Im Neuen Kunstmuseum zeigt sich Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp erstmals wieder öffentlich. Sein Suizidversuch war nur für einen kurzen Moment Thema.
Bereits mit dem einleitenden Small Talk waren die Rollen verteilt. Gysi: „Sie sind viel schicker angezogen als ich.“
Grupp: „Ich habe mich für Sie so schick angezogen.“
Gysi: „Sie tragen doch seit 40 Jahren den gleichen Anzug.“ Weißes Hemd. Rosa Krawatte. Der Rest schwarz. Matt. Vermutlich maßgeschneidert.
Nach dem Suizidversuch den Jagdschein abgegeben
Gregor Gysi war zuständig für die Lacher. Wolfgang Grupp wollte mithalten. Das sprach er auch offen aus: „Heute Morgen habe ich in der Hauskapelle gebetet, dass ich nicht zu stark gegen Sie abfalle, wenn Sie mich etwas fragen.“ Die Hauskapelle gibt es wirklich. Er, der „gläubige Katholik“, hat sie sich selbst gebaut. Und dennoch blieb nach fast jedem Lacher, der auf das Konto des Unternehmers ging, die Frage: im Ernst? Auch das sprach er später aus: „Ich bin immer offen und ehrlich.“ Da ging es gerade darum, dass er einmal in seinem Leben die Grünen gewählt hatte, „weniger die Grünen, eher Winfried Kretschmann“.
Offen war er auch, als er die Vermutung bestätigen sollte, niemals „Charly“, den sprechenden Affen aus der Trigema-Werbung, gesehen zu haben. Ein Zusammenschnitt, sagte Grupp, mehr nicht.
Ansprechpartner in der Not
Gast bei „Gysis Begegnungen“ im Neuen Kunstmuseum Tübingen hätte der Ex-Trigema-Chef schon im vergangenen Oktober sein sollen. Drei Monate nach seinem Suizidversuch. Harald Schmidt sprang seinerzeit für ihn ein. Das, worum es monatelang in den Medien ging, wenn der Name Wolfgang Grupp fiel: der Suizidversuch im Juli, den er nach seinem Krankenhausaufenthalt in einem Brief an seine Mitarbeiter öffentlich machte – das war nur einen kurzen Moment, drei Minuten vielleicht, relativ am Ende des Gesprächs, Thema. Eine anrührende Szene, ohne große Worte.
Sie kamen durch die Jagd darauf zu sprechen. Sein Hobby. „Vorbei“, sagte Grupp. Er habe nach seinem Suizidversuch den Jagdschein abgegeben. Da verpasste Gysi noch seinen Einsatz, fragte nach Alternativen: Kunst oder Sport? Kam aber drei Themen später doch auf die Altersdepressionen zurück: „Ist es überwunden, sind Sie wieder in der Lage, Ihr Leben zu genießen?“, fragte Gysi. Grupp sagte nichts. Er blickte auf den Boden. Dann auf Gysi. Und schließlich nickte er nur. Rund zweieinhalb dieser dreiminütigen Szene bestanden aus dem darauffolgenden Applaus.
Die Unternehmerlegende aus Burladingen gab dennoch spannende Einblicke in ein leistungsorientiertes Leben, dem der Sinn verloren geht, wenn man nichts mehr leisten kann. Schon während seiner Internatszeit in St. Blasien habe er viel gelernt fürs Leben, sagte er: „Ich musste mich durchsetzen, um nicht unterzugehen. Ich musste mich anpassen, um Freunde zu haben. Ich musste ordentlich sein, um nicht in der Unordnung leben zu müssen.“ Die Verantwortung eines Elfjährigen, der noch heute, bald 84 Jahre alt, von der „Frau Mama“ spricht. Er habe schon früh Leistung bringen müssen, sagte er, und Gysi wollte wissen, welches sein schlimmstes Schulfach war? „Alle“, sagte er, und wieder stellte sich nach dem Lachen die Frage: im Ernst?
Respekt vom Linken-Urgestein Gregor Gysi
Grupp wirkte bemüht. Nicht unsympathisch. Überzeugt. Auch eloquent. Er kam gut an beim Publikum. Ein Textilunternehmer mit sozialer Verantwortung, mit klaren Worten, der nicht nur den Kindern der Eltern, die bei ihm arbeiten, eine Jobgarantie gab, sondern auch den Eltern der Kinder, die bei ihm arbeiten. Das nötigte auch dem Linken-Urgestein Gysi Respekt ab: „Ich mag Unternehmer, die all ihre Beschäftigten auch persönlich kennen. Deshalb mag ich Sie auch.“ Ob Grupp tatsächlich alle seine rund 1140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennt, ließ er offen. Ein Anspruch, den er – sollte es ihm so wichtig sein wie Gysi – getrost auf seine Kinder übertragen kann: Denn Anfang 2024 räumte Grupp den Chefposten und gab die Geschäftsführung an seinen Sohn Wolfgang Grupp junior (der im Publikum saß) und seine Tochter Bonita (die erst vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekam) ab.
Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Unternehmer und dem Sozialisten gab es dennoch, beim Thema Besteuerung der Superreichen, die fast nur halb so viel Steuern zahlen müssen, wie eine Mittelstandsfamilie, so Gysi. Und Grupp: „Wenn ich einem Milliardär begegne, dann mache ich einen großen Knicks.“ Gysi: „Ich mache vor niemandem einen Knicks.“ Der Textilunternehmer, 1942 in Burladingen geboren, prägte über Jahrzehnte den deutschen Mittelstand. 1969 übernahm er die von seinem Großvater gegründete Firma Trigema und führte sie mit striktem Kurs aus den roten Zahlen. 2023 erzielte Trigema einen Produktionsumsatz von 129,3 Millionen Euro.
„Für das, wofür ich stehe, stehe ich gerade“, das sagte Grupp mehrmals an dem Abend, der fast freundschaftlich endete. Er sei froh, dass sein Suizidversuch nicht klappte, „sonst hätte ich nicht hier bei Ihnen sein können, Sie nicht kennenlernen dürfen“, sagte er zu Gysi, den das sichtbar stolz machte. Ganz am Ende bot er ihm noch an: „Wenn es Ihnen nicht gut geht, kann ich helfen.“ Und damit der letzte Lacher auf seiner Seite stand, schob er hinterher: Das habe bei seinen gescheiterten Ehen auch schon gut funktioniert.
Als Nächster kommt Anselm Grün
Gregor Gysi trifft seit Sommer 2025 im Neuen Kunstmuseum Menschen, die etwas zu sagen und etwas erlebt haben: prominente Zeitzeugen des öffentlichen Lebens aus Medien, Kultur, Politik, Show, Musik, Sport und Gesellschaft. Als Nächster kommt am 8. April Pater Anselm Grün, der als Autor spiritueller Bücher bekannt wurde. Weitere Informationen im Internet unter www.n-k-t.de/gysis-begegnungen/