Reinhold Ohngemach in Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Neue Dramatik und große Tragödien reizen den Schauspieler Reinhold Ohngemach. Mit 80 Jahren geht er mit der Esslinger Landesbühne immer noch auf Tour.

Seine Figuren ins Extreme zu peitschen, das reizt den Schauspieler Reinhold Ohngemach. Ihm liegen Rollen, die nicht leicht zu erschließen sind. Als verzweifelter Vater Mendel Singer, der seine Kinder an eine fremde Kultur verliert, berührte der Schauspieler das Publikum 2016 nach seiner Rückkehr an die Esslinger Landesbühne in Joseph Roths „Hiob“. Auch mit dem Altern setzt sich der 80-Jährige auf der Bühne mit auseinander. In Florian Zellers „Der Vater“ baute er in der letzten Spielzeit Brücken in die verwirrte Gedankenwelt des demenzkranken Mannes.

 

Nach seiner langen Theaterkarriere an kleinen und großen Häusern und vor der Fernsehkamera ist Ohngemach 2015 mit seinem langjährigen Weggefährten Friedrich Schirmer wieder ans Esslinger Theater zurückgekehrt. Dem Ensemble gehört er weiter an. Sensibel denkt sich der Senior im „Vater“ in Verhaltensmuster des alten Mannes hinein, dem das Leben entgleitet. Seine Angst, sich nicht mehr in der Welt zurechtzufinden, kehrt der Künstler nach außen. Behutsam zeigt er den Prozess, wie der Greis die Sprache verliert. Das Stück des französischen Autors von 2012 berührt den Schauspieler. Er lässt die Stimme des Alten brechen. „Mit dem eigenen Tod konfrontiert zu werden, das ist hart.“ Grenzerfahrungen findet der Schauspieler wichtig, um sich künstlerisch zu entwickeln.

„Das Thema Demenz auf die Bühne zu bringen, ist in Zeiten des demografischen Wandels wichtiger denn je“, findet der Schauspieler. Doch will er sein Repertoire nicht auf die Darstellung des Alterns begrenzen. In Lucy Kirkwoods „Kinder“ verhandelte er die Zukunftsthemen Klimawandel und Verantwortung der älteren Generation für die Zerstörung der Umwelt. Die Kunst der jungen Engländerin, Ungesagtes ins Zentrum der Kommunikation zu rücken, mag der weltoffene Schauspieler. Neue Dramatik fordert ihn. Er erfindet sich immer wieder neu, ergründet mit sichtlicher Lust die Sprache der Jugend.

Neugier und Offenheit auf dem Lande

Dass der Gastspielbetrieb einer Landesbühne mit stundenlangen Busfahrten „anstrengend“ ist, räumt er ein. Dennoch will er die nicht missen: „Anspruchsvolles Theater in Stadt und Land zu spielen, das ist eine wunderschöne Aufgabe.“ Wenn er nach den Vorstellungen mit dem Publikum in Gerabronn oder Ilshofen auf einen Plausch im Foyer steht, kommt der gebürtige Stuttgarter leicht mit den Menschen ins Gespräch. Gerade auf dem Land spürt er Neugier und Offenheit. Er macht aus seiner Begeisterung für das Modell Landesbühne keinen Hehl.

In seiner langen Theaterkarriere hat der Schwabe an großen Bühnen wie dem Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Theater Dortmund und dem Stuttgarter Staatstheater gearbeitet. Zunächst ließ er sich als Landvermesser ausbilden. An einer privaten Schauspielschule in Stuttgart hat er seinen Traumberuf gelernt. Um die Ausbildung zu finanzieren, jobbte er als Bühnenarbeiter. Da bekam er erste Rollen. Regie-Altmeister Karlheinz Stroux hat ihn in den 1960er-Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus verpflichtet. Mit Friedrich Schirmer verbindet den Schauspieler eine lange Freundschaft. Ohngemach lernte den Theatermann in seiner Zeit als Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund kennen. Dann folgte er ihm 1985 an die WLB und später ans Staatstheater Stuttgart. Als Schirmer 2015 an die WLB zurückkehrte, gingen Ohngemach und seine Frau Sabine Bräuning wieder mit. Das Paar hatte sich während Schirmers erster Intendanz in Esslingen kennengelernt. In vielen Produktionen stehen sie gemeinsam auf der Bühne, so im Frühjahr 2023 in Jean-Michel Räbers „Gehen oder der 2. April“. In dem Stück geht es um den geplanten Suizid eines Ehepaars, das wegen der Alzheimer-Erkrankung des Mannes aus dem Leben scheiden will. Da loteten die beiden das Spiel der Extreme aus.

Seine schwäbischen Wurzeln pflegt Ohngemach in Theater und Film. „Anspruchsvolle Mundart“ reizt den Sprachkünstler. 1999 stand er im Tatort in Felix Hubys „Bienzle und die blinde Wut“ vor der Kamera, spielte den bodenständigen Polizeiobermeister Hammer. Am Staatstheater Stuttgart wirkte er unter anderem in Martin Schlekers „Rulaman“ mit. Das Volkstheater des langjährigen Chefs des Naturtheaters Hayingen hat für Ohngemach wunderbar auf die große Bühne gepasst. Geschichten der einfachen Leute von der Alb haben für den Künstler großes, tragisches Potenzial.

Zu sehen ist Reinhold Ohngemach in

Der Boandlkramer und die ewige Liebe
am 26. Oktober, 20 Uhr, Stadthalle, Gerabronn

Die Kinder
am 7. Dezember, 19.30 Uhr, Stadthalle, Kirchheim/Teck