Im vergangenen Juni erst wiedergewählt, hat FDP-Fraktionsvorsitzender Ernst Wolf den Freudenstädter Kreistag verlassen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er die Gründe, blickt zurück auf negative wie positive Erfahrungen – und in die Zukunft.
Ernst Wolf ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Wolf Produktionssysteme GmbH & Co. KG, ein Maschinenbauunternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern mit Sitz in Freudenstadt.
Für die FDP saß der Unternehmer viele Jahre im Kreistag und war auch Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Jetzt hat er das Gremium auf eigenen Wunsch vorzeitig verlassen.
Von Landrat Klaus Michael Rückert wurde er in der jüngsten Kreistagssitzung verabschiedet. Über die Beweggründe und seine persönliche Bilanz haben wir mit Wolf gesprochen.
Herr Wolf, Sie waren fast 16 Jahre Mitglied des Kreistags. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?
Vor vielen Jahren, nach Studium, Promotion und Arbeitserfahrung vorwiegend in Metropolregionen bin ich wieder zu den Ursprüngen zurück in den Kreis Freudenstadt gekommen. Meine unternehmerischen Ziele konnte ich hier im Kreis gut umsetzen. Bei den politischen Zielen ziehe ich ein ernüchterndes Fazit. 15 Jahre lang habe ich versucht, wirtschaftliche Kompetenz in den Kreistag zu tragen. Das ist nicht ansatzweise gelungen. Entsprechend sind die Kreisfinanzen heute.
War das der Grund, den Kreistag zu verlassen?
Die desaströse Lage ist nicht das Problem. Als Unternehmer weiß man mit Krisen umzugehen. Man ist gewohnt zu analysieren, sich Maßnahmen auszudenken um sie dann mutig und zügig umzusetzen. Der Kreistag ist bereits beim ersten Schritt gescheitert. Er hatte bis jetzt nicht die Kraft, eine konsequente Restrukturierung der kreiseigenen Klinik vorzunehmen, um sich dem Megatrend Spezialisierung anzupassen. Es fehlt der politische Wille, teure Projekte zu stoppen und die Verwaltung zu mehr Effizienz zu trimmen. Und es fehlt am Ende die Courage, den Landrat zum Umsteuern zu zwingen. Das ist tragisch, denn die Mehrheit ahnt sehr wohl, dass wir auf den Abgrund zusteuern. Ich konnte es nicht mehr ertragen, Teil dieses Systems zu sein.
Und jetzt geben Sie auf?
Ja, ich gebe auf – und das tut mir aufrichtig leid für meine Wählerinnen und Wähler. Vielleicht habe ich im Gremium die falschen Worte gefunden, zu wenig erklärt oder war einfach in der falschen Partei. Als Unternehmer sowieso verdächtig. Die Mehrheit glaubt weiterhin, dass Ansätze aus der Privatwirtschaft nicht auf Verwaltungen übertragbar sind. Leider hat sich bewahrheitet, wovor ich lange gewarnt habe: die finanzielle Lage des Kreises ist heute desolat – schneller, als ich es selbst erwartet hätte.
Haben nicht auch die schlechten Wahlprognosen der FDP zu Ihrer Entscheidung beigetragen?
Überhaupt nicht. Ich war nicht glücklich mit der Ampel und wäre schon viel früher ausgestiegen. Aber die FDP ist und bleibt alternativlos. Ohne mehr Freiheit, Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft und mehr Marktwirtschaft wird Deutschland nicht aus der Krise kommen. Wir brauchen weniger Staat. Das gilt auch für den Kreis Freudenstadt.
Gibt es denn auch Positives?
Klar, man lernt in aller Demut, wie schwierig und doch alternativlos Demokratie sein kann. Man lernt die Vorteile unseres föderalen Staates kennen und hadert mit der lähmenden Komplexität des Systems mit seinen sechs Ebenen, die im Rahmen komplexer Verrechnungen interagieren: Europa, Bund, Land, Regierungspräsidium, Kreis, Kommune. Ich habe viel gelernt, interessante Diskussionen erlebt, nette Gespräche geführt, viele Einblicke bekommen und einen liebenswerten Landkreis kennengelernt. Es ist ein wichtiger Teil meiner Lebenserfahrungen. Ich kann eine Kandidatur für den Kreistag deshalb nur empfehlen.
Und was machen Sie jetzt mit der gewonnenen Freizeit?
Ich freue mich auf mehr Zeit mit Freunden, Familie und vor allem mit den Enkelkindern. Und da ist noch ein Baby, das angesichts der Konjunkturlage viel Aufmerksamkeit benötigt: die Firma.