Märit Kaasch ist Pfarrerin in Schwenningen. Foto: Heinig

"Gott kam nicht, wie erwartet, als großer und prächtiger Herrscher auf die Welt, sondern als kleines, hilfloses Kind", tröstet die Pfarrerin Märit Kaasch all jene, die darunter leiden, dass Weihnachten nun schon zum zweiten Mal unter Corona-Einschränkungen und damit "so ganz anders als erwartet" stattfinden muss.

Aktuelle Informationen zur Corona-Lage in unserem Newsblog

VS-Schwenningen - "Traurig und schade" findet es die 49-Jährige dennoch, dass die Gottesdienste zur Weihnachtszeit nun doch wieder auf Online-Angebote umgestellt werden mussten. "Vom Verstand her" sei sie zwar froh über die erneuten Kontaktbeschränkungen zur Vermeidung von Infektionen, "vom Herzen her" aber sehr unglücklich.

Etliche Video produziert

In den vergangenen Wochen wurden in der evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen etliche Videos produziert, die am Heiligen Abend und an den Weihnachtsfeiertagen über die Webseite jederzeit abrufbar sind. Am zweiten Adventssonntag haben Märit Kaasch und Kinder der Gemeinde zudem das Krippenspiel gespielt und Fotos davon gemacht. Am 24. Dezember, 16 Uhr, findet ein Familiengottesdienst per Zoom statt, die Einwahldaten stehen ebenfalls auf der Homepage. Dabei werden diese Fotos gezeigt und die Kinder lesen dazu eigene Texte und die Weihnachtsgeschichte live. Darauf freut sie sich, denn schon vor einem Jahr erlebte sie, wie "unglaublich gut" die Kinder mit der Technik umgehen können. "Die vergessen nie, ihr Mikro auszuschalten", sagt sie bewundernd. Um 18 Uhr gibt es dann einen weiteren Zoom-Gottesdienst.

"Es fehlt etwas"

Danach feiert sie privat das Christfest mit Mann, drei Kindern und deren Großeltern. Ganz anders als in "normalen" Jahren folgen hernach zwei Festtage, in der sie als Pfarrerin keinen Kircheneinsatz hat. "Aber ich bin jederzeit erreichbar", sagt sie und gibt zu, dass sie bisher keine Freude über die "freien" Tage empfinden kann. "Es fehlt etwas", sagt sie. Sie vermisse den freudigen Trubel und auch die Menschen, die normalerweise nur an Weihnachten den Weg in die Kirche finden.

Jeder Kirchenaustritt schmerzt

Mit der stetig wachsenden Anzahl an Kirchenaustritten hadert indes auch sie. "Jeder Austritt schmerzt", sagt Märit Kaasch. Aus Sicht der Kirchen gäbe es dagegen keine einfachen Lösungen, Haustürbesuche, zum Beispiel bei Neuzugezogenen, gestalten sich in Zeiten steigenden Misstrauens der Menschen, als immer schwieriger, weiß die Pfarrerin. Die Präsenz in den Sozialen Medien sei schon vorhanden, eine Steigerung setze aber zusätzliche Arbeitskraft und mediales Können voraus. Gerne bringt Märit Kaasch daher vor allem junge Menschen den Glauben näher und beweist ihnen, dass die Kirchensteuer gut angelegtes Geld ist. Ihre Drei-Viertel-Pfarrstelle füllt sie mit Angeboten als Seelsorgerin der Studierenden der Hochschule Furtwangen University (HFU) an der Seite ihrer katholischen Kollegin Luzia Feuerstein. 50 Prozent ihrer Arbeit gehören dem Kirchengemeindeteam, dem sie seit 2008 angehört, und den Gläubigen der Johanneskirche West.

In Nigeria und in Rottweil

Sie sei immer überrascht, wenn sie ihren Namen einmal nicht buchstabieren muss, sagt Märit Kaasch und lacht. Auf dem Passamt wurde sie sogar einmal als Mann registriert. Geboren ist sie in Saarlouis, zog mit ihren Eltern, beides Ärzte, in den ersten sechs Jahren ihres Lebens aber häufig um. Eineinhalb Jahre lebte die Familie auch in Nigeria und wurde schließlich in Rottweil sesshaft.

Den Wunsch, Ärztin zu werden, gibt sie auf

Märit Kaasch wuchs mit den Jugendgruppen der evangelischen Kirche auf und erlebte dabei das inzwischen in Villingen-Schwenningen aktive Pfarrer-Ehepaar Brigitte und Andreas Güntter. Deren Motto, das "Leben teilen", und der Trost, den sie nach dem frühen Tod eines nahen Freundes erfuhr, habe sie so stark geprägt, dass sie ihren ursprünglichen Wunsch, Ärztin zu werden, aufgab und sich der Theologie zuwandte. Die Erfahrungen während der Vorpraktika im Schichtdienst einer Telefonauskunft der Telekom und anschließend in einer Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Mädchen bestärkten Märit Kaasch darin. In Münster begann sie schließlich mit ihrem 13-semestrigen Studium, erhielt währenddessen ein Stipendium am Evangelischen Stift in Tübingen und studierte auch in Berlin.

Interessante Erfahrungen in Bossey

"Gleich übernommen wurde ich seinerzeit nicht, es gab zu wenige Stellen". Vier Monate der Wartezeit von – in ihrem Fall nur – einem Jahr verbrachte sie am Ökumenischen Institut im Schweizerischen Bossey, wo sie, wie sie heute sagt, einen "anstrengenden, aber spannenden und bereichernden culture clash" erlebte. Theologen aus aller Welt und verschiedenen Glaubensrichtungen trafen dort aufeinander und entwickelten eine gemeinsame und zutiefst befriedigende Spiritualität. 2000 erhielt Märit Kaasch ihr Vikariat in Gerlingen, kam 2002 ins Dekanat Esslingen, heiratete und bekam zwischen 2004 und 2010 eine Tochter und zwei Söhne.

Denken in kleinen Schritten

In schwieriger Zeit – man denke an die Coronapandemie – bleibt Märit Kaasch motiviert. Das schafft sie mit Meditation, mit Zeiten der Stille und Reflexion. Und, wie sie betont, mit dem "Denken in kleinen Schritten". Vor Weihnachten 2020 habe sie insgesamt fünf Konzepte für die angedachte "Kirche draußen" entwickelt, keines ist angesichts des Lockdowns vor einem Jahr zum Tragen gekommen. "Den Augenblick zu nutzen", schlägt sie deshalb vor – und zündet eine Kerze an.