Philosophisches Verwirrspiel: Krysztof Warlikowskis Adaption von J. M. Coetzees „Elizabeth Costello“ hat das Europäische Theaterfestival Stuttgart eröffnet.
Wer ist Elizabeth Costello? Wie sieht sie aus? Wie spricht sie? Was denkt sie? Eindeutig lässt sich das nicht beantworten. Denn Elizabeth Costello ist nicht immer dieselbe Person. Mal ist sie eine Frau Mitte fünfzig im grünen Samtanzug mit rotblondem Pagenkopf. Mal ist sie jung, brünett, trägt einen blauen Jumpsuit. Mal tritt sie als schräge Greisin in Erscheinung, das schmutzig graue Haar zum losen Zopf geschlungen. Mal ist ein Mann in Frauenkleidern.
All das ist möglich, weil Elizabeth Costello kein realer Mensch ist, sondern eine Fiktion. Erfunden vom südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee und auf die Bühne gestellt vom polnischen Theatermacher Krysztof Warlikowski, der seine mit dem Warschauer Nowy Teatr erarbeitete „Elizabeth Costello“ zur ersten Ausgabe eines neuen europäischen Theaterfestivals ans Schauspiel Stuttgart geschickt hat.
Wer J. M. Coetzees Werk kennt, weiß, dass der Autor oft die Genres Essay und Roman kreuzt, dass seine Elizabeth Costello wie er selbst Fragen zu Ethik, Ästhetik und Literaturtheorie wälzt. Man könnte Costello auch als Alter Ego Coetzees sehen, der ebenfalls als Figur in Warlikowskis Inszenierung auftritt: als auktorialer Erzähler und Vortragsredner, verkörpert von einem Schauspieler, der dem echten Coetzee überhaupt nicht ähnlich sieht. Dieser Bühnen-Coetzee ist also so wenig real wie Elizabeth Costello.
Aber was heißt schon real? Um diese Frage und noch viel mehr kreisen die „sieben Vorlesungen und fünf Moralgeschichten“, die Elizabeth Costello, jene im physikalischen Sinn nicht existente Schriftstellerin, an fiktiven Bühnenrepräsentationen wirklicher Orte wie der Universität Kapstadt halten wird. Im Kopf des Lesers von Coetzees Büchern materialisiert Costello sich zu einer Person mit Eigenleben, in Warlikowskis Stück tritt sie in verschiedenen Verkörperungen von Ensemblemitgliedern des Nowy Teatr in Erscheinung.
Über die Bedeutung von Empathie
Zu Beginn der rund vierstündigen Aufführung (in polnischer Sprache mit deutschen Übertiteln) erscheint ein zweidimensionaler Comic-Avatar namens Anne Lee, erschaffen als Kanonenfutter für ein Computerspiel. Ihr Schöpfer habe sie zum Abschuss frei gegeben, verkauft für 46 000 Yen, erzählt Anne Lee. Trotz seiner Künstlichkeit erscheint dieser Avatar im Moment seines Erscheinens real und beseelt. Schon diese Vignette zeigt, worauf es Coetzee, Warlikowski und deren Sprachrohr Elizabeth Costello anlegen: Empathie ist der Beleg für die Existenz eines anderen. Und doch sprechen Menschen immer wieder Existenzrechte ab, töten andere Menschen, Tiere, zerstören, was ihnen nah und ähnlich ist.
Die Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak hat für Warlikowskis intellektuell-philosophisches Gedankenspiel einen offenen, mit wenigen Handgriffen wandelbaren Raum geschaffen. Die Szene wechselt zwischen Uni-Podium, Flugzeugkabine, Hotelzimmer, öffentlicher Toilette, Kreuzfahrtschiff oder verglastem Bungalow. Die Bühnenrückwand dient als Projektionsfläche für das Panorama eines Dschungels und einer antarktischen Eislandschaft.
Warlikowski arbeitet oft mit Bildern im Bild, etwa, wenn ein auf der linken Bühnenseite aufgebautes Gelehrtenbankett gefilmt und frontal auf die Bühnenrückwand geworfen wird – eine Verdopplung der aufgeführten Wirklichkeit, die als Projektion größer und plastischer erscheint als die dreidimensionale, von Schauspielern auf derselben Bühne dargestellte Szene.
Manchmal sind Projektionen und reale Vorgänge so virtuos miteinander verschränkt, dass sie sich kaum mehr von einander unterscheiden lassen. Ästhetik spielt eine entscheidende Rolle für die Wahrnehmung der Welt, macht die Inszenierung klar. In einer witzigen Sequenz unterhält sich Elizabeths Sohn John mit seiner Mutter über die Frage, wie viel Realismus in der Kunst nötig sei, von der stinkenden Wäsche eines Norwegers wolle doch niemand etwas wissen. Prompt stört ein mit Staubsauger bewaffnetes Zimmermädchen die Szene. Realismus erfüllt also einen Zweck, er ist aber nicht immer angebracht und kann das Augenmerk vom Wesentlichen, der Botschaft an sich, ablenken.
Später geht es um Gott: ob er selbst Schöpfer oder Schöpfung sei, eine Idee, die im Denken real wird, in der Hinterfragung aber kleiner und kleiner, bis sich die Figur im Denken auflöst und verschwindet.
Elizabeth Costello ist brillant, verrennt sich aber, als sie einem Kollegen vorwirft, in seinem Buch über die Hinrichtung des Grafen von Stauffenberg das Leid der Hitler-Attentäter auszuschlachten. Man dürfe sich im Nachhinein kein Bild von deren Schafott-Erfahrung machen, für Costello eine unmoralische Aneignung und Wiederholung der Geschichte. Dabei schaffen diese Repräsentationen doch jene Empathie, die eine Wiederholung solcher Gräuel in der Wirklichkeit verhindern sollen, wirft eine Schauspielerin ein, die als empörte Zuhörerin des fiktiven Vortrags im echten Publikum sitzt.
Das eigene Denken hinterfragen
Das größte Tabu bricht Costello, als sie den Holocaust mit Tier-Massenschlachtungen vergleicht und vorschlägt, Schlachthöfe in Städte zu setzen, um Menschen die echten Vorgänge modellhaft vor Augen zu führen, zur Abschreckung. Radikales Denken ist wichtig, aber auch gefährlich, es bringt den Menschen voran und führt ihn in die Irre, zeigt Warlikowski. „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, der Satz stammt nicht von Costello sondern von Rosa Luxemburg. Er mahnt dazu, das eigene Denken immer wieder zu hinterfragen. Ein harter Kampf, der niemals enden darf, zeigt Warlikowskis geniale Inszenierung.