Der deutsche Astronaut Alexander Gerst, hier beiseinem ISS-Einsatz 2014, ist ein Kandidat für eine europäische Mondmission. Foto: dpa

Deutschland könnte bald einen Astronauten auf den Mond schicken – mit einer friedlichen Mission. Aber es geht im All auch zunehmend um das Militärische.

Man müsse sich vor Augen führen, „dass die letzte internationale Verabredung darüber, wie der Weltraum zu nutzen ist, aus dem Jahre 1967 stammt“, sagt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), „ein Jahr nach Erstausstrahlung der Serie Raumschiff Enterprise“. Pistorius meint den Weltraumvertrag, der unter anderem Kernwaffen im Weltall verbietet.

 

Zwei Jahre nach Vertragsunterzeichnung landeten die Amerikaner auf dem Mond. Laut Weltraumvertrag sollte niemand Hoheitsrechte auf anderen Himmelskörpern beanspruchen können. „Man kann den Mond als achten Kontinent betrachten“, sagt der Astronaut Alexander Gerst. Er arbeitet nun für das European Astronaut Center (EAC), das zur Europäischen Raumfahrtagentur ESA gehört. Die hat auf ihrer Tagung in Bremen am vergangenen Donnerstag eine europäische Mondmission beschlossen. Gerst, der für die Mission im Gespräch ist, vergleicht den Mond mit der Antarktis. Dort wurde und wird geforscht, aber es erheben auch viele Länder Ansprüche auf Territorien und Bodenschätze.

Investitionen in den Weltraum

Der Mond ist aber nur ein Aspekt bei der Eroberung des Weltraums. „Wir alle nutzen täglich die Produkte der Raumfahrt“, sagte Anke Pagels-Kerp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bei einem Fachgespräch im Bundestag am 12. November. „Smartphones haben Kontakt zu Navigationssystemen wie Galileo oder GPS. Flugzeuge, Schiffe, Landmaschinen oder Autos ebenfalls. Aber auch der Börsenhandel, Geldautomaten bis hin zu Umspannwerken brauchen das hochgenaue Zeitsignal der Navigationssatelliten.“ Sie zu verteidigen, das kann für Europa lebenswichtig sein.

Nur: Wenn es um Investitionen in den Weltraum geht, geben die USA dreimal so viel aus wie Europa, China sechsmal so viel. „Im Moment sind wir vom guten Willen verschiedener Partner abhängig“, sagte Alexander Gerst. Anlässlich einer ESA-Konferenz in Bremen fügte der deutsche Astronaut hinzu, Ziel sei, „dass wir entscheiden können, welche Missionen wir machen, und dass wir nicht auf Kooperationen angewiesen sind, die sich vielleicht nicht als so verlässlich erweisen“.

Die ESA will etwa ein eigenes Satellitensystem, das auch für mehr Sicherheit sorgen soll. „Wir müssen auch im All die Fähigkeit zur Abschreckung und Verteidigung haben und ausbauen“, so Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Technologische Innovationen

Diesem Gedanken folgt die erste deutsche „Weltraumsicherheitsstrategie“, die Verteidigungsminister Boris Pistorius gemeinsam mit Außenminister Johann Wadephul (CDU) am 19. November offiziell vorstellte. Auf 48 Seiten wird unter anderem auf die veränderten Rahmenbedingungen hingewiesen: „Immer mehr Staaten betrachten den Weltraum als eine Dimension, in der sie durch technologische Innovationen überwiegend privater Unternehmen ihren wirtschaftlichen, politischen und auch militärischen Einfluss stärken können.“

In der Praxis heißt das zum Beispiel: Von den mehr als 12 000 aktiven Satelliten sind mehr als 8600 Starlink-Satelliten von SpaceX aus dem Elon-Musk-Imperium. Ohne den Zugang zu diesen hätte die Ukraine wahrscheinlich kein Internet und könnte sich wohl kaum noch ernsthaft verteidigen. Umgekehrt ist gerade ein US-Astronaut mit einer russischen Sojus zur Raumstation ISS gestartet. Und Europa?

Die ESA sei eigentlich friedlich ausgerichtet, versicherte Marco R. Fuchs vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) beim Fachgespräch im Bundestag. Aber „was alle überwältigt, das ist diese neue Bedrohung“. Die gehe vor allem von China und Russland aus. Im November 2021 testete Russland eine bodengestützte Antisatelliten (ASAT)-Rakete gegen einen inaktiven russischen Satelliten im niedrigen Erdorbit. Laut der „Weltraumsicherheitsstrategie“ störe Russland seit Kriegsbeginn „regelmäßig Satellitensignale zur Positionsbestimmung, Navigation und Verbreitung von Zeitsignalen und beeinträchtige damit auch den zivilen Flugverkehr in der EU“.

35 Milliarden Euro zur Verfügung

Dieser Bedrohung will die Bundesregierung begegnen. Immerhin 35 Milliarden Euro stehen für die deutschen militärischen Aktivitäten im All in den kommenden fünf Jahren zur Verfügung. „Keine kleine Summe“, findet Juliana Süß, Weltraumexpertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Um mit den USA gleichzuziehen, wird es nicht reichen. „Aber wenn wir das Geld sinnvoll investieren und effizient mit Partnern sowie der Industrie zusammenarbeiten, können wir schon etwas aufholen“, sagt Süß.

Agnieszka Brugger, Vizefraktionsvorsitzende der Bundestags-Grünen, will, dass auch über den Umgang mit Regelbrüchen nachgedacht wird. Die Weltraumsicherheitsstrategie hatten die Grünen schon länger gefordert. Doch „eine Strategie mit schönen Worten ist ein Anfang, reicht aber alleine nicht. Jetzt kommt es auf die konkrete Umsetzung an.“ Immerhin: Im Oktober vereinbarten die Verteidigungsminister Deutschlands und Frankreichs die Umsetzung des weltraumgestützten Raketenfrühwarnsystems Odin’s Eye (Odins Auge), das Raketenstarts und Bedrohungen aus dem All frühzeitig erkennen soll. Der nordische Gott Odin hatte übrigens sein Auge geopfert, um seherische Kräfte zu erlangen.