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Eutingen Ein Teil Gäubahn-Romantik bleibt erhalten

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Stellwerk zwei damals: Bei Eisenbahn-Liebhabern schlägt das Herz höher, wenn sie die ehemalige Ausrüstung des Stellwerks zwei sehen. Foto: Schwarzwälder Bote

1989 ist ein historisches Eutinger Eisenbahnjahr, denn vor genau 30 Jahren wurden die Betriebe in den drei Stellwerksgebäuden beim Neuen Bahnhof ausgesetzt. Seither werden die Weichen und Signale zentral vom Bahnhofsgebäude aus gestellt.

Eutingen. Am Stellpult, unter den Fachleuten als "McL 84 Stellwerk" bekannt, steuert nun eine Person pro Schicht die Arbeit. Von den früheren zehn Gleisen sind heute noch drei vorhanden. Bei so manchem geraten die drei Eutinger Stellwerke in Vergessenheit, sie sind zum Teil gut versteckt und von der Natur verwachsen. Stellwerk drei findet sich eher auf Markung des "Alten Bahnhofs" Eutingen und ist einige 100 Meter vom Neuen Bahnhof entfernt. Das größte Stellwerk, in dem der Fahrdienstleiter saß, Stellwerk zwei, ist vom Bahnhofsgebäude zu sehen. Zu Fuß ist es heute nur noch über die Brücke und den Gang durchs heutige Gewerbegebiet erreichbar. Die Unterführung zu den ehemaligen Bahnsteigen von vier bis zehn ist nicht mehr vorhanden. Auch Stellwerk eins, das Wärterstellwerk in Richtung Ergenzingen, ist aufgrund der Bäume von der Straße her versteckt.

Wenn die drei Gebäude auch nicht herausstechen, so ist zumindest ihre Geschichte eine besondere. Als die damalige Reichsbahn beschloss, den Alten Bahnhof in Eutingen zu schließen und 1933 den Neuen Bahnhof in Richtung Osten auf Rohrdorfer Gemarkung zu bauen, wurde ein für damalige Zeiten unvergleichliches Imperium auf dem Land geschaffen. Stellwerk drei, das erste von Richtung Horb kommend, tanzt mit seiner Backstein-Bauweise aus der Reihe. Wieso, kann sich Eigentümer Hans Ersinger nicht erklären. Die anderen beiden Stellwerke sind in Sicht-Beton gebaut worden.

Eine besondere Bedeutung des neun Mal drei Meter großen Gebäudes wurde bisher nicht aufgedeckt. Es war, wie man es in der Fachsprache betitelt, mit einem elektromechanischen Stellwerk Bauart 1912 mit Farbscheibenüberwachung und separatem mechanischen Streckenblick ausgestattet. Und ebenso wie alle anderen Eutinger Stellwerke wurde es am 18. April 1989 außer Betrieb genommen. Dieses Datum kennt Ersinger noch ganz genau, denn an diesem verloren seine "Herzstücke" ihre Funktion.

Als Eisenbahn-Fan seit Kindesjahren handelte er sofort, als er vom geplanten Abbruch der Stellwerke hörte und erwarb damit das erste von zwei Gebäuden. Somit gehören Stellwerk eins und drei heute dem Kornwestheimer. Stellwerk zwei befindet sich im Eigentum der Gemeinde Eutingen und ist von Ersinger gepachtet.

Auch, wenn Stellwerk drei geschichtlich bisher keine Bedeutung beigemessen wird, hat es von allen Eutinger Stellwerken äußerlich wohl am ehesten den Charme der 1930er-Jahre behalten. Über eine Betontreppe, die weiter oben durch eine alte knarrende Holztreppe abgelöst wird, kommt man in den obersten Raum: den Wärter-/Stellwerksraum. Wo heute technische Leere herrscht, stand einst die elektromechanische Anlage, die vom Aussehen her einem alten Elektroherd mit vielen Schaltern gleicht. Sie bestand aus dem sogenannten Hebelwerk zur elektrischen Stellung und mechanischen Verriegelung der Weichen sowie der Signale und einem Streckenblockkasten, der die Freigabe und Blockierung der Strecke von und nach Horb/Hochdorf ermöglichte. Ihre Umrandungen sind noch deutlich im Linoleumboden zu erkennen.

Der Weichenwärter musste an diesem Hebelwerk die vom Fahrdienstleiter von Stellwerk zwei ankommenden "elektrischen Befehle" ausführen. "Das ist ein komplexes und kompliziertes Thema, aber es hat mich von klein auf fasziniert", erklärt Ersinger. Er durfte bereits in jungen Jahren dem Weichenwärter über die Schulter schauen und kennt daher die dahinterstehende Technik. Kam also ein Zug aus Richtung Horb, erfuhr der Weichenwärter dies per Streckentelefon. Er hörte die Zugmeldungen zwischen den Bahnhöfen mit. Zudem konnte er anhand eines festen Fahrplans nachsehen, was wann einfuhr. Alle Signale waren unter "Verschluss" des Fahrdienstleiters, der diese anhand der Bahnhofsfahrordnung freigab.

Laien können sich das damalige Vorgehen in den Stellwerken nur grob vorstellen. Doch Ersinger gerät ins Schwärmen und erklärt: Der Wärter musste aus dem Fenster schauen, um zu überprüfen, ob die Gleise auch "frei" waren. Dann legte er durch drehen der blauen "Weichenhebel" die notwendigen Weichen in die richtige Lage. Danach griff er zum roten "Fahrstraßensignalhebel" und stellte das entsprechende Signal "K" auf "Grün". Dieser Hebel verschloss mechanisch den ganzen Fahrweg des Zuges. Man konnte nun nichts mehr verstellen, alles was in den eingestellten Weg führen würde, war nun verriegelt und für den heranbrausenden Zug gesichert. Erst der Zug selbst löste seinen Fahrweg nach Vorbeifahrt etwa am Stellwerk, durch überfahren eines Schienenkontakts, "elektrisch" selbst auf.

Im Notfall, bei Gefahr, allerdings konnte das Einfahrsignal jederzeit vom Wärter auf "Halt" zurückgestellt werden. Die Weichen aber blieben immer noch verschlossen, damit nichts passieren konnte. Das Annähern des Zuges aus Horb wurde ihm am "rappeln" des von "weiß" auf "rot" wechselnden Farbfeldes des Streckenblockkastens angezeigt. War nun der Zug am Stellwerk vorbeigefahren und hatte der Wärter den Zugschluss, anhand der Schlussscheibe, der roten Lampen, beobachtet dann konnte er das Einfahrsignal wieder zurück auf "Halt" stellen. Er kurbelte am Streckenblockkasten zum Horber Fahrdienstleiter zurück, was die Blockierung der Strecke für denselben dann aufhob. Anschließend "meldete" er an diesen Kasten auch "seinem" Fahrdienstleiter auf Stellwerk zwei, dass der Zug nun auf dem Weg zum Eutinger Bahnhof sei. Dann legte er seine Weichen wieder in Grundstellung und gab auch den erhaltenen "blockelektrischen Befehl" wieder "elektrisch" an das Fahrdienstleiter-Stellwerk zwei zurück.

Das war für damalige Zeiten ein großer technischer und sicherer Fortschritt. Wollte der Fahrdienstleiter einen Zug von oder nach Hochdorf schicken, so musste der Wärter, trotz dass er "damit nichts direkt zu tun" hatte, eine "elektrische Zustimmung" an seinen Fahrdienstleiter geben. Dies war ein "grüner" Hebel.

Mit der Elektrifizierung fielen die Aufgaben weg und so wurde 1989 der Abbruch der Stellwerke geplant. Diesen Abbruch konnte Eisenbahnfreund Ersinger verhindern, der sich ehrenamtlich im Förderverein und Museum zur Erhaltung des einstigen Lehrstellwerks-Kornwestheim der Bahn einbringt. Er ist froh, wenigstens einen gewissen Teil der Gäubahn-Romantik für "seinen Heimatbahnhof Eutingen (Württ)" und für die Nachwelt erhalten zu können.

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