SPD-Urgesteine: Schneider und Hans-Jochen Vogel. Foto: dpa

Solch ein politisches Engagement ist phänomenal: Erwin Schneider ist seit 1928 in der SPD aktiv. Jetzt feierte er in Schorndorf seinen 100. Geburtstag.

Solch ein politisches Engagement ist phänomenal: Erwin Schneider ist seit 1928 in der SPD aktiv. Jetzt feierte er in Schorndorf seinen 100. Geburtstag.

Schorndorf - Was für ein bewegtes Leben hat er hinter sich, jener Erwin Schneider, der als jüngster Sohn eines Schneiders und einer Hausfrau mit drei Geschwistern in einem Hinterhaus der Stuttgarter Senefelderstraße aufwuchs. „Unsere Eltern waren politisch wenig interessiert, schickten uns aber in den Ferien immer ins Waldheim, das von Frauen der Arbeiterwohlfahrt und der SPD geleitet wurde“, erinnert er sich. So erwachte sein politisches Interesse, das ihn vorübergehend zur radikaleren Abspaltung, der Sozialistischen Arbeiterpartei, führte. „Ich war der Meinung, mit jugendlichem Idealismus, Volkstänzen und Liedern kann man die braune Front nicht aufhalten.“

Ende Januar 1933 reiste er als Stuttgarter Delegierter zum Parteitag nach Berlin. „Ich war bei Winterkälte sieben Tage auf dem Fahrrad unterwegs, übernachtet habe ich meist bei Genossen oder in Scheunen.“ In Berlin lernte der damals 19-Jährige auch einen anderen Delegierten, den späteren Bundeskanzler Willy Brandt, kennen. Und Schneider sah den Reichstag brennen. „Sofort danach begann die große Verhaftungswelle, so dass ich so schnell wie möglich wieder mit meinem Fahrrad in die Heimat fuhr.“

In Stuttgart allerdings versuchten er und Gesinnungsgenossen aus dem Untergrund zu wirken. „Wir kauften eine Schreibmaschine, die wir im Kohlekeller meiner Eltern ohne deren Wissen versteckten, um nachts Flugblätter zu drucken und zu verteilen.“ Allerdings spürte ihn die Gestapo alsbald auf, und er kam wegen Vorbereitung zum Hochverrat ein Jahr ins Gefängnis.

Im Zweiten Weltkrieg musste er 1944 nach Polen und Ungarn an die Front. Immer wieder sagte sich der Soldat Schneider: „Ich erschieße keine Menschen.“ Und tatsächlich habe er „danebengeschossen wie ein Verrückter“, getreu seinem Gedanken: „Diese Patrone trifft keine Menschen mehr.“ Mit einem Streifschuss Anfang 1945 endete für ihn der Krieg im Lazarett.

Später war Schneider, mittlerweile in Bad Cannstatt wohnend, insgesamt zwölf Jahre lang Betriebsratsvorsitzender der 4000 Beschäftigten der Technischen Werke Stuttgart (TWS). „Eigentlich ist Erwin in erster Linie mit den TWS verheiratet gewesen, dann kam ich erst“, sagt Gattin Luitgard – die stattdessen selbst ein SPD-Mandat im Bezirksbeirat Cannstatt übernahm. 1978 erfolgte der Umzug der Familie mit den zwei Kindern ins Remstal, erst nach Grunbach und dann nach Schorndorf, wo Luitgard Schneider das Seniorenforum gründete.

2008, bei der Feier zur 80-jährigen Mitgliedschaft, reiste extra der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel nach Schorndorf. Der 100. Geburtstag wurde jetzt in kleinerem Rahmen gefeiert, im Schorndorfer Marienstift. Als Gratulant kam erneut ein SPD-Mann: der Schorndorfer OB Matthias Klopfer. Jeden Dienstag ist Schneider in der Singstunde des Stifts dabei und braucht kein Gesangbuch, weil er alles auswendig kann, berichtete Luitgard Schneider dem Rathauschef. Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel gratulierte Schneider schriftlich: „Deine Treue und Solidarität hat einen wichtigen Anteil an dem, was Sozialdemokratie heute ausmacht und wofür wir auch heute noch kämpfen.“

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