Zu viele Kilos auf den Rippen – die Pandemie hat Folgen. Foto: imago/Panthermedia/Wellphoto

Die sozialen Begleiterscheinungen der Pandemie haben vielen Kindern und Jugendlichen psychisch zugesetzt. Die Zahl der Essstörungen ist so hoch wie nie zuvor.

Wie es um die Gesundheit der Kinder im Land steht, zeigt sich am Gewicht: Da sind zum einen die Kinder und Jugendlichen, die deutlich zu dick sind. Schon vor Beginn der Pandemie galt jeder fünfte Heranwachsende als übergewichtig oder sogar adipös. Diese Zahlen haben sich während der Pandemie verändert: Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen bewegt sich weniger, ein Viertel konsumiert mehr Süßwaren und Chips, 16 Prozent sind dicker geworden. Besonders betroffen ist die Gruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen: Hier hat mehr als ein Drittel (32 Prozent) an Kilos zugelegt, wie eine Forsa-Umfrage im Frühsommer 2022 ergeben hat.

 

Sozialer Rückzug in den Lockdowns

Gleichzeitig nehmen auch andere Formen der Essstörungen zu: Nach einer Erhebung der Krankenkasse DAK mussten wegen Magersucht, Bulimie oder einer Binge-Eating-Erkrankung (wiederkehrende Essanfälle) 17 Prozent mehr Jugendliche im Kliniken behandelt werden als 2020. Im Vergleich zu 2019 stiegen die Krankenhausaufenthalte um 40 Prozent.

Katrin Giel leitet an der Uniklinik Tübingen den Arbeitsbereich „Psychobiologie des Essverhaltens“ und erforscht, wie sich Essstörungen entwickeln. „Zwei Jahre Pandemie haben gerade jungen Menschen schwer zugesetzt“, sagt die Professorin. Sie nennt den sozialen Rückzug in den Lockdowns, den Wegfall eines geregelten Tagesablaufs, den Bewegungsmangel und den verstärkte Medienkonsum. Begleiterscheinungen wie Zukunftsängste, Einsamkeit oder Stress hätten sich auf das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt: Gegessen wurde häufig nur nebenbei – oft aus Langeweile. Oder eben gar nicht mehr. „Wer ohnehin eine Veranlagung für eine Essstörung hatte, ist in eine ausgeprägte Erkrankung hineingeschlittert“, so Giel.

Influencer verbreiten Idealbilder

Dazu kommt der häufigere Griff zum Smartphone oder Tablet: Der Forsa-Umfrage zufolge haben Kinder und Jugendlichen zu Coronazeiten ihren Medienkonsum um bis zu 60 Prozent gegenüber den Vorjahren erhöht. Das hat nicht nur dazu geführt, dass sich der Nachwuchs weniger bewegt. „Die sozialen Medien prägen auch das Körperbild vieler Jugendlicher“, sagt Giel. Influencer verbreiten Idealbilder von Gesichtern oder Körpern, von denen der durchschnittliche Jugendliche meist weit entfernt ist. Gerade in der Pubertät verändert sich der Körper. Junge Menschen wollen dazugehören und anderen gefallen. Dafür orientieren sie sich an ihrer Umgebung – und die bestand im Lockdown hauptsächlich aus Instagram, TikTok und Youtube.

Auch wenn einige Virologen die Pandemie für beendet erklären, glauben Experten nicht, dass sich die psychische Belastung und das krankhaft gestörte Essverhalten verbessert. Christoph Correll, der Leiter der Jugendpsychiatrie an der Charité Berlin, der zusammen mit seinem Team in der weltweit größten speziellen Studie die körperliche und seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie untersucht hat, warnte zuletzt: Gerade dann, wenn das Leben wieder in eine Normalität übergeht, werde sich zeigen, dass nicht jeder zurückschalten kann.

Tatsächlich sind die Notaufnahmen der Jugendpsychiatrien nach wie vor überfüllt. Die Tübinger Psychologin Giel spricht von langen Wartelisten bei den stationären und ambulanten Einrichtungen. „Wir haben bundesweit eine sehr gute medizinische und psychotherapeutische Versorgung gerade im Bezug auf die Behandlung von Essstörungen“, sagt Giel. Es fehle aber an Kapazitäten. „Es kommen deutlich mehr Betroffene – und sie kommen später und kränker.“ Dabei wisse man: Je früher eine Essstörung behandelt wird, umso höher sind die Heilungschancen.

Experten fordern Prävention

Dazu kommen bürokratische Hürden: So bemängelt die deutsche Adipositas Gesellschaft, dass es zwar anerkannte Einrichtungen für die Versorgung von stark übergewichtigen Kindern gebe. Die Kosten für die Therapie werden aber nur selten von den Krankenkassen übernommen, weil jede Ernährungstherapie und -beratung einzeln beantragt werden müsse.

Katrin Giel begrüßt, dass inzwischen auch der Deutsche Ethikrat dringend empfohlen hat, „die Versorgungssituation im Bereich der psychischen Gesundheit schnell und nachhaltig zu verbessern“. Dabei müsse das Augenmerk vor allem auf die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelegt werden. Man brauche viel Prävention. Wie diese aussehen kann, beschreibt Giel recht genau: Resilienztraining und mehr Aufklärung über die mentale und körperliche Gesundheit im Unterricht sowie in Schulen und Universitäten einen niederschwelligen Zugang zu psychologischen Beratungsstellen. „Die Kinder brauchen Ressourcen und Strategien, damit sie für künftige Krisen gewappnet sind“, so Giel. Das sei eine gesellschaftliche Aufgabe.