nah und doch so fern: SC-Trainer Julian Schuster läuft mit der Silbermedaille um den Hals an der Europa-Pokal-Trophäe vorbei Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto/IMAGO/Markus Ulmer

Der SC Freiburg trauert der vergebenen Chance im bislang größten Spiel der Vereinsgeschichte hinterher. Der Blick nach vorne ist dennoch voller Zuversicht.

Der Charakter von Endspielen bringt es mit sich, dass die Gefühlswelten unmittelbar nach dem Abpfiff auf dem Rasen und den Rängen in Richtung der Extreme rutschen. Unglaublicher Jubel auf der einen, riesige Enttäuschung auf der anderen Seite. Als am Mittwochabend um kurz vor 0 Uhr Ortszeit im Beşiktaş-Stadion in Istanbul ertönte, war das nicht anders.

 

Aston Villa feierte den nach menschlichem Ermessen schon seit der 60. Minute feststehenden Triumph in der Europa League, für den SC Freiburg wurde die zweite Niederlage im zweiten großen Finale der Vereinsgeschichte offiziell. Und so liefen die Freiburger mit hängenden Schultern durch das Spalier der Villa-Spieler, um sich ihre Silbermedaille abzuholen.

Mit dieser um den Hals beobachteten die Spieler wenige Minuten später, wie der Premier-League-Verein mit dem fast 550-Millionen-Euro-Kader den Pokal im Konfettiregen in die Höhe streckte. Die Enttäuschung war den Freiburgern anzumerken, in ihren Statements tief in den Katakomben des Stadions bestätigten sie diese. „Wir sind natürlich wahnsinnig enttäuscht“, sagte Kapitän Christian Günter stellvertretend für seine Kollegen.

Am Anfang sind die Freiburger nervös

Der Tennenbronner kam im Finale erst in die Partie, als diese bereits entschieden war. Zwei Villa-Traumtore in den Minuten vor der Pause waren für Durchgang zwei eine zu große Hypothek an einem Abend, an dem die Freiburger auch nicht ihren allerbesten Tag erwischten. Gleich zu Beginn zeigten die Gegner aus England, dass sie ihrer Favoritenrolle gerecht werden wollen – dem SC war zu Beginn die Nervosität anzumerken.

„Ein anderer Druck“: Philipp Treu. Foto: Robert Michael/dpa

„Es war auch noch mal ein anderer Druck, gerade im Vergleich zum Halbfinale“, gab Außenverteidiger Philipp Treu einen Einblick in seine Gefühlswelt vor und während dem Spiel. So wie ihm dürfte es wohl einigen gegangen sein, gerade zu Beginn zeichnete sich das Freiburger Passspiel durch Ungenauigkeiten aus. Nach einer Viertelstunde fing sich die Mannschaft dann und war auf dem besten Weg, das torlose Unentschieden mit in die Pause zu nehmen.

Dann aber schrumpfte Aston Villa mit zwei Traumtoren die Freiburger Titelhoffnungen auf ein Minimum zusammen. Youri Tielemans war nach einer einstudierten und perfekt ausgeführten Eckballvariante im Rückraum frei, wenig später schlenzte Emiliano Buendia den Ball unhaltbar für Noah Atubolu in den Winkel. Es waren wohl auch diese zwei Szenen, weshalb Matthias Ginter dem Gegner nach dem Spiel „fast schon Bayern-Niveau“ attestierte.

Pokalspezialist schlägt wieder zu

Und in der Tat: Die Mannschaft von Unai Emery, der mit seinem fünften Europa-Pokal-Triumph endgültig der Experte für diesen Wettbewerb sein dürfte, ließ den Freiburgern kaum Luft zum Atmen. Ein Offensivfeuerwerk brannten die Engländer zwar nicht ab, sie machten jedoch auch nicht den Eindruck, das Spiel nach der Pause noch mal aus der Hand geben zu wollen. So richtig gefährlich wurde es daher nicht für das Tor von Emiliano Martinez. Der Weltmeister aus Argentinien brach sich eigener Aussage zufolge beim Aufwärmen den Finger. Das hinderte ihn jedoch nicht, seinen Coach nach dem Sieg auf der Schulter zu tragen.

Dessen Gegenüber Julian Schuster, der nach seinem ersten großen Finale einen Interview- und Pressekonferenz-Marathon absolvieren musste, gratulierte Emery fair. Und bei aller Enttäuschung über das Ergebnis versuchte er auch, den Blick nach vorne zu richten. „Nächstes Jahr ist es die Conference League und vielleicht schon wieder die nächste Chance“, sagte Schuster, dessen Gefühlswelt sich nach dem Spiel zwischen Trauer und Stolz bewegte.

Letzterer dürfte mit ein paar Tagen Abstand überwiegen – „wenn die Tränen getrocknet sind“. Und dann geht’s von vorne los. Welchen Reiz internationale Nächte haben, durften Fans und Spieler des SC Freiburg in dieser Saison mehr als einmal erleben. Daran änderte auch das bittere Ende der diesjährigen Europa-Reise in Istanbul nichts.