Bei der 70. Auflage des ESC wird deutlich, dass das größte Musikfest der Welt ganz und gar nicht unpolitisch ist. Gut so, findet unser Reporter Gunther Reinhardt.
Der ESC ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Einer, der das weiß, ist Norbert Kettner. Er ist kein Musikkritiker, sondern Direktor des Wiener Tourismusbüros. Er ist alt genug, dass er sich noch daran erinnern kann, wie er als kleiner Junge vor Fernseher saß, als Abba mit „Waterloo“ den ESC, der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß, gewannen.
Israels Vorgehen im Gaza-Krieg überschattet den ESC
Doch mehr noch als die eigentliche Show, bei der am Samstag in der Wiener Stadthalle Dara mit „Bangaranga“ den Sieg für Bulgarien geholt hat, hat sich das Drumherum verwandelt. Und genau damit kennt sich Kettner sehr gut aus. Er war nicht nur in diesem Jahr für die Organisation des ESC in Wien verantwortlich, sondern hatte diesen Job schon vor elf Jahren, als Wien schon einmal nach dem Sieg von Conchita Wurst („Rise Like A Phoenix“) ESC-Gastgeber war.
„Das waren andere Zeiten“, sagte Kettner bei einem Treffen zwei Tage vor dem Finale. Die Entscheidung der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Israel nicht von dem Wettbewerb auszuschließen, hat dazu geführt, dass Spanien, Irland, Island, die Niederlande und Slowenien ihre Teilnahme abgesagt haben und dass sich Wien „während des ESC in eine Hochsicherheitszone verwandelt hat“, so Kettner. Israels Vorgehen im Gaza-Krieg, dem ein Massaker der islamistischen Hamas und anderer Terroristen in Israel am 7. Oktober 2023 vorausgegangen war, überschattet die Show. Im Halbfinale gibt es zum Beispiel Zwischenrufe beim Auftritt des israelischen Sängers Noam Bettan.
Aber das kann, muss und sollte der Eurovision Song Contest aushalten. Zu glauben, der ESC sei eine politikfreie Zone, ist naiv. Das sture Beharren der Verantwortlichen darauf, dass es hier nur um Musik und Unterhaltung geht, ist weltfremd und vielleicht sogar gefährlich: Das Leugnen der politischen Bedeutung des größten Gesangswettbewerbs der Welt trägt eher zur Eskalation bei. Kunst ist niemals unpolitisch. Das gilt auch für den ESC. Und das ist gut so.
ESC propagiert großartige politische Ideen
Der ESC propagiert nämlich viele großartige politische Ideen. Er ist ein in ein wunderbar schrilles kunterbuntes Spektakel verpacktes Manifest für eine diverse Gesellschaft, in der alle sein können, was sie sein wollen. Dieses Event widerspricht so sehr dem reaktionären Weltbild von Menschen wie Victor Orbán, dass er dafür gesorgt hat, dass Ungarn seit 2020 nicht mehr beim Eurovision Song Contest dabei ist.
Der ESC macht sich in einer Welt, die immer intoleranter gegenüber anderen Meinungen wird, für anders denkende, anders aussehende, anders liebende Menschen und gegen Ausgrenzung stark.
Der ESC kann gar nicht unpolitisch sein
Der ESC zeigt in einer Welt, in der Menschen verlernen empathisch zu sein und stattdessen die Social-Media-Plattformen mit menschenverachtenden Hassbotschaften füllen, dass es auch anders geht: „United By Music“, das Motto des ESC, ist eine durch und durch politische Utopie. Und in der Wiener Stadthalle ist das am Samstagabend beim Finale zu spüren. Hier wird jeder Beitrag lautstark bejubelt – egal ob er aus Großbritannien, Moldau oder Israel kommt.
Die Botschaft des ESC lautet, dass das, was uns verbindet, wichtiger ist, als das, was uns unterscheidet. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. In Zeiten wie diesen ist so ein Signal gegen Ausgrenzung, Hass und Diskriminierung viel wert. Politikerinnen und Politiker auf der ganzen Welt könnten sich da vom ESC einiges abschauen. Statt beharrlich zu leugnen, dass der Eurovision Song Contest eine politische Dimension hat, sollte die Europäische Rundfunkunion stolz darauf sein, dass es ihr immer wieder gelingt, mit Musik Politik zu machen, die von einer besseren, offeneren Gesellschaft träumt.