Eingebläutes Wissen: Erziehung anno dazumal Foto: Imago/Gemini Collection

In den Klassenzimmern des 19. Jahrhunderts wurde Wissen nicht didaktisch vermittelt, sondern mit allerlei Prügelinstrumenten eingebläut – eine Erziehungsmethode mit langer Tradition.

„Er war entsetzlich im Lächeln wie im Zorne“, heißt es in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ über den Schuldirektor Wulicke. Dieser „furchtbare, von der eifersüchtigen Schrecklichkeit des alttestamentarischen Gottes beseelte Mann“ steht stellvertretend für den Geist der Unterdrückung, der im 19. Jahrhundert in den deutschen Klassenzimmern Einzug hielt. Die Schule war ein Hort der strengen Zucht. Wer nicht parierte, bekam die ganze Härte der Herren Schulmeister zu spüren, die Unwissenheit genauso bestraften, wie sie Wissen einbläuten – mit dem Rohrstock.

 

Im deutschen Kaiserreich nahm die schulische Erziehung zunehmend militärische Züge an. Nicht die Vermittlung von Wissen stand im Vordergrund, sondern die Erziehung zum Gehorsam. Der eingangs zitierte Thomas Mann sprach von einer „preußischen Dienststrammheit“. Und der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt schrieb 1872, das „Militärwesen in Deutschland“ werde „das Muster alles Daseins werden, und auch die Schulen würden sich dieser Norm nicht entziehen können“.

Strammstehen im Klassenzimmer

In der Tat entsprach die Beziehung zwischen Lehrer und Schülern vielfach dem Verhältnis zwischen Unteroffizier und Mannschaften. So jedenfalls charakterisiert der Dramatiker Gerhart Hauptmann rückblickend seine Breslauer Schulzeit: „Wenn der Lehrer die Klasse betrat, schnellten die Knaben von den Bänken und standen so lange stramm, bis das Kommando: Setzen! im schneidigen Ton erklungen war.“

Hermann Lietz, der Begründer der deutschen Landeserziehungsheime, sagte in der Rückschau auf die eigene Schulzeit um 1880 von seinen Lehrern, ihr einziges Zuchtmittel sei der Stock gewesen. Ein derart vernichtendes Urteil traf wohl nicht alle Schulen, doch die körperliche Züchtigung war Ultima Ratio pädagogischen Tuns, behördlich genehmigt, ja sogar amtlich empfohlen.

Die unentbehrliche Rute

So heißt es in einer von einem Kreisschulinspektor verfassten „Volksschulkunde“ der 1880er Jahre: „Nur Mangel an Kenntnis der Kindesnatur“ könne die Überzeugung hervorrufen, Schläge seien zur Erziehung ungeeignet. „Dass die Rute und der Stock in größeren Klassen unentbehrlich sind, darüber lässt sich wenig streiten. Nur nicht zu ängstlich und zaghaft!“, empfiehlt der Prügelpädagoge den jungen Kollegen.

Mit dieser Einstellung hatten die Lehrer einen großen Teil der Öffentlichkeit und der Elternschaft hinter sich. „Der Bub ist gut, wenn er aber nicht pariert, schlagen sie ihn braun und blau“, gibt ein Vater dem Schuldirektor mit auf den Weg. Diese Härte hielten Eltern wie Lehrer für ihre religiöse Pflicht, da sie von der Bibel gefordert wurde. So heißt es in den Sprüchen Salomos: „Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn, wer ihn aber lieb hat, züchtigt ihn beizeiten.“

Striemen auf dem Rücken

Prügel waren zu allen Zeiten ein systematisch angewendetes Erziehungsmittel. Schon im alten Ägypten war man der Meinung, dass eine harte Hand zum Besten des Kindes sei, wie es in einem Papyrus aus dem 2. Jahrtausend vor Christus heißt. „Die Ohren junger Menschen“, steht da geschrieben, „sind auf dem Rücken angebracht.“ Denn: „Der Rücken hört zu, wenn man ihn schlägt.“ Für diese Erziehungsmethode müsse man seinem Pädagogen dankbar sein, schreibt ein Schüler seinem ehemaligen Lehrer und belobigt ihn dafür, dass er ihm seinerzeit mittels Schlägen schulisches Wissen eingebläut hat.

Weniger erfreut über diese Art der Wissensvermittlung zeigt sich der christliche Philosoph Augustinus: „Schläge, immer wieder Schläge“ habe er von seinem Lehrer erhalten, so beschreibt der Kirchenvater in den „Bekenntnissen“ um 400 seine Schulzeit. Selbst seine Eltern, die um das harte pädagogische Regiment wussten, hätten gelacht über die Striemen, die die Schläge seines Lehrers auf seinem Rücken hinterließen.

Gottgefällige Züchtigung

Die Prügelpädagogik schlug sich auch in der Sprache nieder, worauf jüngst der Schweizer Journalist Thomas Ribi hingewiesen hat. Das hebräische Wort „musar“ bedeutet „Unterricht“, aber auch „Strafe“. Und im klassischen Latein ist manum ferulae subducere, wörtlich „die Hand für die Peitsche hinhalten“, eine gängige Umschreibung für „zur Schule gehen“.

Jahrhundertelang gehörten Schläge in der Schule zum erzieherischen Alltag, glaubte man doch durch sie, Kinder zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft formen zu können. Auch in kirchlichen Erziehungseinrichtungen galten Körperstrafen als Notwendigkeit, um die Kinder, die noch nicht wissen, was gut und was böse ist, auf den richtigen Weg zu bringen. Geschehe die Züchtigung des Fleisches, laut christlicher Vorstellung der minderwertige Teil des Körpers, doch einzig und allein um der Seele willen, die nach dem Tod den Körper verlassen und zu Gott aufsteigen wird.

Schreie geprügelter Schüler

Zweifel an der Wirksamkeit einer Pädagogik mit dem Stock äußerten nur wenige. „Niemand kann mit Gerten, Kindes Zucht beherten“, heißt es in einem Gedicht von Walther von der Vogelweide (um 1170–1230).

Und der französische Humanist und Essayist Michel de Montaigne, der jede Form von Gewalt ablehnte, mokierte sich gut 200 Jahre später darüber, dass man immer noch in den Schulstuben nichts anderes höre als die Schreie geprügelter Zöglinge. „Welch’ herrliche Methode“, schrieb er sarkastisch, „in den zarten und noch furchtsamen Seelen der Kinder die Lust am Lernen zu wecken, indem man ihnen mit schrecklich verzerrtem Gesicht und rutenbewaffneten Händen den Weg weist!“

Ohrfeigen zum Besten der Kinder

Erst mit der Aufklärung begann sich allmählich der Gedanke durchzusetzen, dass Wissen nicht mit dem Stock eingebläut werden sollte. Zumindest in der Theorie. In den Erziehungshandbüchern des 19. Jahrhunderts galt Gewalt weiterhin als ein legitimes Mittel, um jungen Menschen Mores zu lehren und ihnen Respekt vor Autoritäten beizubringen. Selbst der Ahnherr der Schweizer Pädagogik, Johann Heinrich Pestalozzi, sah nichts Verwerfliches darin, widerspenstiges Verhalten mit Schlägen zu bestrafen. Im Gegenteil: „Wonnevoll zeigten mir die Kinder, dass sie über meine Ohrfeigen froh waren“, schrieb er 1799. Prügeln zum Besten der Kinder, eine verquere Logik.

Diese herrschte bis weit ins 20. Jahrhundert vor. Erst ab den 70er Jahren wurden Körperstrafen in den meisten europäischen Ländern verboten. 2000 beschloss der Bundestag ein Gesetz, wonach Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben.