Gut sortiert: Hotel- und Kioskbetreiber Johann Ehmann (li.) mit seiner Mitarbeiterin Christina Fix Foto: Leo Wanner

Egal ob Büdchen, Trinkhalle oder wunderschöne Bude mit Blick auf die Zugspitze: Im Kiosk sind alle gleich. Die Liebeserklärung an einen Ort, der die Gesellschaft zusammenhält.

Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammenkommen. Im Stadion in der Kurve. In der Eckkneipe, falls die noch nicht pleite ist. Und in der Kirche, falls das Gotteshaus noch nicht umgewidmet, plattgemacht und in zu teuren Wohnraum umgewandelt wurde.

 

Seit sich die Verrückten von Freiburg bis Flensburg im Internet und nicht mehr am Stammtisch treffen, um sich gegenseitig in ihrer Verrücktheit zu bestärken, haben es Orte schwer, die als Gleichmacher fungieren. An denen ein Korrektiv wirkt, das Menschen mit einer liebevollen Strenge mit dem Nötigsten versorgt: Ansprache, Austausch und Alkohol. Der Kiosk ist ein solcher Ort der Begegnung, an dem alle gleich sind, egal ob in Berlin oder Wien oder im Ruhrgebiet. Die Späti-Kultur, die von der deutschen Hauptstadt in die kleinsten Städte geschwappt ist, versorgt nicht nur Nachtmenschen mit Tabak, Getränken und einem analogen Plausch, der einem bisweilen das Leben oder wenigstens den Rest der Nacht retten kann.

In Österreich werden diese Orte auch gerne Trafik genannt

Diese Bedürfnisanstalt der Durstigen und Einsamen hat dabei eine erstaunliche Evolution durchgemacht: „Das Wort Kiosk stammt aus dem Türkischen, wo kösk so viel bedeutet wie Gartenhäuschen, und die Türken haben diese grazile Architektur, wie das Wort, von den Persern übernommen“, heißt es im 1995 erschienenen Gedichtband „Kiosk“ von Hans Magnus Enzensberger. „Ausgehend vom 18. Jahrhundert begann die Entwicklung vom exquisiten Bauwerk zum mondialen Verkaufsladen“, schreibt der Medienwissenschaftler Arthur Engelbert 2023 in seinem Buch „Der Kiosk. Vom exquisiten Prachtbau zum Allerweltsladen“.

1854 wurden die ersten Kioske im deutschsprachigen Raum eröffnet: in Wien – in Österreich werden diese Orte auch gerne Trafik genannt. Wie in der Mode orientierten sie sich an französischen Modellen in Paris, genauso wie der erste Kiosk in Deutschland, der um 1857 in Dresden eröffnet wurde. Als das Internet noch ausgedruckt wurde auf Papier und man den Inhalt Zeitungen oder Zeitschriften nannte, brauchte es Verkaufsräume für die neuesten Nachrichten.

Ob Zeitungskiosk, Imbissbude oder die fürs Ruhrgebiet so typische Trinkhalle: Der Kiosk von heute hat viele Gesichter. Am Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung der RWTH Aachen University hat sich 2023 das Kiosk Kollektiv gegründet, das im Begegnungsraum Kiosk nichts weniger als die Rettung der Gesellschaft sieht: „Der Kiosk ist ein kleines räumliches Wunder. Er ist Auge und Ohr der Stadtgesellschaft zugleich.“

Ein Kleinod in der ehemaligen Schalterhalle des Bahnhofs

Das Kiosk Kollektiv sorgt sich um die Zukunft der Kioske und fordert mehr Anerkennung für dieses Genre. Muss man sich aber wirklich Sorgen machen um den Fortbestand der gleichmachenden Einrichtung in Zeiten, in denen keiner mehr liest und alle nur noch in ihre Endgeräte starren? Ortsbesuch zum Zwecke der knallharten Recherche im derzeit vielleicht schönsten Kiosk diesseits und jenseits der Alpen: in Lermoos in Tirol, mit Blick auf die Zugspitze.

Dort betreiben Cleo und Johann Ehmann einen Kiosk, der so schön ist, dass man über Nacht bleiben möchte, was – oh Wunder – kein Traum bleiben muss, weil an den Kiosk das Boutiquehotel Lermooser mit acht Zimmern angeschlossen ist. Ehrlich gesagt ist es vielleicht auch andersherum, der Kiosk ist Teil des Hotels, im Sinne eines echten Kioskes steht er aber allen offen.

Das Kleinod befindet sich in der ehemaligen Schalterhalle des denkmalgeschützten Bahnhofs von Lermoos, der jahrelang leer stand. „Als ich mit dem Fahrrad vorbeigefahren bin, habe ich mich in das Gebäude verliebt. Das Dach hatte Potenzial“, sagt Johann Ehmann, zu dessen Charaktereigenschaften unter anderem Hartnäckigkeit und Ausdauer gehören. Er rief die Österreichischen Bundesbahnen an, um das Gebäude zu kaufen, stieß aber nicht sofort auf Gegenliebe. „Also habe ich es anschließend einmal im Jahr probiert. Im fünften Jahr waren sie mürbe.“

Die einen Kunden überbrücken die Wartezeit im Kiosk, die anderen kaufen hier lebensrettende Dinge

1910 entstand der Bahnhof, als die Mittenwaldbahn gebaut wurde, 2023 konnten Cleo und Johann das Hotel und den Kiosk eröffnen. Während er vom Umbau des Gebäudes erzählt, gibt er einer Familie aus Holland die Overnight-Oats fürs Frühstück über den Tresen. Zwei Radler, deren Dialekt nach München klingt und deren Fahrräder mehr gekostet haben als ein Kleinwagen, bestellen „due Cappuccini“ aus der Siebträgermaschine und Kuchen zur Stärkung für die Weiterfahrt. München ist mit dem Zug nur zwei Stunden entfernt, Lermoos ist ein beliebter Transitort, sodass sich im Kiosk von Johann Ehmann eine bunte Mischung der Spezies Mensch trifft, die jeden Tag aufs Neue ein schönes Stück im Kammertheater namens Lebens aufführt.

Die einen kaufen im Kiosk Kaffee und Kalorien, weil sie die Wartezeit auf den Zug überbrücken, setzen sich auf die kleine Terrasse vor dem Haus und bewundern die Zugspitze, deren Schönheit für den durchschnittlichen Kartoffeldeutschen unbegreiflich ist, während Österreicher und Schweizer nur müde mit den Schultern zucken, weil sie noch viel höhere Berge haben.

Und wieder andere springen nur kurz in den Kiosk hinein, um lebensrettende Dinge zu kaufen: Ein Fahrrad-Reparier-Set oder einen Tee aus Alpenkräutern, Almdudler und andere Insignien der Berge. Dass es auch Instant-Thai-Suppe gibt, ist den Hotelgästen geschuldet, die ebenfalls hier einkaufen können, um in der Gemeinschaftsküche nebenan eine wärmende Mahlzeit zuzubereiten, ehe es zurück in den tristen Alltag geht.

Johann Ehmann spielt die Rolle des Hotelchefs mit eigenem Kiosk mit Bravour. Der ehemalige Agenturbetreiber verfügt über zwei entscheidende Eigenschaften, die ein Mensch mitbringen muss, um mit verschiedenen Milieus klarzukommen. Kommunikationsfähigkeit und eine realistische Selbsteinschätzung. Auf die Frage, wieso sein Kiosk so jung und cool aussieht, antwortet er entwaffnend ehrlich: „Für den Geschmack ist meine Frau Cleo zuständig und für die Jugendlichkeit unsere Mitarbeiterin Christina Fix.“ Letztere arbeitete zuletzt in Wien an der Universität für angewandte Kunst in der Modeklasse, hatte in der Bibel des guten Geschmacks, der Zeitschrift „Weekender“, vom Lermooser gelesen und wollte sofort an diesem besonderen Ort arbeiten.

Fahrkarten gibt es nicht zu kaufen. Wirklich nicht

Während sie einem jungen Kunden lässig die Produktpalette erklärt, die unter anderem auch Lermooser-Merchandise in Form von Shirts beinhaltet, kümmert sich Johann Ehmann entspannt um eine ältere Dame, die nach Fahrkarten für die Bahn fragt, was an diesem Tag nicht das letzte Mal sein wird.

Fahrkarten gibt es hier keine mehr. Meist werden aus den nicht vorhandenen Tickets dann Espressi oder wenigstens ein kurzer Schnack, bis der nächste Zug kommt. Zum Abschied erzählt Johann Ehmann die Geschichten der ehemaligen Bewohner des Hauses, aus dessen Wohnungen er Hotelzimmer gemacht hat. Wenn der Warteraum abends geschlossen hatte, kam es schon mal vor, dass Wanderarbeiter, die den Zug verpasst hatten, im Garten gesoffen und ein Lagerfeuer gemacht haben, bis der erste Zug in der Früh kam und wieder Ruhe einkehren konnte. Heute muss hier zum Glück keiner mehr randalieren, der den Zug verpasst hat: der Kioskkultur mit angeschlossenem Hotel sei Dank.