Immer mehr Jugendliche kämpfen mit Essstörungen wie Magersucht und Binge-Eating. Einer der Gründe: falsche Schönheitsideale, wie sie etwa auf Social-Media-Plattformen vermittelt werden. Um gegenzusteuern, bräuchte es mehr Aufklärung, kommentiert Bettina Hartmann.
Der Mensch muss essen, um zu leben. Doch das Gefühl für das gesunde Maß geht offensichtlich immer mehr verloren. Ob Essanfälle (Binge-Eating), extremes Übergewicht oder auf der anderen Seite Magersucht und Bulimie – Essstörungen haben in Deutschland massiv zugenommen, besonders bei Mädchen und jungen Frauen. Laut einer aktuellen Studie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) stiegen sie zwischen 2020 und 2021, also während der Coronapandemie, bei den zwischen Zwölf- und 17-Jährigen um rund 30 Prozent.
Essstörungen können viele Ursachen haben
Das ist erschreckend und besorgniserregend. Denn damit leiden mittlerweile rund 18 von 1000 Mädchen und jungen Frauen an solch einer ernst zu nehmenden Störung, vor allem an Magersucht und Bulimie – mit schwerwiegenden Folgen. Vor Corona, im Jahr 2019, waren es noch 13 von 1000.
Eine gesicherte Erklärung haben Fachleute dafür nicht. Essstörungen können von vielen Faktoren ausgelöst werden. Oft sind Probleme in Familie und Schule, Unsicherheit oder ein gestörtes Selbstbild die Ursache. Klar ist: Die Pandemie hat weltweit der psychischen Gesundheit zugesetzt – und nicht nur bei jungen Leuten das Essverhalten verändert. In Stressphasen greifen nun mal viele zu Süßem und Chips. Anderen wiederum vergeht bei Kummer der Appetit.
Mädchen gelten als stressempfindlicher
Psychologen erklären die Zunahme von Essstörungen bei Mädchen und jungen Frauen, die insgesamt als stressempfindlicher als Jungs gelten, auch als eine Art Bewältigungsstrategie: Während sie vor der Pandemie durch Sport, Hobbys und soziale Aktivitäten ausgefüllt waren, gerieten sie nun aus dem Lot, fühlten sich verloren – und versuchten durch Gewichtskontrolle ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Als weiterer Grund wird die Vermittlung falscher Schönheitsideale durch Social-Media-Plattformen vermutet. Über die Medien sind wir permanent mit geschönten, unrealistischen Fotos und Videos konfrontiert. Zumal junge Menschen orientieren sich an diesem vermeintlich perfekten Körperbild.
Ärzte reagieren schneller
Die steigenden Zahlen haben aber vermutlich auch damit zu tun, dass Essstörungen inzwischen eher auf dem Radar von Ärzten sind und somit schneller erkannt werden. Das ist gut und wichtig. Denn je länger die Krankheit anhält, desto schlimmer: Essstörungen können chronisch werden, im schlimmsten Fall tödlich enden. Belegt ist auch: Die Folgen sind bei jungen Menschen meist gravierender als bei älteren. Magersüchtige Kinder etwa zeigen deutliche Wachstumsverzögerungen. Extremes Hungern hat zudem Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns.
Frühes Eingreifen erhöht die Heilungschancen. Dafür bräuchte es allerdings genügend Therapieplätze – und an denen mangelte es schon vor der Pandemie. Der Deutsche Ethikrat hat inzwischen dringend empfohlen, „die Versorgungssituation im Bereich der psychischen Gesundheit schnell und nachhaltig zu verbessern“. Das Augenmerk müsse vor allem auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen gelegt werden – zurecht. Es benötigt Prävention.
Mehr Prävention wäre nötig
Doch Forderungen und Bekundungen sind das eine. Für die Umsetzung braucht es den politischen Willen – und viel Geld. Etwa für Resilienztraining und mehr Aufklärung über mentale und körperliche Gesundheit in Kitas, Schulen und Unis. Auch bürokratische Hürden müssten abgebaut, die Kostenübernahme der Therapien durch die Krankenkassen gesichert und der Zugang zu Beratungsstellen niederschwelliger gestaltet werden.
Nicht zuletzt sollten wohl wir alle unsere Vorstellungen überdenken: Zu dick? Zu dünn? Das Wichtigste ist, dass wir lernen, auf uns und unseren Körper zu hören, statt auf andere – und zwar so früh wie möglich.