Ekrem Imamoglu, Istanbuls abgesetzte Oberbürgermeister, sitzt im größten Gefängnis von Europa ein. Die Anstalt hat eine lange Tradition im Wegsperren von Regierungsgegnern.
Kalt muss es in Silivri sein, wo Ekrem Imamoglu inhaftiert ist – behauptet der Volksmund. „In Silivri soll es so kalt sein“, entschuldigen sich Türken, wenn sie sich in Umfragen oder Interviews nicht äußern wollen. Jeder weiß, was damit gemeint ist. Wer Kritik am Regime übt, riskiert die Inhaftierung in dem Hochsicherheitsgefängnis außerhalb von Istanbul.
Als größtes Gefängnis von Europa fasst Silivri 11 000 Insassen. Auch 2000 Angestellte wohnen in der Anstalt. Viele Politiker, Journalisten und Kulturschaffende sitzen wegen politischer Vorwürfe in Silivri ein, manche schon seit Jahren.
Mit dem abgesetzten Oberbürgermeister Imamoglu wurden am Sonntag auch 50 weitere Funktionäre der Verwaltung von Istanbul eingeliefert, darunter der Chef des städtischen Kulturamtes, der Leiter des Denkmalschutzamtes und der Chef des Planungsamtes, der für die Erdbebensicherheit von Istanbul zuständig war. Sie treffen in Silivri auf Kollegen und Parteifreunde, die bei der Repressionswelle gegen die Oppositionspartei CHP in den vergangenen Wochen und Monaten festgenommen worden waren, darunter zwei Istanbuler Bezirksbürgermeister. Imamoglu sitzt in einer Einzelzelle, kann aber Fernsehen schauen und sich über die sozialen Medien an die Türken wenden.
Sogar ein Parteichef sitzt in Silivri: Ümit Özdag, der Gründungsvorsitzende der nationalistischen Siegespartei, wurde im Januar verhaftet und wartet auf die angekündigte Anklage wegen Volksverhetzung. Seine Partei hatte die Regierungspartei AKP wegen ihrer Flüchtlingspolitik unter Druck gesetzt.
Die letzte große Protestwelle in der Türkei ist zwölf Jahre her, und noch immer sitzen in Silivri viele Teilnehmer der Gezi-Demonstrationen wegen des Vorwurfs, damit den Umsturz der Regierung betrieben zu haben. Am bekanntesten ist der Kulturmäzen Osman Kavala, der den Demonstranten im Gezi-Park belegte Brote und Stühle spendete. Dafür sitzt der heute 67-jährige seit sieben Jahren im Gefängnis. Zu seinen Leidensgenossen zählen der Stadtplaner Tayfun Kahraman und der Rechtsanwalt Can Atalay, der aus der Haft ins türkische Parlament gewählt wurde; seine Immunität wurde von der Justiz nicht anerkannt.
Nach dem Putschversuch von 2016 wurden in Silivri mehrere Intellektuelle eingesperrt, denen die Regierung zu große Nähe zu ihrem ehemaligen Bündnispartner Fethullah Gülen vorwarf. „Ich werde die Welt nie wiedersehen“, überschrieb der Schriftsteller Ahmet Altan seine Memoiren aus Silivri.
Für türkische Journalisten gehört Silivri inzwischen zum Berufsrisiko, so viele werden immer wieder dort inhaftiert. Der Investigativ-Reporter Mehmet Baransu von der inzwischen eingestellten Zeitung „Taraf“ sitzt seit zehn Jahren ein. Dutzende weitere Journalisten der Oppositionsmedien wurden in den letzten Jahren dort eingesperrt, manche schon mehrfach. Auch einige deutsche Staatsbürger haben Silivri schon von innen gesehen, darunter der Journalist Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner.
Das Gefängnis hat eigene Gerichtssäle, sowie Wohnungen und Schulen für die Angestellten und deren Familien. Und eine eigene Kläranlage. Die Anstalt liegt auf freiem Feld rund 90 Kilometer vom Zentrum von Istanbul entfernt bei dem Vorort Silivri am Marmara-Meer. Weil die Kleinstadt um ihren Ruf bei Badegästen fürchtete, wurde die Haftanstalt kürzlich umbenannt und wird jetzt offiziell als „Strafvollzugsanstalt Marmara“ bezeichnet. Im Volksmund heißt sie weiterhin Silivri.