Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Foto: © Frank – stock.adobe.com

Der Missbrauchsskandal der Erzdiözese Freiburg beschäftigt auch örtliche Gemeinden. Damit einhergehend erlangt das Thema Kirchenaustritte in VS immer mehr an Präsenz. Doch wer die Kirche verlassen will, muss erst einmal bezahlen.

Die Veröffentlichung des Missbrauchsberichts des Erzbistums Freiburg belastet rund 250 Geistliche schwer. Sie sollen mehr als 540 Opfer sexuell missbraucht und Täter geschützt haben.

 

Der heutige Erzbischof Stephan Burger ist entsetzt über die Ignoranz seiner Vorgänger. Alt-Erzbischof Zollitsch räumte bereits schwerwiegende Fehler sowie persönliche Schuld ein. Doch wie gehen die örtlichen Gemeinden mit diesem Thema um?

Gespräche in örtlichen Gemeinden

„Es gab direkt am Tag der Veröffentlichung eine Austauschrunde der Hauptberuflichen“, berichtet Gunter Berberich, Pastoralreferent der katholischen Kirche Villingen. Seitdem wird in der Gemeinde immer wieder über das Thema gesprochen: Im Pfarrgemeinderat gibt es ein Austauschtreffen, und manchmal würden Gemeindemitglieder um ein Gespräch bitten. Darüber hinaus überlegt das Seelsorgeteam, ob ein offenes Gesprächsformat von Interesse wäre.

Auch Pfarrer Josef Fischer von der Seelsorgeeinheit Villingen habe das Thema bereits öffentlich angesprochen. In seiner Sonntagspredigt hat er den Missbrauchsskandal thematisiert, erzählt Berberich.

Vertuschung ist Verantwortungslos

„Den Schutz der Institution über den des Opfers zu stellen, ist eine nicht zu vertretende Verfehlung“, meint Gunter Berberich. Die Vertuschung der Missbrauchsfälle hält er in erster Linie gegenüber den Opfern für verantwortungslos, aber auch angesichts jener Menschen, die in der Kirche einen Schutzraum sehen. Auch der Kirche selbst habe das Ignorieren der Missbräuche geschadet, da so Vertrauen und moralische Integrität verspielt wurden.

„Statistisch gesehen gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft Missbrauch“, sagt Berberich. Für problematisch hält er die systematische Vertuschung der Missbrauchsfälle in der Kirche. Deshalb müsse geklärt werden, welche Strukturen und Regelungen den Missbrauch begünstigen und geändert werden müssen.

Dass durch den Missbrauchsskandal das Vertrauen einiger Menschen in die Kirche geschwunden zu sein scheint, zeigen die Zahlen der Kirchenaustritte in VS der vergangenen Jahre. Vor Veröffentlichung des ersten Missbrauchsskandals verließen laut der Stadt Villingen-Schwenningen im Jahr 2009 lediglich 242 Personen die Kirche. Im Jahr 2022 hat sich diese Zahl mit 865 Austritten beinahe vervierfacht, was sicherlich im Zusammenhang mit dem Missbrauch in der katholischen Kirche steht. Ob der Freiburger Skandal eine Auswirkung auf die Austritte in der Doppelstadt hat, wird sich noch zeigen. Bislang ist in diesem Jahr die Zahl der Kirchenaustritte pro Monat konstant geblieben.

Konsequenzen eines Kirchenaustritts

Doch wer die Kirche verlassen will, muss erst einmal blechen: Zwischen zehn und 60 Euro kostet ein Austritt laut der Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen. Nach dem Austritt wird man bei den meisten Kirchen nicht mehr zu einer Hochzeit oder einer Taufpatenschaft zugelassen. Jobs in kirchlichen Einrichtungen können nach dem Verlassen der Kirche nicht mehr ausgeübt werden. Selbst nach dem Tod hat der Austritt aus der Kirche Konsequenzen: Ob eine kirchliche Trauerfeier für den Ausgetretenen abgehalten wird, entscheidet der zuständige Pfarrer. Alternativ kann man von einem nichtkirchlichen Trauerredner bestattet werden. Auch die Beerdigung auf einem kirchlichen Friedhof kann verweigert werden, was in der Praxis jedoch kaum vorkommt.