Sogar der Schirm von Kunsthistorikerin Sabine Bengel ist dem Rosettenfenster des Straßburger Münsters nachempfunden. Foto: Photocouture/Sabina Paries

Das Straßburger Münster überlebte Reformation, Revolution und Krieg. Die Kunsthistorikerin Sabine Bengel kennt sich dort so gut aus, als wäre sie von Anfang an dabeigewesen.

Welches ist das älteste noch existente Bauwerk der Welt? Eine Kirche kann es nicht sein. Und es sind auch nicht die 4700 Jahre alten Pyramiden von Gizeh. Es ist Çatalhöyük, vor etwa 9500 Jahren, in der Jungsteinzeit, als Lehmhütten-Siedlung in Anatolien, angelegt. Çatalhöyük ist so speziell, dass kein KI-Sprachroboter die Übersetzung kennt.

 

Dabei ist der Begriff lediglich eine Ortsbeschreibung und setzt sich aus den Wörtern Gabel und Hügel zusammen: das Dorf am Gabelhügel. Läge es an Rhein und Ruhr oder am Neckar, hieße es vielleicht Gabelhügelheim. Oder Gablenberg?

Seit 1010 Jahren eine Baustelle

Anders als die meisten Lehmhütten entfalten Kirchen über den reinen Hausgebrauch hinaus Wirkung. Und: Ein richtiges Münster ist – ähnlich dem Berliner Flughafen oder Stuttgarts neuem Hauptbahnhof – eine auf die Ewigkeit angelegte Baustelle und wird im Grunde nie fertig.

Am Münster zu Straßburg wird seit 1010 Jahren gebaut. Täglich wird ausgebessert, saniert, der Bestand gesichert. Seit 24 Jahren unter der Ägide von Sabine Bengel, 58. Sie ist Kunsthistorikerin und hat sich 2001 als Praktikantin in mittelalterliche Schriften und in die Entstehungsgeschichte von Sandsteinskulpturen vertieft.

Die Figuren hatten vor 100 Jahren oder mehr ihren Platz an der Münsterfassade. Die Witterung hatte ihnen zugesetzt, nun standen sie als wertvolle Originale hinter Glas. Zu jeder einzelnen Figur sollte die Praktikantin eine Mappe anlegen: Wen zeigt diese Figur? Wer hat sie wann erschaffen? Eine Lebensaufgabe in einem 1000 Jahre alten Haus. Mit einem Arsenal von 2000 Skulpturen! 5000 Gipsabgüssen. 6000 Schriften in Latein, auf Deutsch und Französisch.

Genau das richtige für eine junge Studentin der Kunstgeschichte. Wo andere bloß Kisten mit staubigen Akten sahen, entdeckte sie Schätze: 300 Kartons voll mit ungelesenen Rechnungsbüchern, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen.

„Wir wissen noch, wie’s geht“

Man muss sich Sabine Bengel als freundlich-zugewandte Expertin vorstellen. Sie könnte in Talkshows sitzen und kundig berichten, wie man mittelalterliche Gewölbe, wie sie in Notre-Dame in Paris eingestürzt sind, wieder aufbaut. Dabei geht es um altes Handwerker-Wissen, das verloren gegangen ist. In Straßburg, sagt Frau Bengel, „haben wir uns das bewahrt. Wir wissen noch, wie’s geht.“

„Sogar wenn ich einen Sechser im Lotto hätte, würde ich weiterarbeiten wollen!“

Ein Kölner Kollege von Kunsthistorikerin Sabine Bengel

Sabine Bengel hat am Straßburger Münster ihren Bestimmungsort gefunden. Einmal bekam sie Besuch vom neuen Leiter der Bauhütte am Kölner Dom. „Er kam hier frisch an und sagte: ,Sogar wenn ich einen Sechser im Lotto hätte, würde ich weiterarbeiten wollen!‘“ Indem sie das erzählt, spricht sie auch für sich.

Im Grunde steht jede Kathedrale erhaben für sich und ist nur ihrem Gott und ihrem jeweiligen Dombaumeister verpflichtet. Straßburg im Elsass aber ist Teil des zentralistisch organisierten Frankreich, und dort zählt alleine: Paris und, in diesem Fall, die Kathedrale Notre-Dame.

Älter als Notre-Dame

Indes nimmt das Straßburger Münster für sich in Anspruch, 148 Jahre älter zu sein als Notre-Dame. Trickreich verweisen sie hier auf das Jahr 1015. Sabina Bengel, eine mit dem Sakralbau verwachsene Lokalpatriotin, kann zwar nur auf „zwei seitliche Wandpfeiler“ verweisen, die aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts stammten. Aber: „Ein unterm Münster entdecktes Wasserbecken aus dem 4./5. Jahrhundert wird als erstes christliches Taufbecken angesehen.“ Straßburgs Christen hätten also immer schon am angestammten Platz ihre Kirche gehabt. In andere, zeitgemäße Worte übersetzt: Racing Strasbourg – Paris Saint Germain 1:0!

Das Münster – jeder, der einmal dort war, weiß es – ist nicht einfach eine Kirche, in der der Pfarrer eine Messe liest. Kein profanes Kulturdenkmal, mit dem sich die Touristiker schmücken. Das Münster ist ein Wunder.

Nicht so einheitlich frühgotisch wie Notre-Dame de Paris, dafür finden sich hier Romanik, Gotik, Spätgotik, ein breites Panoptikum an Stilen und Einflüssen. Aus Bayern. Die Turmspitze ist kölnisch. „Wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, fragt er mich: ,Welchen Stellenwert hat dieses Gebäude auf einer Skala von eins bis zehn?‘“ Keine Frage, sagt Frau Bengel: „Notre-Dame ist eine Zehn. Aber Straßburg ist natürlich auch eine Zehn!“

Jedes Jahr ein anderes Jubiläum

Vor einigen Jahren hat sie mit einem Steinmetz, der seit 40 Jahren am Münster arbeitet, und einem Architekten den Komplex digital vermessen und ein 3-D-Modell entwickelt, dabei unterschiedliche Bauphasen visualisiert. Heute ist das gängig, damals war es sensationell. Heute zoomt sich der Besucher auf der Münsterplattform per App zurück ins 15. Jahrhundert: Ah, der Turm wird gerade gebaut! Und ins 18. Jahrhundert: Oh, ein zweiter Turm entsteht! (Aber er wird nie vollendet.)

Das Straßburger Münster Foto: imago/CHROMORANGE

Ein altes Haus feiert jedes Jahr ein anderes Jubiläum. 2026 wird die Münsterbauhütte 800 Jahre alt. Im elegant-aristokratischen Französisch ist ein Wort wie Münsterbauhütte undenkbar, zumal unaussprechlich.

Die Franzosen sagen lieber Fondation de l’Œuvre und laden im neuen Jahr zu zahlreichen Vorträgen, Führungen, Konzerten und Ausstellungen. Sechs mittelalterliche Original-Architekturzeichnungen gehen als Leihgabe an das Metropolitan Museum of Art nach New York.

Sie hatten großes Glück in Straßburg

Ja, sagt Sabine Bengel, Frankreich darf zurecht stolz sein. „Die Münsterbauhütte existiert ununterbrochen seit 800 Jahren. Wir sind in Besitz von 6000 Architekturplänen, die teils bis heute für die Restaurierung genutzt werden.“ Die gesammelten mittelalterlichen Bauzeichnungen – drittgrößter Bestand nach Wien und Ulm – sind nur erhalten, weil die Bauhütte seit 1226 toujours unangetastet blieb.

Sie hatten großes Glück in Straßburg. Um 1290 haben die Domkapitulare die Hüttenwerkstatt an die Stadt abgegeben – eine, wie sich zeigen sollte, weitreichende Entscheidung. 1517, im Zuge der Reformation, litt das Münster zwar unter dem protestantischen Bildersturm, die dem Staat übertragene Bauhütte indes wurde nicht angetastet.

1789, während der Französischen Revolution, wurden die Kirchengemeinden enteignet. Felder, Wälder, Weinberge – alles weg. Die Bauhütte blieb verschont. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein mittelalterlich-gotischer Teilbau der Werkstatt weggebombt: „Just der Teil, wo wir gerade stehen“, sagt Sabine Bengel. Verloren gingen Gipsabdrücke, viel mehr offenbar nicht. Die Heilige Odilia vom Ottilienberg bei Obernai, Schutzpatronin für das gesamte Elsass, dürfte ein Auge drauf gehabt haben.

Ein zeitloser Ort

Sabine Bengel arbeitet an einem zeitlosen Ort, zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft. Zehn Steinmetze, drei Bildhauer, zwei Maurer, ein Schmied und ein Schreiner, alles hoch qualifizierte Handwerker, restaurieren tagein, tagaus. Die Beschäftigten wohnen quasi im Münster, nachts wacht ein Notdienst, wenn es in Winternächten schneit, rücken die Steinmetze aus und schippen Schnee.

„Steht kein Gerüst am Münster, ist das kein gutes Zeichen“, sagt Frau Bengel. „Dann kümmert sich niemand drum, oder es ist kein Geld da.“ Im Übrigen gilt auch für Straßburg das Bonmot aus Köln: Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.

Nachsatz für Statistiker und Quiz-Fans: Älteste Kirche Deutschlands ist mit 1685 Jahren der Dom zu Trier. Der Kölner Dom bringt es auf 777 Jahre.