Erst Kindheit, dann Smartphone Kein Handy bis 14? Familie Rosenberger macht es vor

Akiko Lachenmann
Viele Kinder besitzen schon früh ein Smartphone – nicht so bei Familie Rosenberger. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Familie Rosenberger hat fünf Kinder, zwei Hunde und eine feste Regel: kein Smartphone bis 14. Wie halten die Eltern dem Druck von innen und außen stand?

In der Wohnküche der Familie Rosenberger geht es mit rechten Dingen zu. Auf dem Sofa näht Finn, 15, einen Riss an seiner Jacke. Marie, 14, bleibt lieber im Zimmer, weil das Buch so spannend ist. Mathis, 11, ist neugierig und hört zu. Madita, 8, verabschiedet sich in den Gitarrenunterricht. Und Linus, 2, will an die Kekse und klettert auf den Esstisch. An den Tischenden sitzen die Eltern Anne und Ralf Rosenberger, beide Maschinenbauingenieure in Teilzeit, und versuchen etwas zu erklären, was ihnen „nicht besonders erscheint“, wie sie sagen. Anderen Eltern allerdings schon.

 

Fast jeder in Weinstadts Teilort Strümpfelbach hat es mitgekriegt: Die Rosenberger-Kinder verbringen ihre ersten 14 Lebensjahre ohne Smartphone. Das haben die Eheleute so entschieden, als ihr Ältester, Finn, vor fünf Jahren auf die weiterführende Schule wechselte. Dahinter steckt keine Technologiefeindlichkeit, auch keine Religion, sondern ein aufgeklärter Menschenverstand und das Selbstbewusstsein, nach der eigenen Überzeugung zu leben, auch wenn es andere anders machen. „Wir haben das Finn damals nicht in allen Details erklärt“, erinnert sich die Mutter. Nur das Wichtigste: Handys können – ähnlich wie Alkohol oder Zigaretten – süchtig machen. Deshalb sollte man damit warten bis 14.

Fünftklässler ohne Handy sind selten

Diese Haltung ist derzeit, trotz Belegen aus der Wissenschaft, eher die Ausnahme. Als Finn in die fünfte Klasse kam, war er binnen kurzer Zeit das einzige Kind ohne Handy. Das war für ihn kein Weltuntergang. „Dass ich damit noch warten sollte, konnte ich gut akzeptieren“, sagt er. In den darauffolgenden Jahren gab es selten Momente, wo er sich benachteiligt gefühlt hat. „Unsere Lehrer nutzen manchmal QR-Codes für Quizze zum Unterrichtsstoff“, erzählt Finn. „Ich habe mir dann halt das Handy von meinem Nebensitzer ausgeliehen.“ In den Corona-Jahren erhielt er ein Tablett von der Schule und verspürte gar keine Nachteile.

Das Ehepaar Rosenberger mit Madita, Linus und Mathis (von links) – die zwei ältesten Geschwister waren anderweitig beschäftigt Foto: Gottfried Stoppel

Selbst jetzt, wo er ein Smartphone besitzt, bleibt das Gerät oft daheim. Seine Woche ist gut gefüllt mit Klavierunterricht, Tennis- und Tischtennistraining. Außerdem geht er zwei bis drei Mal pro Woche Joggen. Da bleibt nicht viel Zeit für Bildschirme.

Die nervigen Seiten des Verzichts

Von Marie und Mathis kommen eher Klagen. „Ich fühle mich schon manchmal ausgeschlossen, wenn meine Freunde sich über Whatsapp verabreden“, erzählt Mathis. „Ich muss bei meinen Freunden nachfragen, wann und wo. Das ist schon nervig.“

Dass die Kinder trotzdem nie eine Rebellion angezettelt haben, dürfte auch daran liegen, dass die Eltern selbst dem Smartphone kein großes Gewicht beimessen. Ralf Rosenberger legt wie zum Beweis sein Handy auf den Tisch. Ein Fairphone, Modell Drei aus dem Jahr 2019, mit zersplittertem Bildschirm. „Den sollte ich wohl mal wieder auswechseln“, sagt er.

Elektronische Geräte werden in Kommode geparkt

Das Gerät zog er nicht aus der Hosentasche, sondern aus der Schublade einer Wohnzimmerkommode, in der sämtliche elektronischen Geräte geparkt werden, wenn sie nicht in Gebrauch sind. Darunter ist auch ein Familien-Tablett. „Wir sind nicht dogmatisch. Alle Kinder dürfen es phasenweise im Wohnzimmer benutzen. Oder auf langen Autofahrten“, erklärt Ralf Rosenberger.

Auch seine Frau besitzt ein Fairphone – ihres ist sogar zwölf Jahre alt. „Diese Telefone sind nachhaltig produziert und langlebig. Die Bauteile können leicht repariert oder ersetzt werden“, erklärt die Ingenieurin. Sie teilt ihr Telefon mit ihrer Tochter Marie, die jetzt eigentlich ein eigenes haben dürfte, aber „zu faul“ sei, sich eins zu besorgen, kommentiert Finn. „Das von Mama tut es ja auch.“ Dass die Mutter sehen kann, was Marie mit dem Handy macht und mit wem sie auf Whatsapp kommuniziert, scheint der Tochter egal zu sein.

Sparen auf das erste iPhone

Auch Finn ist nicht gleich an seinem 14. Geburtstag zum Laden gerannt. Als der Tag gekommen war, entschied er sich gegen das „Basismodell“, das ihm seine Eltern anboten. Stattdessen begann er auf ein iPhone 14 zu sparen. Monatelang las er auf den Streuobstwiesen rund um Strümpfelbach Äpfel auf, bis er die 400 Euro beisammen hatte.

Wahrscheinlich ist Maries Drang nach einem eigenen Gerät auch deswegen gering, weil sie das Handy ihrer Mutter phasenweise ganz für sich haben kann. Denn seit zwei Jahren lebt ihre Mutter übers Wochenende „smartphonefrei“. „Ich bin Elternvertreterin und in unterschiedlichen Whatsapp-Gruppen unterwegs. Am Wochenende brauche ich davon eine Pause“, sagt sie. Dann verbringt die Familie, wenn das Wetter stimmt, ohnehin den Tag im Garten, einem kleinen Paradies mit Baumhaus, Trampolin, Grillstelle und Slack-Line.

Anfangs reagierten die Gruppenteilnehmer irritiert auf die Funkstille. Mittlerweile weiß man: „Die Anne reagiert am Wochenende halt nicht.“ Was bei vielen in Vergessenheit zu geraten scheint: „Es gibt ja auch noch das Festnetz“, sagt Anne Rosenberger. „Bei akuten Fragen sind wir alle erreichbar.“

Devise für Eltern: „Durchatmen und Zeit lassen“

Für die jüngeren Geschwister könnte der Verzicht aufs Handys noch einfacher werden. Die Realschule Weinstadt gehört zu den wenigen weiterführenden Schulen im Land, die vom kommenden Schuljahr an eine Smartphone-freie fünfte Klasse einführen wollen. Initiiert wurde der Vorstoß von Eltern der Bewegung „Smarter Smart ab 14“, die den Handyerwerb für ihre Kinder hinauszögern und das Gefühl vermeiden wollen, „der oder die Einzige“ zu sein. Eine Übersicht über solche Schulen mit Smartphone-freien Klassen findet man unter dem Link www.smarterstartab14.de.

Fehlt so ein Angebot, empfiehlt Clemens Beisel Eltern angehender Fünftklässler, sich wenigstens im kleineren Kreise untereinander abzusprechen und die Anschaffung hinauszuzögern, nach der Devise „Durchatmen und Zeit lassen“. Der Sozialpädagoge, der pro Jahr 250 Klassen zum Umgang mit Medien berät, rät ab vor vorauseilendem Gehorsam aus Angst, das Kind könnte ohne Smartphone ausgegrenzt werden. „Warum kann man das Kind nicht erst mal ankommen lassen und die Situation beobachten?“, so Beisel. „Dass es Fünftklässlern ohne Smartphone sofort schlecht geht, erlebe ich ganz selten.“ Viel häufiger höre er von Eltern, dass Kinder, die sehen, was in den Whatsapp-Klassengruppen abgeht, erleichtert feststellten: „Vielleicht ist es ja ganz gut, dass ich da nichts abkriege.“