In dieser Saison empfängt Stuttgart Surge die Teams aus Barcelona, Breslau, Wien, Innsbruck, Frankfurt und Leipzig im Gazistadion. Foto: Rudel/Robin Rudel

An diesem Sonntag empfängt Stuttgart Surge die Barcelona Dragons zum Saisonauftakt. Die ELF firmiert als Profiliga, doch für viele Footballer spielt nicht Geld die wichtigste Rolle, sondern etwas anderes.

Wenn der Manager eines Footballclubs und ein Spieler sich gegenübersitzen, geht es oft um Geld. Wie viel Euro fordert der Akteur dafür, dass er die Knochen hinhält oder seine Genialität zur Verfügung stellt? Wie viel Euro ist der Manager bereit, dafür abzudrücken? 10 000 oder 100 000, eine Million oder gar viele Millionen? Diese Beträge sind für Suni Musa jenseits von Gut und Böse. Der Geschäftsführer von Stuttgart Surge aus der European League of Football (ELF) denkt in Kategorien, die einige Potenzen niedriger liegen. „Es geht bei uns nicht mal unbedingt ums Geld“, sagt der 43-Jährige, „es geht den jungen Leuten um etwas viel Wichtigeres: um Spielzeit.“

 

Für viele Talente hat sich ein Traum erfüllt, wenn sie zum Kader des Clubs zählen, wenn die Stuttgarter an diesem Sonntag (15 Uhr) in die Spielzeit starten und die Barcelona Dragons im Gazi-Stadion empfangen. Surge sieht sich als Football-Aushängeschild im Südwesten, in den Schwäbisch Hall Unicorns und den Ravensburg Razorbacks gibt es im Land lediglich zwei Vereine, die in der nationalen Topliga GFL mitmischen, die Stuttgart Scorpions finden sich in der Zweitklassigkeit wieder. Wer in der Metropolregion im Football jemand werden will, muss bei Surge anheuern, und dann zählen die Zeit in der Partie auf dem Feld und das Sammeln von Erfahrung im Training mehr als Zahlen auf dem Kontoauszug. Dabei denken die Spieler an Marcel Dabo. Der 22 Jahre alte Reutlinger spielte 2021 als Cornerback unterm Fernsehturm und ist über ein internationales Nachwuchsprogramm bei den Indianapolis Colts in der nordamerikanischen NFL gelandet. Solche Geschichten haben Strahlkraft weit über Stuttgart hinaus.

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Gut 40 Prozent der Namen im Kader sind im Vergleich zum Vorjahr neu. Chefcoach Martin Hanselmann war die letzte Instanz, die entschieden hat, wer sich 2022 einen Surge-Helm aufsetzen darf und wer nach einem Probetraining keinen Anruf mehr bekommen hat. Neben der Verpflichtung des Quarterbacks Randall Schroeder, von dem der 59-Jährige schwärmt, er sei „ein Typ wie Tom Brady. Er steht in der Pocket, managt das Spiel und verteilt die Bälle“, hat der Club die Verträge mit den Talenten Paul Steigerwald, Nick Wenzelburger, Julian Ludwig-Mayorga und Ron Wenzler verlängert. Die Philosophie: entwicklungsfähige Burschen holen, sie ausbilden, um sie bei Surge regelmäßig aufs Feld zu schicken. Eine Jugendabteilung besitzt der Club nicht. „Martin hat ein großartiges Auge für Talente“, sagt Suni Musa, „bei ihm sind junge Spieler bestens aufgehoben.“ Die sportliche Perspektive auf der Waldau lockt die jungen Footballer an wie ein Eisverkäufer kleine Kinder.

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Dafür muss Musa nicht mal das Konto plündern. Zwar firmiert die ELF als Profiliga und ist verpflichtet, jedem Akteur ein Gehalt zu bezahlen, doch von den Summen, die monatlich überwiesen werden, wachsen ihm keine grauen Haare. Während das Mindestgehalt eines NFL-Ersatzspielers in der sogenannten Practice Squad bei knapp 200 000 Euro im Jahr liegt und das Gehaltslimit eines NFL-Neulings vergangenes Jahr 616 000 Euro pro Saison betrug, bekommt ein Großteil der ELF-Spieler kaum ein Prozent dessen. Die meisten Aktiven aus dem 50er-Kader erhalten ein paar 100 Euro pro Monat, oft sind es 450; lediglich acht Vollprofis sowie vier Teilzeitprofis in den zwölf ELF-Filialen verdienen ein echtes Gehalt. Dabei gilt wie in der NFL ein Salary Cap, ein Gehaltslimit. Dieses liegt in der ELF bei 68 000 Euro netto, die ein Club insgesamt für diese Spieler ausgeben kann, aber nicht muss. In aller Regel liegen die Entlohnungen für die Profis im niedrigen vierstelligen Bereich, dazu kommen geldwerte Leistungen wie Wohnung, Auto und Reisen. Nun mag Randall Schroeder in seiner Spielweise an Topstar Tom Brady von den Tampa Bay Buccaneers erinnern, beim Blick aufs Konto wird der astronomische Unterschied zwischen NFL und ELF deutlich.

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Um den Etat aufzustellen, der zwischen 600 000 und 700 000 Euro beträgt, hat Suni Musa die Werkzeuge Ticketverkauf sowie Merchandising-Artikeln und Sponsoren zur Hand. Die ELF übernimmt die Kosten für Fernreisen (nach Barcelona) und überweist einen Betrag, der sich aus TV-Geldern und Liga-Werbeeinnahmen speist, dessen Höhe der Manager aber nicht verraten will (oder darf). Er sagt nur: „Es ist bei uns schwäbisch knapp gestrickt, aber wir kommen über die Runden. Irgendwann werden wir Gewinn erzielen.“ Surge vergleicht der Stuttgarter, der im Eventmanagement Erfahrung gesammelt hat, als Start-up, es sei normal, dass noch vieles wachsen müsse – wie die Menge der Zuschauer im Stadion, wobei 2021 wegen Corona-Einschränkungen der Schnitt bei nur 1600 lag. Der sportliche Erfolg könnte als Katalysator wirken und vieles beschleunigen, Cheftrainer Hanselmann ist zuversichtlich, dass das letztjährige Schlusslicht besser dasteht. Es geht nichts über Siege – dann kommen Fans, Sponsoren sind spendabel, und Spieler kämpfen beim Manager um Raumgewinn, um einen Vertrag zu ergattern. Das Gehalt ist Nebensache.