Der Höhepunkt der Woche hat sich am Samstag in Burgfelden abgespielt, und das lag nicht daran, dass ansonsten wenig los war: Wolfgang Wiebes erstes Albstädter Bildkonzert hat Kunst und Musik, seine Bilder und fünf herausragende Musiker vereint.
Was ist ein Bildkonzert? Allem Anschein nach ein neues Alleinstellungsmerkmal für Albstadt. Und wer hat’s erfunden? Der Künstler, Grafiker und Kunstdozent Wolfgang Wiebe aus Pfeffingen. Er hat die Idee des Konzerts 2016 in der Alten Kirche St. Michael weitergesponnen, als der Pianist Wolfgang Brandner und Organist Bernd Koch über seine Gemälde aus dem Zyklus „Erdzeitalter“ improvisiert haben.
Aus diesem durften sich Brandner, die Ofterdinger Querflötistin Birgit Lauw-Zenker, der Stuttgarter Cellist Sebastian Triebener, der Albstädter Gitarrenkünstler Gerhard „Beefy“ Wurst und Vera Bieber, die aus Oberdigisheim stammt, derzeit in Wien lebt und neben weiteren Instrumenten die Blockflöte meisterhaft beherrscht, ein Bild aussuchen, dazu und davor musizieren.
„Dieser Raum duldet eigentlich keine andere bildende Kunst neben sich“, eröffnete Stefanie Doldinger vom Förderverein Burgfelden den sonnigen Samstagnachmittag in der kühlen Kirche, der ältesten der Schwäbischen Alb, wo sich Musiker sonst im „Forum Alte Musik“ von den Wandmalereien der Reichenauer Malermönche inspirieren lassen.
Diesmal korrespondierten sie mit Wiebes Werken – Birgit Lauw-Zenker mit „Clymenia“. Einen dieser jungpaläozoischen Ammoniten hat Wiebe in Nachtblau mit hellbunten Facetten gemalt, gleich einem kosmischen Sog, und tatsächlich zieht die Querflötistin das Publikum mit kreisförmigen Klängen wie in einen Strudel. Im zweiten Satz von Willy Burkhardts Solo-Suite für Querflöte op. 98 dominiert der Wechsel zwischen Hoch und Tief, Hell und Dunkel – wie im Bild. Im dritten Satz lässt Lauw-Zenker die Klangwellen rollen, auf und ab, bis der Satz in einem langen, warmen Ton ausatmet, um im vierten Satz kurzatmig zu werden, Sonnenstürme wirbeln und toben zu lassen – Gemälde, Komposition und das hingebungsvolle Spiel hätten nicht besser zusammenpassen können.
Wie der Klang von der Erschaffung des Alls
Wolfgang Brandner war es schwer gefallen, unter 20 Gemälden eines auszuwählen, „weil mich alle angesprochen haben“. Improvisiert hat er zu „Dactyloceras“ – und wie! Schon die ersten Klänge des Synthesizers haben räumliche Wirkung, rollen heran, schnarren durch den Raum. Die melodischen Klänge des E-Pianos scheinen sie anzustupsen, daran aufzugehen, und Brandner greift die Stimmung auf, die im Bild herrscht: zwischen erdigen Tönen und viel Lindgrün, aber auch Orange, Gelb und Pink – Pink Floyd gehört zu denen, die den begnadeten Jazz-Pianisten inspiriert haben.
Die dreidimensionalen Töne sausen davon, wie durchs All. So muss es sich angehört haben, als Gott das Weltall erschaffen hat. Sanfte Klaviermusik erzählt von der Schönheit des Entstehens, dann fallen Synthi-Klänge herab wie Wassertropfen in einen unterirdischen See, Wind pfeift, es plätschert – und die Musik mündet in tosenden Beifall und „Wow!“-Rufe.
Ein krasser Schnitt ist danach der Wechsel zur 3. Solo-Suite für Cello in C-Dur, das Sebastian Triebener vor „Statherium“ ergreifend interpretiert. „Das strahlende Blau passt zu Bach, über den Beethoven gesagt hat: ‚Nicht Bach – Meer sollte er heißen!‘“, sagt Triebener und malt mit langgezogenen Bogenstrichen die langen Pinselstriche im Werk nach, die von Spritzern umgeben sind, die der Cellist mit flinken Fingern und spritzigen Tönen garniert. Fast könnte man meinen, Wiebe habe sein Bild beim Anhören der Suite gemalt, so synchron sind die farblichen und die klanglichen Explosionen.
Über „Orosirium“ hat Profi-Gitarrist Beefy zwei Tage lang komponiert und spielt auf der halbakustischen Gitarre ein Stück in drei Teilen. Rockige Riffs korrespondieren mit den Farben, die ins Bild hineinspringen, ehe eine Melodie in zartschmelzendem Moll erklingt, die Beefy mit Klopfzeichen und dem Schwenken seines Instruments räumlich macht. Teil drei klingt mit einem fröhlichen, rockigen, perlenden Dur aus – das Ausrufezeichen des Publikums dahinter ist frenetischer Beifall.
Der Flugsaurier wird quicklebendig
Das „wunderschöne Bild ‚Kreide‘“ hat sich Vera Bieber ausgesucht und spielt zuerst Filmmusik auf der Blockflöte, die das Klischee vom Krippenspiel-Instrument blitzartig vergessen macht. Flirrende Töne wechseln sich ab mit Vogelgezwitscher, und die Flötistin schafft es mit ganzem Körpereinsatz, die Zeit der Dinosaurier, „als die Welt größtenteils von Wasser bedeckt war“, plastisch zu machen.
Die gelben Striche, die sie an Sonnenstrahlen erinnern, macht sie ebenso hörbar wie die Flügel des Flugsauriers, den sie im Bild sieht. Nach „Engels Nachtigall“ von Jacob van Eyck, dem ältesten Stück des Tages, in dem Bieber mit kleiner Flöte einen verliebten Vogel zwitschern lässt, zaubert die formidable Künstlerin mit einer größeren, tieferen mystische Klänge in den Raum, lässt Töne tropfen, perlen, haucht sie, lässt sie wachsen und auf die Reise gehen – wie die Kontinente, die sich in der Kreidezeit verschoben hätten.
Da steigt gleich die Vorfreude auf das „Forum Alte Musik“
Applaus und „Wow!“-Rufe bekräftigen die Vorfreude auf das Konzert, das Vera Bieber zusammen mit ihrer Schwester Patrizia am Sonntag, 1. September, ab 17 Uhr im „Forum Alte Musik Burgfelden“ in der alten Michaelskirche geben wird.
An den beiden Sonntagen zuvor haben Freunde von Wolfgang Wiebes Kunst jeweils von 14 bis 17 Uhr Gelegenheit, sich die Werke des „Erdzeitalter“-Zyklus in der Alten Schule und im Bürgerhaus Burgfelden anzusehen, was die Konzertbesucher gleich im Anschluss taten – nach einem Ereignis, wie es die uralten Mauern von St. Michael wohl noch nie gesehen und gehört haben und für das Wolfgang Wiebe seinen Freunden mit Rosen und – entgegen seiner Gewohnheit – mit nur einem Wort dankte: Im dänischen „Tak“ steckte, wie im ersten Albstädter Bildkonzert, ganz viel drin.