der Sitzung zugeben musste.

Weiter stellt die Agentur fest, dass der Ballungsraum privater Gebäude um das Rathaus für eine mögliche zentrale Wärmeversorgung großes wirtschaftliches Potenzial bietet. Auch sei im südlichen Bereich Eutingens das energetisch interessante Seniorenzentrum "Haus am Talbach" angesiedelt und auch das westlich gelegene Industriegebiet solle für energetische Synergiemöglichkeiten nicht außer Acht gelassen werden.

Alles in Allem bietet ein solches Nahwärmenetz also interessante Ansätze und Entwicklungspotenzial, so das Fazit der Verwaltung.

Durch Erfahrungen in Weitingen ist der Verwaltung allerdings bekannt, dass die Projektentwicklung mit erheblichem Zeitaufwand verbunden ist und dies die Verwaltung durch anderweitige Auslastung nicht leisten kann.

Das Büro "Endura Kommunal" aus Freiburg, begleitet und unterstützt Verwaltungen vom Konzept bis hin zur Umsetzung in diesen Belangen. "Für ein funktionierendes Wärmenetz sind viele Schritte nötig" wusste Jöchle, der erklärte, dass zunächst eine Bestandsaufnahme der Gebäude in Eutingen durchgeführt werden muss. Im Anschluss an die Bestandsaufnahme müssen die Daten ausgewertet und hieraus dann realisierbare Maßnahmen entwickelt werden. Die entwickelten Maßnahmen können dann in Form von Bürgerbeteiligungsprozessen und Informationsveranstaltungen vorgestellt und weiterentwickelt werden. Um diesen Prozess schnellstmöglich voranzutreiben, soll das Büro "Endura Kommunal" mit der Projektentwicklung beauftragt werden.

Das Büro aus Freiburg bietet ein Komplett-Paket zum Preis von knapp 60 000 Euro an. Hiervon würden allerdings 75 Prozent von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) übernommen werden, sodass die Gemeinde lediglich 25 Prozent Eigenanteil, also knapp 15 000 Euro an der Projektentwicklung tragen müsste.

Bürgermeister Jöchle erklärte abschließend, dass sich in Eutingen bereits eine Interessengemeinschaft "Nahwärme" gegründet habe, die jedoch bei dieser Sitzung nicht vor Ort war. Auf ihn mache das Büro "Endura Kommunal" einen guten Eindruck und er hofft, dass man erste Tendenzen aus der Bevölkerung bereits zum Jahresende 2021 vorliegen hat.

In der anschließenden Diskussion stellte Rat Martin Kramer fest, dass der Zuschuss von 75 Prozent für ihn ein wichtiges Kriterium für die Auftragsvergabe sei. Deshalb erteilte er seine Zustimmung vorbehaltlich dieser Zuschuss-Zahlung und ließ das auch so in der Beschlussfassung fixieren. Auch bestand er darauf, dass dieses Nahwärmenetz von einem externen Anbieter betrieben wird und nicht in die Verantwortung der Gemeinde falle. Bürgermeister Jöchle erwiderte hierzu, dass man ganz am Anfang der Diskussion stehe und man heute noch nicht sagen kann, wer dieses Nahwärmenetz später einmal betreiben wird. "Hier gibt es viele Möglichkeiten – von der Genossenschaft bis zu den jetzigen Anbietern", ergänzte der Schultes.

Hierzu wollte Rat Rainer Himmelsbach wissen, ob man der "Endura Kommunal" jetzt schon mitgeben könne, welche Rechtsform man gerne haben möchte. "Ich wäre für eine Genossenschaft", so Himmelsbachs Wunschvorstellung, aus der er gleich eine Gesamt-Genossenschaft aus den bisherigen örtlichen GmbHs machte. "Diese Gedanken sind im jetzigen Stadium sehr sportlich", konterte der Verwaltungschef, der dazu tendierte, erst mal die Ergebnisse einer breiten Bürgerbeteiligung abzuwarten.

Rat Anton Friedrich fand es gut, dass sich die Gemeinde mit diesem Projekt befasst, nur wunderte er sich, dass man beispielsweise auf dem Neubaugelände an der Albblickstraße plötzlich Nahwärme empfiehlt obwohl die Häuser drum rum seit 30 Jahren mit Gas versorgt werden. "Im Neubaugebiet Täle in Göttelfingen kommt Gas rein, dort wo man schon lange Gas hat, dort soll nun Nahwärme rein – das verstehe ich nicht."

Armin Jöchle erinnerte an diesem Punkt daran, dass es im Flecken eben recht unterschiedliche Bedürfnisse gibt und bat sein Gremium um ergebnisoffene Zustimmung zum Auftrag an die "Endura Kommunal", die auch einstimmig erteilt wurde.

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