Ali und Adel machen in Schwenningen auf das Leid in ihrer Heimat aufmerksam – die beiden Kurden fürchten um ihre Familien – und um die Sicherheit in Europa.
Seit zehn Tagen hat Ali keinen Kontakt zu seiner Familie in Kobanê, seiner Heimatstadt in der autonom verwalteten kurdischen Region Rojava im Nordosten Syriens. Die Stadt wird von Truppen der syrischen Übergangsregierung belagert, die humanitäre Lage sei, wie Ali berichtet, katastrophal. Kobanê sei weitgehend lahmgelegt, umliegende Dörfer in der Hand von Dschihadisten und viele Menschen fürchten um ihr Leben. Es gebe weder Strom noch Wasser oder Internet, zudem stoße die medizinische Versorgung ebenso wie die Versorgung mit Lebensmitteln zunehmend an ihre Grenzen.
Schnee und eisige Kälte stellen die Kurden in der Stadt vor eine Überlebensprobe. „Es kann sein, dass mit meiner schwangeren Schwester etwas passiert oder mit meiner Nichte – und ich habe keine Ahnung davon“, stellt Ali nüchtern fest.
Die Ungewissheit darüber, ob seine Familie in Sicherheit ist, und die Machtlosigkeit spürt der Kurde auch in seinem Alltag,. „Ich kann nicht zum Sport gehen, ich kann auch nicht wirklich arbeiten. Das macht einen fertig.“
Angst vor Islamisten
Wie viele tausend Kurden in Deutschland geht Ali deshalb gemeinsam mit seinem kurdischen Freund Adel in Schwenningen auf die Straße, um auf das Leid in seiner Heimat aufmerksam zu machen.
Ali und Adel (die vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt) wollen ihre richtigen Namen nicht öffentlich preisgeben. Zu groß ist die Angst, sie könnten auch hier ins Visier von Islamisten geraten.
Am vergangenen Sonntag fand in Schwenningen erneut eine Demo statt. Daniel Brill, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz, bestätigt das auf Anfrage unserer Redaktion. Rund 150 Teilnehmer sollen an der Demo beteiligt gewesen sein, die am frühen Nachmittag in der Innenstadt stattfand. Der Teilnehmerkreis habe sich überwiegend aus Teilnehmern des Offenen Antifaschistischen Treffens Villingen-Schwenningen zusammengesetzt, teilt der Sprecher mit. Dabei sei es zu keinen besonderen Vorkommnissen gekommen.
„Wir demonstrieren friedlich“, betonen Adel und Ali. Das Problem sei laut Ali jedoch, dass die Menschen allgemein nicht wissen, wofür die Kurden auf die Straße gehen und was überhaupt die Kurden sind. „Es geht ums Überleben einer Ethnie“, erklärt Ali und verweist darauf, dass Kurden seit Jahrzehnten in Syrien schwerst unterdrückt würden.
Vertrauen in Regierung ist gebrochen
Eigentlich sollte mit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024 ein langer Krieg zu Ende gehen. „Wir sind sehr glücklich, dass al-Assad weg ist“, sagt Adel. Doch für die Kurden verbesserte sich die Situation seither kaum. Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa wollte das Land in eine friedliche Zukunft führen, doch die Gespräche mit der kurdischen Region Rojava scheiterten, der Bürgerkrieg setzte sich fort. Nach wochenlangen Kämpfen schlossen die syrische Übergangsregierung und die von Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erst am vergangenen Freitag ein umfangreiches Waffenstillstandsabkommen – doch bei vielen Kurden stößt es auf große Skepsis.
Auch Adel und Ali haben in die syrische Regierung kein Vertrauen mehr. „Wir halten nichts davon“, sagt Ali zu dem Abkommen. Zu häufig habe es schon leere Versprechen gegeben. Den Übergangspräsidenten bezeichnet er als Terroristen.
Ziel: ein eigenes Land
Ziel der Kurden ist ein eigenes Land – oder zumindest eine autonome Region – , in der sie ihre Sprache sprechen, ihre Traditionen leben und als ethnische Volksgruppe anerkannt werden.
„Wenn die Kurden eine autonome Region bekommen, bin ich auch bereit, zurückzukehren, um mein Land wieder aufzubauen“, sagt Ali, sein Freund Adel stimmt ihm zu. Und das, obwohl für beide die Flucht nach Deutschland eine Odyssee gewesen ist.
Ali floh 2015 nach Deutschland, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) seine Heimatstadt angegriffen hatte. In Deutschland lernte er die Sprache, machte sein Abitur und studierte anschließend. Inzwischen arbeitet er als Softwareentwickler und ist eingebürgert. Sein Freund Adel ist seit fünf Jahren in Deutschland, vier Jahre lang versuchte er von Kurdistan nach Deutschland zu flüchten, ging große Strecken teils auch zu Fuß. In Villingen-Schwenningen arbeitet er in einem Barber-Shop.
Angst um Europa
Die Entwicklungen in Syrien verfolgen beide mit großer Sorge. Im Zuge des Vormarsches syrischer Regierungstruppen nach Nord- und Ostsyrien sollen zahlreiche Anhänger des IS aus Gefängnissen im Januar freigekommen sein. Ali und Adel sind überzeugt, dass dies auch eine Gefahr für Europa darstellen könne. Adel befürchtet, der Terrorismus könne sich wie eine Epidemie ausbreiten. Gerade deshalb müsse man ihn vor Ort bekämpfen. „Wir kämpfen, weil wir das Bunte unserer Kultur behalten wollen“, so Ali.
Deshalb sehen die beiden Kurden auch die deutsche und europäische Politik in der Pflicht. Ali übt Kritik an der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie stellte bei einem Besuch in der syrischen Hauptstadt Damaskus zu Beginn des Jahres Finanzhilfen in Höhe von 620 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Landes in Aussicht. „Das bringt mir nichts. Die 620 Millionen Euro werden in die Hand von einem Terroristen gedrückt. Meine Familie bekommt nichts davon. Mit diesem Geld werden Waffen von der Türkei gekauft, um kurdische Kinder zu töten“, befürchtet Ali. Er und Adel hoffen, dass die deutsche Regierung ihre Haltung überdenkt und al-Sharaa nicht als normalen Präsidenten anerkennt.
„Es wird nicht aufhören“
„Es macht uns keinen Spaß auf Demos zu gehen“, betont Ali abschließend. „Aber wenn wir sehen, dass kurdische Kinder dort sterben, weil sie kein Essen bekommen, dann würde ich die ganze Nacht draußen stehen.“ Die Demos werde es solange geben, bis es eine zufriedenstellende Lösung für die Kurden gebe. „Es wird nicht aufhören“, versichert Ali.