Eigentlich ist der Eurovision Song Contest ja nur ein TV- Spaß. Aber in diesem Jahr bietet auch er den Kriegstreibern in Moskau Paroli, kommentiert Tim Schleider.
Zweifellos hat Russland guten Grund, alljährlich am 9. Mail der zahllosen Opfer zu gedenken, die zwischen 1942 und 1945 nötig waren, um Nazideutschland zu besiegen. Doch mehr als in früheren Jahren war die große Militärparade am vergangenen Montag auch eine weitere Machtdemonstration Wladimir Putins für den Rest der Welt, für „diesen dekadenten Westen“, wie er es abfällig ausdrückt: Die schier endlosen Reihen akribisch sortierter Soldaten und die Vorbeifahrt monströser Waffen stehen eben auch für Machtwillen, Dominanz, Gleichförmigkeit und Gewaltbereitschaft. Das ist Wladimir Putins Kultur.
Hier ist eine Nacht lang „der Westen“ versammelt
Zum Glück ist „der Westen“ um gemeinsame Antworten auf diese Kultur nicht verlegen – und eine davon wird an diesem Samstagabend auf den Fernsehbildschirmen zu erleben sein: der Eurovision Song Contest. Doch, ganz ernst gemeint! Es stimmt, gerade in der deutschen Öffentlichkeit gilt der alljährliche Popsong-Wettbewerb der TV-Sender eher als knallbunte Spaßveranstaltung, auf der sehr viel Trash und nur selten musikalische Qualität geboten wird. ESC – das ist eine dieser Veranstaltungen, die angeblich niemand anschaut und die man eigentlich schon seit Jahren nicht mehr verfolgt, jedenfalls versichert man es sich so untereinander. Aber seltsamerweise ist der Contest dann doch seit 66 Jahren die erfolgreichste und populärste Popshow der Welt. Mehr als 250 Millionen Menschen verfolgen das Grand Final live, und dies keineswegs nur in Europa, sondern auch in Kanada und in Neuseeland. Ach ja, und vor sechs Jahren hat das Fernsehen Australiens so lang und nett darum gebeten, dass es seitdem auch alljährlich beim ESC mitmachen darf.
Mit Fug und Recht darf man darum sagen, in diesen vier Stunden einer Mainacht ist ein nicht ganz kleiner Teil „des Westens“ um ein mediales Lagerfeuer versammelt; na ja, besser gesagt: um ein Feuerwerk. Und im Grunde ist so ein ESC-Finale vermutlich genau das, was Wladimir Putin seit einiger Zeit mit so viel Abscheu betrachtet. Es ist das exakte Gegenteil von dem, was er am vergangenen Montag in Moskau an Machtpose inszeniert hat.
Der ESC braucht keine Appelle, er selbst ist das Programm
Der ESC ist bunt, lebendig, verwirrend, eine Wundertüte voller Überraschungen, voller Ideen. Er ist ein Spiegel der Vielfalt an Nationen und Kulturen, Klängen, Sprachen, Lebensstilen. Er ist ein schöner Jux, und er ist doch zugleich auch ein Manifest: Alle Teilnehmer begegnen sich auf Augenhöhe, hier Schweden, dort die Republik Moldau, hier Großbritannien, dort die Schweiz. Alle haben die gleiche Punktzahl zu vergeben, alle haben bei der Entscheidung ein Wörtchen mitzureden – aber am Schluss können sich dann doch alle anerkennend hinter dem Sieger versammeln.
Der Eurovision Song Contest kann nur deshalb funktionieren, weil sein Reglement politische Äußerungen auf der Bühne strikt untersagt. Das wird auch in diesem Jahr so sein: Es wird keine Friedensappelle in Richtung Moskau geben – aber offen gestanden, man wird sie auch nicht vermissen, weil es letztlich völlig folgenlos bleibt, auf einem Popkonzert den Frieden zu beschwören. Der ESC braucht keinen Friedensappell, weil seine bloße Existenz schon die entscheidende Aussage ist: Europa und „der Westen“, sie sind durch und durch divers. Das ist ihr Wesen, ihre Stärke. Das ist die Energie, an der jede Heerschau irgendwann scheitern muss.
Übrigens war auch Putins Russland viele Jahre gern beim ESC dabei – das russische Staatsfernsehen musste auf politisches Geheiß hin enorme Mittel investieren, um auch hier auf Sieg zu spielen. Inzwischen hat der Kreml sein Kulturprogramm radikal geändert. Eine Hoffnung bleibt trotz allem: dass die Russen irgendwann aus Überzeugung wieder Teil von Europas Konzert sein wollen.