Über Paris und Madrid nach Marokko. Elke und Stefan König aus Jungingen wollen das Abenteuer im Oktober wagen. Aber mit einem über 20 Jahre alten Fahrzeugen.
„Wir sind Camper, Festivalgänger und ganz locker unterwegs“: Stefan König, bald 60 und vor Jahrzehnten aus dem Steinlach- ins Killertal gewechselt, nimmt man das ab. Auf dem stattlichen Wohnmobil unterm Carport prangt schließlich das Wacken-Symbol. Heavy Metal im norddeutschen Morast, das ist tatsächlich nur etwas für die Harten – in diesem Alter. Zwischen dem Wohnmobil und einem französischen Kastenwagen steht vor dem Einfamilienhaus auf der Junginger Sommerseite neuerdings ein VW-Transporter. Wer sich bei solchen Fahrzeugen auskennt, der weiß, dass es sich um einen T4 handelt, und das dunkelblaue Gefährt damit nicht mehr frisch vom Band ist. Ganz im Gegenteil. Es ist noch eines der ersten seiner Art mit dem großen Dieselmotor, der einem längst die Zufahrt zu Umweltzonen verwehrt.
Ehepaar geht nicht alleine
Dass der Bulli annähernd 400.000 Kilometer gemacht hat, sieht man ihm auf den ersten Blick kaum an. Stefan König räumt aber ein: „Da musste viel geschweißt werden, damit er noch einmal Tüv bekommt.“ Die Plakette hat der zum Kleinwohnmobil mutierte Transporter mittlerweile, und zum Herumfahren in der näheren Heimat dürfte er durchaus geeignet sein. Aber damit gut 3000 Kilometer auf Nebenstrecken durch halb Europa bis nach Marokko gurken? Da muss man wirklich „ganz locker unterwegs“ sein wollen.
Die beiden Königs machen den Abenteuerurlaub, ihren ersten auf diese wohl ziemlich harte Tour, im Herbst nicht allein. Zusammen mit rund einem Dutzend weiterer Fahrzeuge gehen sie ab dem 10. Oktober auf die Europa-Orient-Rallye 2026. Die gilt in jeder Hinsicht als krasses Gegenstück zum mittlerweile nach Saudi-Arabien übersiedelten Paris-Dakar-Rennen. Denn Slogans wie Spaß, Durchhalten, Völkerverständigung und Ankommen sind bei Hightech-Autoveranstaltungen absolute Fremdworte.
Die „positiv verrückteste Rallye der Welt“ hat Wilfried Gehr ersonnen. Der Globetrotter, gelegentlich daheim in einem Stadtteil von Sulz, verspricht den Teilnehmern seiner seit etlichen Jahren stattfindenden Reise der ganz besonderen Art neben einem aufregenden Abenteuer noch einiges mehr. „Es ist auch eine Gelegenheit, positive Veränderungen in den bereisten Regionen zu bewirken“, hat er die Redaktion vor wenigen Tagen aus Goa wissen lassen. Die anspruchsvolle Rallye verbindet laut Gehr „den Nervenkitzel mit dem tiefen Sinn und Zweck, lokale Gemeinschaften zu unterstützen“. Schnelligkeit ist deshalb kein Thema. Es geht um Land und Leute und ums Ankommen überhaupt.
Was für Spielregeln!
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen beziehungsweise müssen sich bei der Tour gemäß der Spielregeln für wohltätige Zwecke einsetzen – und wenn sie als komplett unerprobte Straßenmusiker irgendwo in Frankreich oder Spanien Geld für Afrika sammeln. „Bitte unbedingt Instrumente mitnehmen“, schreibt Wilfried Gehr, der für sich selbst wirbt mit dem Spruch „einzig, aber nicht artig“. Eine Rallye wäre keine, wenn es keine Zusatzprüfungen gäbe. Davon stehen in der Wüste und im Atlasgebirge die eine und andere auf dem Programm. Aber die Teilnehmer müssen erst einmal ankommen in Nordafrika. Mit neuen, sündhaft teuren Luxus-SUVs wäre das wahrscheinlich weniger ein Problem. Aber mit Fahrzeugen, die keine 10.000 Euro kosten dürfen oder mindestens 20 Jahre alt sein müssen? Wer Abenteuer haben will, der soll sie bei Wilfried Gehr zwischen Europa und Orient bekommen!
T4 extra für die Rallye gekauft
Elke und Stefan König haben ihren T4 extra für die Rallye gekauft. Die vorgeschriebene Altersgrenze schafft der Volkswagen locker. Im Januar ist er bereit für das H-Kennzeichen. Dann wird er 30. Beim Preis liegt er wiederum deutlich über der Rallye-Grenze, denn diese Fahrzeuge sind nach wie vor begehrt und kosten entsprechend. Fast könnte man meinen, dass VW sie damals für eine kleine Ewigkeit gebaut hat. So wie einst die legendären T1 und T2, die liefen und liefen wie der Käfer. Mit 29 Jahren und den beachtlichen viermal 100.000 Kilometern Laufleistung, da nagt der Zahn der Autozeit aber trotzdem. Es musste etliches restauriert werden, bis die Königs jetzt vollumfänglich überzeugt sind, dass der Bulli die 3000 Kilometer bis Marrakesch schaffen sollte.
Und wenn er doch mal liegenbleibt? Dann ist genau das ein Teil der Rallye! Denn beim Europa-Orient-Ding geht es überdies um Anpassungsfähigkeit und Teamgeist. Man hilft sich gegenseitig und sollte deshalb mehr als nur ein bissle Ahnung von Autos haben. Orientierungssinn und das Beherrschen von Straßenkarten sind von großem Vorteil: GPS-Navigationssysteme sind strengstens tabu! Das Benutzen der Autobahn geht selbstverständlich ebenfalls nicht.
Am Abend trifft man sich
Gefahren wird nicht im Tross. Jeder ist tagsüber für sich allein unterwegs. Abends sammelt man sich an Treffpunkten – wenn unterwegs nicht ein Fahrzeug schlappmacht. „Pannen und technische Probleme sind angesichts des Alters der Fahrzeuge vorprogrammiert“, weiß Wilfried Gehr aus langjähriger Erfahrung. Ist man abends glücklich vereint, erwartet einen selbstverständlich kein Viersternehotel: Übernachtet wird ausschließlich im Zelt, im Auto, oder in Unterkünften, die, man hat es geahnt, nicht mehr als 9,99 Euro kosten dürfen. Die beiden Königs haben es mit ihrem Bulli gut gewählt: Der hat ein Campingbett als Rückbank. Und einen Kühlschrank.
Das Ehepaar aus Jungingen kennt den Rallye-Veranstalter, der einmal Chefredakteur bei der Oldtimer-Presse gewesen ist, seit einigen Jahren. Aber jetzt erst haben sie sich entschieden: Sie wollen es endlich wagen und sich einlassen auf „eines der letzten automobilen Abenteuer dieser Welt für tollkühne Menschen in ihren klapprigen Kisten“. Marrakesch ist von Stuttgart aus mit dem Flugzeug in knapp drei Stunden zu erreichen. Aber wer will das schon, wenn er den startklaren T4 vor dem Junginger Haus stehen hat?! Es geht schließlich auch in 14 Tagen, und das mit der Dauerfrage, ob der Bulli durchhält und was es denn jetzt noch alles als Begleitprogramm geben wird. Als Belohnung wartet in der marokkanischen Königsstadt aus der Berberzeit die Siegerehrung. Wer nicht aufs Treppchen kommt, hat trotzdem gewonnen: Man ist angekommen!
Mit dem Flugzeug in knapp drei Stunden – oder mit dem T4 in 14 Tagen
Zurück in die Heimat sollen die Teilnehmer der Rallye Ende Oktober laut Spielregeln möglichst wieder mit dem Fahrzeug, das sie bis Marrakesch gebracht hat. Dann aber auf dem kürzesten Weg und ohne Zwischenprüfungen. Auch Straßenmusik muss nicht mehr sein.
Weitere interessante Infos
Globetrotter
Wilfried Gehr ist der Macher der Europa-Orient-Rallye. Es gab einen Vorgänger der Tour, der Israel als Zielpunkt hatte, die Allgäu-Orient-Rallye. Gehr ist ehrenamtlich tätig als Präsident bei der Marrakesch-Tour. Sein Geld verdient er mit Reiseberichten in allerlei Medien. Einst war er Fachbeamter bei der Stadt Tübingen, Finanz- und Personalreferent beim Landessportverband sowie Hauptgeschäftsführer beim Württembergischen Landessportbund. Mehr über ihn und die Rallye gibt es bei Facebook, Instagram und unter Europa Orient Rallye im Netz.
Sehnsuchtsziel
Crosby, Stills & Nash haben 1969 einen Zug besungen, der sie ins nordafrikanische Mittelalter brachte, den legendären Marrakesh Express. Die viertgrößte Stadt Marokkos war schon immer ein magischer Anziehungspunkt für Reisende. Sie verspricht orientalische Kultur, die Wüste, das Atlasgebirge, die Atlantikküste und eine köstliche Küche. Den extrem heißen Sommer sollte man meiden. Frühjahr und Herbst sind die ideale Reisezeit.
Der Hörtipp
Als weitere Begleitmusik für die Rallye neben den drei Woodstock-Legenden von ganz früher empfehlen wir Robert Plants „66 to Timbuktu“. Bis nach Mali ist es von Marrakesch aus so weit auch nicht mehr.