Verschwörungstheorien im Blick: Michael Butter und Pia Fruth in der "ErzählBar" des Theaters Lindenhof. Screenshot: Ungureanu

Ist Corona nur eine Lüge? Ist die Erde eine Scheibe? Werden wir alle gechipt? Ziehen die Illuminaten heimlich die Fäden in der Weltpolitik? Professor Michael Butter, Amerikanist und führender Forscher in Sachen Verschwörungstheorien, hat in der "ErzählBar" des Lindenhof-Theaters im Gespräch mit Pia Fruth mit einigen Mythen aufgeräumt.

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Burladingen-Melchingen - Etwa ein Drittel der Deutschen, weiß der Experte, sei offen für Verschwörungstheorien. Und ein Drittel vom Drittel richte sein Leben danach aus. Dabei, sagt er, gebe es kein "Schwarz oder Weiß", sondern viele Abstufungen: "Das sind keine Spinner, sondern ganz normale Menschen, sie haben ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, zu den Kollegen."

Durch Corona habe sich das Bedrohungsszenarium geändert, man spreche darüber, müsse sich positionieren. Und Verschwörungstheorien würden in einer Zeit der Unsicherheit auf guten Nährboden treffen: "Man ist der Ansicht, es geht mir selbst ans Leder, man nimmt mir meine Rechte."

Insgesamt habe die Zahl der Verschwörungstheoretiker durch Corona nicht zugenommen – sei aber durch Internet und soziale Netzwerke "greifbarer" geworden. "Zehn bis zwölf Prozent der Deutschen glauben, Corona ist ein Schwindel, die Maßnahmen zur Eindämmung sind hysterisch übertrieben, alles ist Teil eines perfiden Plans, und der Untergang der Demokratie steht unmittelbar bevor."

Der Begriff "Verschwörungstheorie" werde häufig missbraucht, um jemanden mundtot zu machen. Eigentlich sei von einer Verschwörungstheorie nur dann zu sprechen, wenn es um eine dunkle und geheimnisvolle Organisation gehe, die alles beeinflusse. Die Erfahrung des Professors: "Man kommt nicht an die Leute heran, wenn man sie als Verschwörungstheoretiker beschimpft."

Gefühl eines Kontrollverlusts

Häufig würden Verschwörungstheorien mit Krisen einhergehen, mit dem Gefühl, einen Kontrollverlust erlitten zu haben. Butter erinnert an das Misstrauen gegenüber der US-Regierung, deren Image durch den Irak-Krieg stark gelitten habe. Bis dahin habe es geheißen: "Wir sind die Guten."

Geheimbünde, Illuminaten, Freimaurer, eine jüdische Verschwörung: Viele würden glauben, dass Bill Gates oder George Soros die Fäden ziehen würden. "Früher waren es Metternich und der Papst, die durch die katholische Emigration die USA zerstören wollten. Und während der französischen Revolution waren es die Freimaurer."

Das Prinzip ist einfach: "Wenn einem jemand immer wieder sagt, die Erde sei flach, glaubt man das irgendwann. Man glaubt, man sei der Wahrheit auf die Spur gekommen und verbreitet das." Der Mensch werde als "Effekt der Diskurse, die durch ihn durchlaufen", gesehen, er selbst entscheide nichts, "Chaos und Zufall werden ausgeschlossen, und man hat Sündenböcke". Paradoxerweise verbreite eine solche Theorie einen gewissen Optimismus: "Man muss Bill Gates nur in den Arm fallen, und der ganze Corona-Spuk ist vorbei", zitiert Butter einen deutschen Verschwörungstheoretiker. Und: "Wenn man weiß, wer schuld ist, findet man alle möglichen Beweise." Zum Beispiel, dass die berühmte "Raute" von Angela Merkel beweise, dass sie eine Illuminata sei. "Alles wird passend gemacht, alles andere wird weggelassen."

Die Frage ist: Cui bono? Wem nützt es, die Bevölkerung zu dezimieren oder durch Chips zu steuern und zu einem willenlosen und "konsumierenden" Sklavenvolk zu machen, quasi, die "neue Weltordnung" einzuführen? Neoliberalen Eliten, würden manche glauben. Oder den "Reptilianern", die überall in Führungspositionen sitzen. Das Thema Kommunikation sei ganz wichtig, betont Michael Butter. Die Erfahrung eines Kontrollverlusts mache die Menschen anfällig für solche Theorien. Gerade in Zeiten der Pandemie sei das "Kommunikationsproblem von Politik und Wissenschaft" deutlich geworden.

Mittelalterliche Ritualmord-Legenden

Stichwort Kommunikation: Im Osten, weiß Butter, sei nur die AfD von Tür zu Tür gegangen und habe die Menschen gefragt, was sie brauchen. Die Folge: Die Menschen hätten AfD gewählt, "die einzige Partei, die sich für sie interessiert".

Pia Fruth erinnert an eine lokale Geschichte von der Alb, aus der ebenfalls ein Mythos gestrickt worden war: die "Laichinger Hungerchronik", ein handschriftlicher Bericht eines Lehrlings aus den Jahren 1816 und 1817, als ein Vulkanausbruch in Indonesien zu Missernten geführt hatte: "Dann kommt Abraham ins Spiel, die Kornjuden, die das Getreide grün ernten und teuer verkaufen." Die Handschrift, die sich als Fälschung herausgestellt habe, habe lange Zeit als "historisch belastbare Quelle" gegolten.

Das "Wesen des Judentums"? Die mittelalterlichen Ritualmord-Legenden würden sich bis heute fortsetzen, weiß der Professor. Und: "Juden und Freimaurer werden immer im gleichen Atem genannt." Er verweist auf das "Protokoll" zu einem Treffen der Führer der Juden auf einen Friedhof in Prag: "Brunnenvergiftung, Hostienfrevel und Ritualmorde stehen in den eigentlichen Protokollen nicht drinnen." Seine Schlussfolgerung: "Aller moderne Antisemitismus ist verschwörungstheoretisch. List, Heimtücke und Verschlagenheit sind Voraussetzungen für eine Verschwörung." Geschichten würden oft weitererzählt, obwohl bekannt sei, "es war nicht so". Es hänge viel davon ab, "wie man es den Leuten erzählt". Die Voraussetzung: Man müsse verstehen, "wie eine historische und narrative Erzählstruktur funktioniert". Zufälle gebe es nicht, nichts sei so, wie es scheine, alles sei geplant und miteinander verbunden. Und alles laufe auf einen Punkt zu.

"Katalysator für Radikalisierung"

Die Verschwörungstheorien seien ein "Katalysator für eine Radikalisierung", man fühle sich "verpflichtet, zur Waffe zu greifen". Verschwörungstheorien seien vom "Mainstream" lange nicht beachtet worden. Mit Flüchtlingskrise, Klimawandel und 5G seien krude Halbwahrheiten verstärkt zum Thema geworden. Verschwörungstheoretiker würden auf Berichte aggressiv reagieren. Er selbst habe unzählige Drohbriefe und Hass-Mails bekommen. Er sieht’s gelassen: Es sei wichtig, im Gespräch zu bleiben. Und: Polizeischutz brauche er noch lange nicht.

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