Drei Fußball-Europameister mit Stuttgarter Vergangenheit in einem Gespräch: Horst Köppel, Karlheinz Förster und Fredi Bobic sprechen über die bevorstehende Heim-EM und blicken auch über den sportlichen Tellerrand hinaus.
Horst Köppel (1972), Karlheinz Förster (1980) und Fredi Bobic (1996) sind mit Deutschland Europameister geworden. Im Dreier-Interview sprechen die Ex-Nationalspieler des VfB Stuttgart über ihre EM-Favoriten, die Titelchancen der deutschen Elf und Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Meine Herren, schön, dass drei Europameister zusammengefunden haben. Glauben Sie denn, dass wir diese Runde vor der nächsten EM um einen weiteren deutschen EM-Titelträger erweitern können? Förster: Lange Zeit war der Glaube ganz weit weg, dass wir Europameister werden können. Aber die letzten Entscheidungen von Julian Nagelsmann und die positiven Auftritte lassen jetzt schon hoffen. Köppel: Nach den Niederlagen gegen die Türkei und Österreich im November sah es wirklich düster aus.
Bobic: Damals hätte ich auch gesagt: Vergiss es! Ohne die jüngsten Ergebnisse überzubewerten, finde ich schon, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind. Die Umstellungen haben gezündet. Das Team tritt geschlossen auf, als Gemeinschaft.
„Du hast alle aus den Schuhen geklopft“
Wie war das bei Ihren EM-Titeln?
Köppel: Also bei uns 1972 gab es nur eine Frage: Wen stellt Bundestrainer Helmut Schön nicht auf? Er hatte die Qual der Wahl. Nicht umsonst gilt die deutsche Mannschaft von 1972 auch heute noch als die beste aller Zeiten. Förster: Wenn du den Titel holst, hast du alles richtig gemacht. Wir sind 1980 gegen richtig starke Belgier verdient Europameister geworden. Unser Vorteil war: Wir haben wenig Tore bekommen. Bobic: Weil du alle aus den Schuhen geklopft hast (lacht). Förster: Meine Gegenspieler haben schon vor dem Zweikampf den Ball freiwillig abgegeben. Im Ernst: Wir hatten auch vorne Qualität mit Kalle Rummenigge und Horst Hrubesch, aber wir lebten unter Jupp Derwall vor allem von unserem grandiosen Zusammenhalt, das war zwei Jahre später bei der WM 1982 schon nicht mehr so der Fall. Bobic: „Der Star ist die Mannschaft“ – wenn das auf ein Team zutraf, dann war das unseres von 1996. Und zwar sind da alle 23 Mann für den anderen durchs Feuer gegangen. Wir haben unter Berti Vogts nicht mit Zauberfußball die Gegner weggefiedelt, wir haben uns zum Titel gekämpft. Wir wollten es mit allen Mitteln. Trotz vieler Verletzungssorgen – gejammert haben wir nie.
Stimmt denn die Mischung im aktuellen Nationalteam?
Förster: Den Eindruck habe ich inzwischen, ja. Köppel: Julian Nagelsmann hat gerade noch rechtzeitig die Weichen richtig gestellt. Bobic: Du brauchst einfach klare Ansagen – und die hat Julian gemacht. Er hat sich auf Manuel Neuer im Tor als Nummer eins festgelegt, was keine einfache Entscheidung war. Er hat die Stuttgarter Jungs nominiert, die eine überragende Saison spielen. Sie bringen Leichtigkeit mit, sie kommen mit breiter Brust, sie können nur gewinnen. Förster: Ich finde zum Beispiel auch, dass Robert Andrich ein wichtiges Puzzleteil darstellt im Mittelfeldzentrum neben Toni Kroos. Bobic: Absolut. Ich hätte früher auch einmal Rani Khedira gerne im Nationalteam gesehen. Wir brauchen diese Abräumer, Künstler haben wir genug. Viele fragen auch, ob ein Spätentwickler wie Niclas Füllkrug der Richtige ist. Ich sage: Ja, er ist es, weil wir solche Typen brauchen.
„Gibt es in der Politik Typen?“
Typen mit Ecken und Kanten?
Bobic: Wir haben jetzt eine andere Generation. So wie die Kinder großgezogen werden, so sind auch die Fußballer. Man nimmt ihnen zu viel ab. Dann braucht man sich nicht zu beschweren, wenn es nicht mehr die typischen Vollblut-Straßenfußballer gibt. In der Politik ist das doch das Gleiche. Gibt es da Typen? Nein, viele machen vielmehr den Eindruck, als würden sie gleich einschlafen. Köppel: Ohne Führungsfiguren mit Charisma geht es nicht – weder in der Politik noch im Sport. Deshalb ist auch Toni Kroos mit seiner großen internationalen Erfahrung und der Ruhe, die er ausstrahlt, so wichtig fürs Team. Bobic: Keine Ahnung, warum so lange gewartet wurde, ihn zu holen, denn Toni zeigt Woche für Woche Topleistungen. Wir haben ein, zwei Jahre einige Spieler im Nationalteam durchgeschleppt, das wurde gerade noch rechtzeitig durchbrochen. Förster: Dazu gehört auch die Nominierung der VfB-Spieler, auf die ich noch mal zu sprechen kommen möchte. Sie haben es total verdient, dabei zu sein. Wenn ich Deniz Undav sehe, wie er mit seinen Körperdrehungen überragende Akzente setzt, dann – das darf ich als ehemaliger Verteidiger sagen – spielst du gegen solch einen Spielertypen nur äußerst ungern. Bobic: Deniz Undav, Chris Führich, Maximilian Mittelstädt oder Waldemar Anton würden sich für zehn Minuten Einsatzzeit in einem EM-Spiel total zerreißen, für sie wäre das eine Riesensache. Köppel: Für einen Leon Goretzka oder Mats Hummel wäre solch ein Kurzeinsatz dagegen wohl eher eine Enttäuschung gewesen. Förster: Deshalb war es richtig von Julian Nagelsmann, an ein paar Stellschrauben zu drehen, um die Statik im Team zu ändern.
Hat Sie es überrascht, dass er sich über die EM hinaus für den saisonalen Teilzeitjob Bundestrainer entschieden hat und gegen die Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung beim FC Bayern?
Förster: Dazu noch mit Samstags- und Sonntagsdiensten und englischen Wochen (lacht). Nein, mich hat es nicht überrascht, dass er bis 2026 verlängert hat. Julian kann ja später immer noch in einem Verein arbeiten. Bobic: Das sehe ich anders. Ich finde es schon sehr, sehr ungewöhnlich, sich in diesem jungen Alter für die Nationalmannschaft zu entscheiden und nicht zum FC Bayern oder einem anderen europäischen Spitzenclub zu gehen. Köppel: Julian ist gerade mal 36 Jahre jung, Nationaltrainer kannst du auch noch mit 70 Jahren werden.
Was passiert mit ihm, wenn die EM schiefgeht?
Bobic: Da kann nichts schiefgehen – bei dem Modus. Nur acht von 24 Mannschaften scheiden nach der Vorrunde aus. Ab dem Achtelfinale kannst du es dann auf die K.-o.-Spiele schieben. Köppel: Zumal sich Julian Nagelsmann auch der Unterstützung von Sportdirektor Rudi Völler sicher sein kann. Er weiß mit seiner Erfahrung genau, wie er einen Trainer stützen muss, wenn’s die Lage erfordert. Förster: Rudi kommt einfach bei allen gut an. Bobic: Mit seiner positiven Ausstrahlung fängt er alle ein, was in meinen Augen nichts daran ändert, dass der DFB eine Kur dringend nötig hat.
„Nach wie vor liegt einiges im Argen“
Was meinen Sie genau?
Bobic: Ich will zu diesem Zeitpunkt nicht ins Detail gehen, aber nur weil kürzlich zwei Spiele gegen Topnationen gewonnen wurden, ist nicht gleich wieder alles rosig. Es liegt nach wie vor einiges im Argen.
Hand aufs Herz: Holt Deutschland den EM-Titel?
Förster: Ich sehe uns im eigenen Land schon ganz weit vorne. Aber auch Frankreich, Spanien, England sind stark, wobei die Premier League noch bis Anfang Juni gespielt hat, das könnte fürs englische Nationalteam ein Nachteil sein. Köppel: Frankreich ist Favorit, ich hoffe natürlich auf uns als klassische Turniermannschaft. Einer von beiden macht’s. Bobic: England hat ein sehr talentiertes Team, irgendwann sind sie dran, irgendwann werden sie explodieren. Frankreich kann den Titel holen, wenn sie Hunger haben. Die Niederlande haben ein spannendes Team, Italien kann auf den Punkt da sein, die Spanier habe ich nicht so sehr auf der Rechnung. Und die Österreicher könnten für Furore sorgen, wenn sie ihre Todesgruppe mit Frankreich, Niederlande und Polen überstehen – nicht nur weil sie einen guten Trainer haben, dessen Entscheidung pro Nationalmannschaft ich im Übrigen nachvollziehen kann. Ralf Rangnick ist 65 und nicht 36. Förster: Uns hast du nicht auf der Rechnung? Bobic: Doch, wenn es unserer Mannschaft gelingt, die ganze Nation mitzureißen, kann es klappen. Die Fans aus den anderen Ländern werden ganz sicher eine Riesenparty veranstalten. Weil wir ein tolles Umfeld bieten, tolle Stadien haben, weil wir gastfreundlich sind. Nur sollten auch wir Deutschen mit positivem, gesundem Patriotismus zum Erfolg unseres Teams beitragen. Das könnte die Stimmung in unserer Gesellschaft total befruchten. Förster: Und von den einen oder anderen Alltagsproblemen ablenken. Köppel: Auch wenn es eine andere Zeit ist: Gemeinsam ein friedliches Fest zu feiern wie beim Sommermärchen 2006 wäre eine tolle Geschichte. Und vielleicht schaffen wir es dann tatsächlich sogar, einen deutschen Europameister mit Stuttgarter Stallgeruch in unsere Runde vor der nächsten EM mit aufzunehmen.
Zur Person
Fredi Bobic
Er wurde am 30. Oktober 1971 in Maribor/Slowenien geboren, wuchs aber in Stuttgart auf. Von 1990 an spielte Bobic bei den TSF Ditzingen, 1992 ging er zu den Stuttgarter Kickers, von 1994 bis 1999 stürmte er für den VfB, danach unter anderem bei Borussia Dortmund, Hannover 96 und Hertha BSC. Er bestritt 37 Länderspiele (zehn Tore) und holte 1996 den EM-Titel. Bobic war Sportdirektor und Vorstand beim VfB Stuttgart (2010 bis 2013), Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt (2016 bis 2021). Von Juni 2021 bis Januar 2023 war er Sport-Geschäftsführer bei Hertha BSC. Er ist verheiratet mit Britta. Das Paar hat zwei Töchter (Celine/27 und Tyra/24). Sein Hobby ist Ausdauersport.
Karlheinz Förster
Er wurde am 25. Juli 1958 in Mosbach geboren. Er galt in den 1980er Jahren als einer der weltbesten Vorstopper. Sein größter internationaler Erfolg war der EM-Titel 1980, außerdem war er mit der deutschen Nationalmannschaft 1982 und 1986 Vizeweltmeister. Für den VfB Stuttgart, mit dem er 1984 deutscher Meister wurde, absolvierte er zwischen 1976 und 1986 insgesamt 311 Bundesliga-Spiele (22 Tore). 1990 beendete er seine Karriere nach vier Jahren bei seiner letzten Station Olympique Marseille. Förster wohnt in Schwarzach. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist als Spielerberater kürzergetreten, betreut nur noch zwei Jugendspieler der TSG 1899 Hoffenheim.
Horst Köppel
Er wurde am 17. Mai 1948 in Stuttgart geboren. Köppel spielte in der Jugend für die SpVgg Neuwirtshaus, den FV Zuffenhausen und den VfB Stuttgart, für den er in der Bundesliga am Ball war. Die größten Erfolge feierte er mit Borussia Mönchengladbach – mit den Fohlen wurde er fünfmal deutscher Meister und holte zweimal den Uefa-Cup. Im A-Nationalteam spielte Köppel von 1968 bis 1973. Er stand im Kader der deutschen Nationalmannschaft, die 1972 Europameister wurde. Später war er in vielen Vereinen als Trainer und Co-Trainer tätig, auch als Assistent der Bundestrainer Jupp Derwall und Franz Beckenbauer. Köppel lebt mit seiner Frau Edith in Mönchengladbach. Das Paar hat drei Kinder. (jüf)