Vier Stunden Ausnahmezustand: Wie der Eurovision Song Contest (ESC) in der Wiener Stadthalle eine grenzenlose Pop-Utopie inszeniert, bei der am Ende alle „Bangaranga“ rufen.
Heftig zuckend sitzt die Frau mit den bedrohlich glänzenden Augen zwischen ebenfalls wild zappelnden Körpern und behauptet: Ich bin ein Engel. Ich bin ein Dämon. Ich bin ein Psycho. Ich bin ein Bangaranga Bangaranga. Bald schon wird der Wartesaal, den die Bühne zunächst darstellt, aus dem Weg geschafft für dieses aufmüpfige Ensemble. Es kann keine Kulissen gebrauchen, wenn es ungestüm hin und her hüpft und zusammen mit den Menschen in der Halle immer wieder dieses mysteriöse Mantra skandiert: „Bangaranga“: So heißt dann auch der Song, auf den sich am Samstagabend die meisten einigen können – in der Wiener Stadthalle und überall auf der Welt vor den Bildschirmen.
Mit dem Song „Bangaranga“ gewinnt Dara für Bulgarien am Samstagabend das Finale des 70. Eurovision Song Contest (ESC) in Wien. Bulgarien hatte zuvor drei Jahre bei dem größten Gesangswettbewerb der Welt pausiert. Der Song, der mehr nach K-Pop als nach Balkanfolk klingt, siegt mit sehr deutlichem Abstand (516 Punkte), vor Noam Bettan, der mit „Michelle“ für Israel angetreten ist (343 Punkte) und Alexandra Capitanescu mit „Choke Me“ aus Rumänien (296 Punkte). Sarah Engels schafft es mit „Fire“ für Deutschland nur auf den drittletzten Platz (12 Punkte). Im Vorjahr holten Abor & Tynna mit „Banger“ für Deutschland immerhin Platz 15. Schlechter als Deutschland schneiden am Samstag in Wien nur Gastgeber Österreich (6 Punkte) und Großbritannien (1 Punkt) ab.
42 Sekunden, die die ESC-Welt zusammenhalten
Wichtiger aber als all diese Zahlen ist an diesem Abend die Zahl 42. Und das hat nichts mit Douglas Adams’ Science-Fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu tun, in dem diese Zahl als die letzte Antwort auf alle Fragen der Welt steht. Am Samstag in Wien hält die 42 die Welt des Eurovision Song Contest deshalb zusammen, weil die Postkarten-Clips, die immer zwischen den einzelnen Auftritten eingeblendet werden, genau 42 Sekunden dauern. Und all den schwarz gekleideten Menschen, die auf der Bühne der Wiener Festhalle Harfen, Flügel und Schlagzeuge, Aquarien, Spiegelkabinette und Raumkapseln auf- und abbauen, bleiben immer nur diese 42 Sekunden Zeit, um Deutschland in Israel oder Moldau in Finnland zu verwandeln.
Wer das große Finale des Eurovision Song Contest am Samstagabend vor dem Fernseher anschaut und nicht zu den 10.000 Menschen gehört, die live bei dem Spektakel in der Wiener Stadthalle dabei sind, bekommt davon natürlich nichts mit. In der Halle selbst erlebt man aber auch sonst die Show ganz anders und intensiver. Wer bisher kein ESC-Fan war, wird es jetzt werden.
Alle sind ein bisschen Griechenland, Deutschland oder Schweden
Schon bevor die über vierstündige Show auf Sendung geht, ist das Publikum bester Laune, singt „Volare“, „Waterloo“ oder „Dschingis Khan“ mit und grölt selbst die Melodie der Eurovisions-Hymne so ausgelassen, als ob es sich dabei um einen ESC-Hit handeln würde. Und später, als die 25 Nationen nach und nach ihr Glück versuchen, hat man nicht den Eindruck, dass beim Jubeln, Mitsingen und Mitfeiern, Grenzen eine Rolle spielen. An diesem Abend sind alle ein bisschen Griechenland, Zypern, Dänemark, Tschechien, Schweden oder Deutschland. Auch bei Israels Auftritt, bei dem es im Halbfinale noch Zwischenrufe gab, wird diesmal einhellig gejubelt.
Der Stimmung in der Halle schadet auch nicht, dass einige Beiträge doch eher enttäuschen. Albanien und Serbien etwa versuchen mit viel Nebel, Pathos und martialischen Inszenierungen von den Schwächen ihrer Songs abzulenken, Antigoni aus Zypern posiert bei „Jalla“ doch ein bisschen arg frech als Europas Antwort auf Shakira. Das zuvor als Favorit gehandelte finnische Duo Linda Lempenius und Pete Parkkonen übertreibt es so sehr mit der Theatralik, dass ihre Show fast schon unfreiwillig komisch wirkt. Und obwohl Sarah Engels für Deutschland mit ihren Tänzerinnen eine sexy Show abliefert, fehlt „Fire“ das Besondere. Dass die Nummer am Ende zwischen den anderen Beiträgen untergeht, liegt ganz bestimmt nicht nur daran, dass Engels schon als zweite auf die Bühne muss.
Highlights aus Griechenland, Norwegen und Moldau
Zu den Highlights der Show zählt dagegen der Auftritt von Akylas’, der für Griechenland die Bühne in eine Art Jump-&-Run-Videospiel verwandelt. Satsohi ist für Moldau mit einem grandiosen Hip-Hop-Kracher am Start. Jonas Lov aus Norwegen eifert mit seiner Band und einer knurrigen Rock’n’Roll-Show den Hives und den White Stripes nach. Cosmó aus Österreich hat mit „Tanzschein“ einen knuffigen Ohrwurm im Programm, bei dem Austropop auf Billie EIlishs „Bad Guy“ trifft und der auf jeden Fall mehr als sechs Punkte verdient hätte. Auch der eine Punkt, den es für die Nummer „Eins, Zwei, Drei“ von Look Mum No Computer aus Großbritannien gibt, wird dieser zickig-zackigen New-Wave-Nummer nicht gerecht.
Am ruhigsten wird es in der Halle dagegen immer dann, wenn Auftritte nur für die Kameras und damit fürs TV-Publikum inszeniert sind – zum Beispiel bei AIdan aus Malta, von dem man auf der Bühne kaum etwas zu sehen bekommt, weil er sich die meiste Zeit hinter Kulissen versteckt. Und auch die Moderationen von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski sind an diesem Abend nicht wirklich geeignet, Stimmung zu machen. Aber – wie vorher ein ESC-Mitarbeiter bei einer Backstage-Führung verraten hat – sind diese Moderationen sowieso nur dafür da, um die Zeit zu überbrücken, wenn die Bühnenarbeiter den Umbau mal doch nicht in 42 Sekunden schaffen.