Nach etlichen Verhandlungstagen ist im Landgericht in Hechingen das Urteil gefallen. Foto: Archiv

Was nicht unbedingt zu erwarten gewesen war, ist eingetreten: Der Hechinger Prozess gegen ein Albstädter Ehepaar, das durch den Verkauf nicht existenter Einweghandschuhe eine Millionensumme ergaunert haben soll, ist zu Ende. Ein Urteil gibt es auch.

Albstadt/Hechingen - In der vorangegangenen Verhandlung am 21. Mai war das noch nicht abzusehen gewesen: Der Hauptangeklagte hatte damals noch auf seiner Version des Tathergangs beharrt, wonach er selbst beim Versuch, den Verkauf von 550.000 Packungen Latexhandschuhen anzubahnen, von seinen Kontaktleuten aufs Kreuz gelegt worden sei und lediglich im Nachhinein versucht habe, durch gute Miene zum bösen Spiel etwas von der Beute abzubekommen. Sein Anwalt hatte weitere Beweisanträge gestellt, die diese Darstellung erhärten sollten und den Prozess vermutlich bis in den Herbst verlängert hätten.

Vereinbarung bindend

Allerdings hatte der Verteidiger noch eine weiteren Vorschlag unterbreitet, nämlich den zu einem Verständigungsgespräch zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Staatsanwältin stimmte zu, allerdings mit unüberhörbarer Reserve – es hatte bereits Wochen zuvor ein solches Verständigungsgespräch gegeben, und das war im Sand verlaufen. Doch diesmal ging die Sache anders aus; es kam zu einer Einigung, die der vorsitzende Richter Breucker zu Beginn der nächsten und, wie sich erweisen sollte, letzten Verhandlungsrunde öffentlich machte: Eine Haftstrafe für den Hauptangeklagten durfte nicht unter vier Jahren und drei Monaten und nicht über fünf Jahren und drei Monaten liegen; als Eckpunkte für die Dauer der Haftstrafe der Ehefrau hatte man ein Jahr als Untergrenze, anderthalb Jahre als Obergrenze festgelegt – Bewährung inbegriffen. Diese Vereinbarung war für beide Seiten bindend, aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass auch die Angeklagten zustimmten.

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Das taten sie, und dieses Einverständnis war zugleich ein Geständnis. In einer Stellungnahme, die sein Anwalt verlas, bekannte der Hauptangeklagte, dass ihm schon vor der Übergabe der 50-prozentigen Anzahlung auf den Kaufpreis – mehr als zwei Millionen Euro – klar geworden sei, wer der Anbieter der in Aussicht stehenden Handschuhlieferung war und dass es bei dieser nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Verärgert durch das Verhalten seiner Auftraggeber, das er als kränkend empfand, habe er beschlossen, sich – legal oder nicht – schadlos zu halten. "Ich wollte mitmischen. Betrug? Egal, dachte ich, es trifft ja keinen Armen." Am Ende traf es ihn.

Einblick in ein ziemlich exotisches Milieu

Der Staatsanwältin erschien auch dieses Schuldbekenntnis immer noch sehr geschönt; sie unterstellte weiterhin, dass der Angeklagte kein Trittbrettfahrer, sondern durchaus Spiritus Rector eines Betrugs gewesen sei, dessen Inszenierung beträchtliche kriminelle Energie erfordert habe. Dagegen folgte der vorsitzende Richter in den Grundzügen seiner Urteilsbegründung der Verteidigung. Der Prozess, führte er aus, habe nicht nur ihm Einblick in ein ziemlich exotisches Milieu gewährt, in eine Welt der Goldgräber und Corona-Kriegsgewinnler, in der Millionengeschäfte in der Badehose an der Strandpromenade getätigt würden und zwischen Legalität und Rechtsverstoß eine ausgedehnte Grauzone liege. Der Angeklagte habe in diesem "Haifischbecken" mitschwimmen wollen, ohne die nötige Erfahrung und Chuzpe zu besitzen. Das sei ihm zum Verhängnis geworden. "Suchen Sie sich für die Zukunft eine unverfängliche Tätigkeit und meiden Sie die Schnittstelle zur Illegalität – einer wie Sie lebt da gefährlich."

Die Gefährdung der mitangeklagten Ehefrau sieht anders aus. Sie hatte ihren Mann auf ihrem Konto schalten und walten lassen und sich im Bedarfsfall zu Bankbesuch und Unterschrift bereitgefunden, obwohl ihr hätte auffallen müssen, dass bei zwei Millionen etwas nicht stimmen konnte. Sie erhielt ein Jahr und zwei Monate auf Bewährung und muss 40 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Er dagegen bleibt in Haft: Vier Jahre und fünf Monate lautete das Urteil – wann sein Wunsch nach offenem Vollzug in Erfüllung geht, hängt nicht zuletzt von ihm ab.

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