Die erste Tagesstätte des Dorfs wurde 1900 eröffnet. Möglich wurde das durch Frauen, die sich dafür eingesetzt und sich sogar verschuldet hatten.
Die Entwicklung des Kindergartens in Grafenhausen ist ein eindrucksvolles Beispiel für bürgerschaftliches Engagement und für die gesellschaftlichen Veränderungen seit dem späten 19. Jahrhundert. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und dem wachsenden Einfluss der Tabakindustrie wurden zunehmend auch Frauen berufstätig. Dadurch entstand erstmals ein spürbarer Bedarf an gemeinschaftlicher Kinderbetreuung. Obwohl das Großherzogliche Bezirksamt bereits 1875 und 1877 dringend auf die Einrichtung einer Kleinkinderschule drängte, blieb die Gemeinde zunächst untätig.
Den entscheidenden Anstoß gaben schließlich die Frauen des Dorfes. Sie gründeten den katholischen Frauenverein, sammelten Spenden und nahmen Schulden auf, um den Bau einer Kinderschule zu ermöglichen. 1898 konnte ein geeignetes Grundstück erworben werden, 1899 folgte die Baugenehmigung, bereits 1900 wurde das Gebäude in der heutigen Kirchstraße 61 bezogen. Die Kinderschule, die von Franziskanerinnen aus Gengenbach geleitet wurde, betreute damals bereits mehr als 70 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Im Obergeschoss des zweigeschossigen Gebäudes war die Schwesternwohnung untergebracht, in der eine Kinderschwester und zwei Krankenschwestern wohnten.
Bürgermeister setzte sich für Ordensschwestern ein
Die Ordensschwestern prägten über Jahrzehnte das Bild des Kindergartens. Obwohl die Einrichtung vom katholischen Frauenverein getragen wurde, stand sie Kindern aller Konfessionen offen. Die politische Umwälzung durch die Machtergreifung nach 1933 brachte jedoch Unruhe: Der Frauenverein vom Roten Kreuz übernahm die Leitung, die Elternbeiträge wurden angepasst, 1938 wurde der Kindergarten – wie überall im Dritten Reich – der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) unterstellt. Diese plante sogar einen Neubau samt Kinderkrippe und Schwesternstation. Gleichzeitig sollten die Ordensschwestern abberufen werden. Nur durch das entschlossene Eingreifen des damaligen Bürgermeisters konnten sie in Grafenhausen bleiben. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 endete die NSV-Zeit abrupt und der Kindergarten kehrte zu seiner ursprünglichen Trägerschaft zurück.
In der Nachkriegszeit wuchs der Betreuungsbedarf erneut. Das alte Gebäude wurde zu klein und entsprach nicht mehr den pädagogischen Anforderungen. 1956/57 entstand deshalb ein moderner Neubau direkt hinter dem bisherigen Haus. Die letzten Ordensschwestern wurden 1971 abberufen; ab diesem Zeitpunkt führte weltliches Fachpersonal den Kindergarten weiter. Unter Leitung von Marianne Wieber und ihren Mitarbeiterinnen begann ein neues Kapitel der professionellen Kinderbetreuung.
Altes Gebäude musste für Kita-Außenbereich weichen
Mit steigenden Kinderzahlen in den 1980er-Jahren musste der Kindergarten weiter ausgebaut werden. Ein Erweiterungsbau wurde 1983/84 errichtet, ein weiterer 1993/94 eingeweiht. Im Rahmen der energetischen Gesamtsanierung des Gebäudes in den Jahren 2012/13 wurden auch die Wohnungen im Obergeschoss einbezogen und bedarfsgerecht für die Kinderbetreuung umgebaut.
Das historische Gebäude aus dem Jahr 1899 wurde 1987 abgebrochen, um Platz für einen kindgerechten Außenbereich zu schaffen. Heute werden in der Kindertagesstätte Grafenhausen mit dem Namen „Sonnenschein“ insgesamt 105 Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Schuleintritt betreut. Sie sind in sechs Gruppen untergebracht und werden von pädagogischem Fachpersonal begleitet.