Nicht nur auf der Balkanroute werden ertrunkene, erfrorene oder verhungerte Geflüchtete oft in anonymen Gräbern verscharrt. In Bosnien mühen sich engagierte Freiwillige um würdige Ruhestätten – und die Identifizierung der Verstorbenen.
Nachdenklich blickt Nenad Jovanovic in die gurgelnden Fluten. Der Unterlauf der Drina vom Wasserwerk in Zvornik bis zur Mündung in die Save sei der „mit Abstand gefährlichste“ Abschnitt des einschließlich seiner Quellflüsse fast 500 Kilometer langen Flusses, sagt der sehnige Rettungstaucher im bosnischen Bijeljina: „Die Drina ist selbst für erfahrene Schwimmer eine Herausforderung. Und viele der Leute aus dem Nahen oder Fernen Osten, die hier den Übergang versuchen, können nicht einmal schwimmen.“
Hoch ragt ein Baggerarm in den wolkenverhangenen Himmel. Der 40-jährige Freiwillige des Bergrettungsdienstes in Bijeljina weist auf die Kieswerke an beiden Ufern des bosnisch-serbischen Grenzflusses. Nicht nur wegen des ständigen Ausbaggerns des Kieses, sondern auch wegen des regelmäßigen Wasserablassens des Kraftwerks in Zvornik änderten sich der „instabile“ Lauf und der Pegel des Flusses nahezu täglich: „Wenn man bei der Überquerung einen Moment nicht aufpasst, endet die Sache tragisch.“
Rund 40 Wasserleichen hätten er und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren aus dem Fluss geborgen, sagt Jovanovic. Ein Grund für die hohe Zahl von Todesopfern sei, dass die Grenzgänger die Passage nach Anbruch der Dunkelheit versuchten: „Sie wollen nicht gesehen werden. Aber in der Nacht sind die Leute sich selbst überlassen.“ Wenn sie in Menschenketten durch den Fluss wateten, sei das Wasser zunächst nur „kniehoch“: „Doch wenn einer plötzlich in ein fünf, sechs Meter tiefes Loch abrutscht, reagieren die Leute mit Panik.“
Er verbringe seine Freizeit gerne am Ufer der Drina, erzählt in seinem Büro in der Sveti-Vracevi-Klinik in Bijeljina der Pathologe Vidak Simic: „Die Drina ist ein sehr schöner Fluss, aber auch sehr tückisch.“ In früheren Jahren habe er „nur selten“ einheimische Ertrunkene obduziert: „Doch 2016 kamen die ersten Migranten und Flüchtlinge über die Drina – und stiegen die Todeszahlen.“
Die meisten der Ertrunkenen, die er obduziere, seien junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. „Und alle sind sogenannte NN – no name –, Personen mit unbekannter Identität.“ Mit der Durchführung der Autopsie, der Abfassung des Obduktionsberichts für die Staatsanwaltschaft und der Entnahme einer Knochenprobe für eine etwaige DNA-Analyse sei seine Arbeit „eigentlich beendet“, sagt der 66-Jährige: „Aber für mich ist sie nicht beendet. Denn diese Menschen hatten vor ihrem Ertrinken einen Namen, Eltern und Geschwister.“
Ein Rabe krächzt auf einem Ast über dem stillen Todesacker in Bijeljina. Auf den knapp zwanzig Marmorsteinen sind „NN“-Lettern das Jahr des Fundes eingraviert. „Hier sind Migranten und Flüchtlinge begraben“, so die Aufschrift eines Gedenksteins vor einer Reihe von frisch gepflanzten Pappeln. „Niemals werden wir Euch und Eure in der Drina versunkenen Träume vergessen“, lautet die Botschaft eines weiteren Steins.
Im knapp 70 Kilometer entfernten Dorf Caklovici bei Tuzla betet Nihad Suljic vor einer weißen Grabstele mit offenen Händen für die Seelenruhe des in der Save ertrunkenen Afghanen Jawed Nazari. Auf die Bitte von besorgten Angehörigen habe er 2022 nach dem Vermissten gesucht und ihn schließlich in einem Leichenhaus im kroatischen Slavonski Brod gefunden, berichtet der 34-jährige Verwaltungsmitarbeiter: „Auf Wunsch seines Bruders haben wir ihn schließlich hier begraben: Er wollte, dass Jawed auf einem Friedhof liegt, wo ich mich um sein Grab kümmern kann.“
Erinnerungen an den Bosnienkrieg
Seit der Ökonom 2017 auf der Straße in seiner Heimatstadt Tuzla erstmals eine bedürftige Flüchtlingsfamilie traf und ihr Brot kaufte, lässt ihn das Schicksal dieser durch sein Land ziehenden Menschen nicht los. „Wir Bosnier wissen, was es bedeutet, auf der Flucht und plötzlich unerwünschte Personen zu sein“, erinnert der Muslim an die von ihm als Kleinkind erlebten Schrecken des Bosnienkriegs (1992–1995): In seinem Elternhaus in Tuzla lebten jahrelang Flüchtlinge aus Zvornik, Bratunac und Srebrenica.
Mit Unterstützung seiner Familie, seiner Nachbarn und gutwilliger Mitbürger hat Suljic in seiner Stadt unzählige Hilfsaktionen für Flüchtlinge organisiert: „Und ich bin nicht allein. Es gibt in Tuzla Hunderte, die sich ihre Hilfe für andere buchstäblich von ihrem Mund absparen.“ Es war ein Anruf aus Frankreich, der Nihad Suljic 2022 dann erstmals mit dem Problem der namenlosen Toten auf der Balkanroute konfrontierte. Ein Afghane, den er 2017 in Tuzla kennengelernt hatte, berichtete ihm, dass ein Bekannter an der serbisch-bosnischen Grenze verschollen sei. Mithilfe des lokalen Zivilschutzes fand Suljic in Zvornik die noch nicht beerdigte Leiche des in der Drina ertrunkenen Vermissten: Seine Überreste wurden schließlich nach Afghanistan überführt.
Doch der Anblick der völlig verwahrlosten Flüchtlingsgräber auf dem Friedhof in Zvornik ließ Suljic keine Ruhe. „Egal, ob die Gräber in Serbien, Bosnien oder sonstwo sind: Meist werden die toten Flüchtlinge in der abgelegensten und hässlichsten Ecke des Friedhofs verscharrt, wo sonst niemand seine Angehörigen beerdigen lässt.“ Ihm sei es deshalb ein Anliegen, sich um die Gräber zu kümmern und sie vor dem Vergessen zu bewahren. „Denn wenn wir schon nicht das Leben dieser Menschen retten konnten, sollten wir ihnen wenigstens nach dem Tod ihre Würde zurückgeben.“ Mithilfe der österreichischen Hilfsorganisation SOS Balkanroute organisierten Suljic und seine Mitstreiter die Säuberung der Gräber, den Ankauf von Grabsteinen und die Grabstele für Jawed Nazari in Caklovici sowie die Überholung des im Januar neu eingeweihten Flüchtlingsfriedhofs in Bijeljina. „Ein Ziel ist es, dass die schwarzen Gedenksteine an der Balkanroute zu Europas Mahnmal der Schande werden: Denn nicht die Drina hat die Leute getötet, sondern die Politik des Stacheldrahts und der geschlossenen Grenzen“, sagt Suljic.
„Die Seele findet leichter zu Gott, wenn der Körper zu Hause ist“
Politik sei nicht sein Terrain, sagt achselzuckend der Pathologe Simic: „Die Obduktion gibt keinen Aufschluss, warum die Leute sich auf den Weg machten.“ Doch mit dem Muslim Suljic verbindet den serbisch-orthodoxen Christen Simic das Streben, den von ihm obduzierten Toten außer zu einem anständigen Grab auch zur Identifikation zu verhelfen. „Die Seele findet leichter zu Gott, wenn der Körper zu Hause ist“, sagt Simic: „Jeder Tote hat das Recht, nach Hause zu kommen – oder dass seine Familie wenigstens weiß, wo er begraben liegt.“ Statt wie vorgeschrieben ein halbes Jahr bewahrt der Pathologe die Knochenproben daher für eine etwaige spätere DNA-Analyse dauerhaft auf. „Unter großen Mühen“ sei es ihm und Nihad bereits gelungen, zumindest einige Tote zu identifizieren, sagt er stolz.
Der Trauerprozess könne „nicht wirklich beginnen“, wenn man nicht wisse, wo der Angehörige begraben sei, meint Nihad Suljic. Eine Mutter in Afghanistan liebe ihr Kind genauso wie eine Mutter in Serbien und Bosnien: „Keine Mutterliebe ist weniger wert als eine andere. Kein Leben zählt weniger als ein anderes.“ „Unbeschreiblich“ sei für ihn die Erfahrung der Dankbarkeit eines afghanischen Vaters gewesen, als in Bijeljina per DNA-Abgleich sein ertrunkener Sohn identifiziert werden konnte: „Das war für mich der schönste Lohn aller Mühen.“
Doch bisher sind die Identifizierungen von NN-Toten seltene Glückstreffer. Nicht nur Sprachbarrieren und begrenzte finanzielle Möglichkeiten erschwerten den Familien die Suche nach den vermissten Angehörigen, berichtet Suljic: „Die Leute wissen oft nicht, an wen sie sich eigentlich wenden sollen.“ Von der Anreise über die Suche nach den Vermissten, der Entnahme von Gewebeproben für ein DNA-Profil bis hin zu dem Kampf mit der Bürokratie sei die Identifizierung ihrer Angehörigen für die Familien ein „sehr mühsamer“ Hindernislauf, sagt Simic. Dies könnte „viel einfacher“ gehen: „Die Idee ist, dass von allen NN-Toten auf der Balkanroute DNA-Profile angelegt und in eine zentrale Datenbasis einspeist werden.“
Journalistenbesuche aus aller Welt
Ein Arzt in Afghanistan könnte von einem Familienmitglied in der Heimat ein DNA-Profil anlegen, das mit den gespeicherten DNA-Analysen der Toten abgeglichen werden könnte, so Simic: „Man könnte den Leuten dann sofort mit Gewissheit sagen: Ja, euer Sohn ist in der Drina ertrunken und liegt auf diesem oder jenem Friedhof begraben.“
Zwar verfüge die Klinik in Bijeljina über einen Molekularbiologen, der zur Erstellung von DNA-Analysen von NN-Toten auf der gesamten Balkanroute willens und fähig sei, allerdings nicht über die 150 000 Euro für den Ankauf des dafür nötigen Sequenzierungsgerät, seufzt Simic: „Das hier ist eine arme Region. Wir verfügen eben über die Mittel, die wir haben.“
Doch ihr Einsatz für die namenlosen Toten hat den Aktivisten nicht nur unzählige Journalistenbesuche aus aller Welt beschert, sondern die intensive Berichterstattung hat ihnen auch zu neuen Kontakten verholfen. „Das ist keine lokale Geschichte mehr über die Drina“, sagt Simic: „Dank der Medien hat die Sache nun eine ganz andere Dimension erhalten.“
In Bosniens zerrissenem Vielvölkerlabyrinth hegen zumindest die Hüter der Gräber der Namenlosen keinerlei Vorurteile. Ihm sei es egal, ob die von ihm geborgenen Menschen Christen oder Muslime seien oder „sie an einen Stein glauben“, beteuert Rettungstaucher Jovanovic. Zwar sei sein Vater im Krieg als Soldat der bosnisch-serbischen Streitkräfte gefallen: „Doch warum sollte ich darum einen Muslim in Sarajevo hassen? Wir arbeiten gut mit unseren kroatischen und muslimischen Kollegen in anderen Landesteilen zusammen. Ich habe mehr Probleme mit unserem serbischen Bürgermeister, der unsere Arbeit in keinerlei Weise unterstützt. Wir sind in Bosnien der einzige Bergrettungsdienst ohne Rettungswagen – und müssen selbst in unseren eigenen Pkw zu den Einsätzen fahren.“
Ein kalter Wind streicht über das kiesige Ufergestade. Manchmal dauert es Monate, bis der Fluss seine Opfer ans Ufer spült. Zu erkennen sind die Gesichtszüge der Wasserleichen kaum mehr, wenn Jovanovic sie aus der Drina fischt. Für niemanden sei es angenehm, Tote in diversen Verfallszuständen zu sehen, räumt er offen ein: „Aber für mich ist es eine Genugtuung, dass die Toten endlich ihre Ruhe finden können – und ich dazu auch etwas Gutes beitragen kann.“