Was ist Xäls? Ein rechter Schwabe weiß es: Marmelade. Davon abgeleitet ist der Name der ökologischen Genossenschaft Neckar-Alb: Xäls.
Geislingen-Binsdorf - Warum das? Stefan Schopf lacht: "Der Name beschreibe genau das, was die Genossenschaft ist" – vier Seiten, daher auch die vier Herzen im Logo. Bei einer Erdbeermarmelade gehörten nämlich Anbau, Zubereitung, Verkauf und Konsum eng zusammen, und genau das ist der Grundgedanke hinter dem gemeinsamen Projekt.
Das Ziel? Seit Jahren, sagt Schopf, habe ihn die Entwicklung in der Lebensmittelherstellung gestört: Kleine regionale Betriebe, die im Bio-Bereich unterwegs waren, mussten schließen, hingegen florierte der konventionelle Handel, wuchsen die Riesenkonzerne. Hauptsache billig. "In Brasilien", sagt er, "wird der Urwald abgeholzt. Hierzulande verheizt man Getreide." Die Folgen: Klimawandel, Naturkatastrophen, Hungersnöte.
Umweltschutz, Tierwohl und Erhaltung der Kulturlandschaft
Seit gut 20 Jahren haben er und seine Frau Sabine Franz, mit der er die B2-Biomärkte in Balingen und Rottweil betreibt, versucht, gegenzusteuern. Regional und nachhaltig. Innerhalb der Hofgemeinschaft Fischermühle versuchten sie, ein kleines Netzwerk mit eigenem Lieferservice aufzubauen. Aber das reichte nicht aus, es brauchte mehr Partner – und der Gedanke "Xäls" war geboren. Hersteller, Händler und Verbraucher sollten an einen Tisch: "Wir wollen, dass man sich austauscht, wir wollen das regionale Wertschöpfungsnetz ausbauen." Und das geht, so seine Überzeugung, nur Hand in Hand mit Umweltschutz, Tierwohl und Erhaltung der Kulturlandschaft.
Vor drei oder vier Jahren habe man begonnen, "die Sache zu denken", erinnert sich Sabine Franz. Zu Beginn hatten sich sieben Betriebe zu einer Interessensgruppe zusammengetan: der Geflügelzuchtbetrieb Martinsberg bei Rottenburg, der mit dem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet worden war, der Biobäcker Berger aus Reutlingen, die Dorfgemeinschaft Tennental, die beiden B2-Märkte, der Marktladen Tübingen, die Bio-Metzgerei Grießhaber aus Mössingen und der Schönberghof aus Isingen. Inzwischen sind es 14 Partnerbetriebe vom Imker bis zum Bäcker und Landwirt und mehr als 200 Genossen, die sich zur Regionalgenossenschaft zusammengeschlossen haben.
Das Büro von Xäls ist in Tübingen, und mit Tessa Bornemann, die dort Koordination und Öffentlichkeitsarbeit macht, hat die Genossenschaft ihre erste angestellte Mitarbeiterin. "Wir wollen unsere Region wieder schön und fruchtbar gestalten", sagt Stefan Schopf: "Das geht." Und zum Beweis führt er über das Grundstück, das er im Binsdorfer Blütenweg gekauft hat. Vor fünf Jahren, stand dort ausschließlich Mais. Heute gibt es wieder Diversität: Es blüht, Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind unterwegs. Die ersten Gewächshäuser stehen, darin reifen Tomaten. Zum Teil sind es alte, fast vergessene Sorten. Zum Beispiel die Stacheltomate, auf die Stefan Schopf besonders stolz ist. Weiter unten steht ein buntes Salatfeld, das an die Provence erinnert, oder an die Toskana. "Die Binsdorfer freut’s, wenn sie das sehen", sagt er. Er weiß zwar: Global hat sich dadurch wenig geändert. Aber er weiß auch: Man muss lokal mehr machen. "Jeder Einzelne muss mit Verantwortung übernehmen."
Bio-Anteil liegt deutschlandweit nur bei 6,6 Prozent
Wunsch und Wirklichkeit gehen – noch – stark auseinander: Jeder wolle sich gesund ernähren, aber der Bio-Anteil an verkauften Lebensmitteln in Deutschland liege bei 6,6 Prozent. Jeder wolle gutes Fleisch mit Tierwohl-Label, aber die lokalen Schlachthäuser würden nach und nach geschlossen – jetzt auch das in Balingen. Eine lokale Milchproduktion gebe es nicht, Metzger und Bäcker würden aussterben. Krasses Beispiel: Ihm sind Geflügelzüchter bekannt, die die Hühner zum Schlachten bis nach Bremen transportieren müssen: "Die Strukturen werden immer größer. Man weiß nicht mehr, was man auf dem Teller hat." Paradox aus Sicht des Bio-Vorkämpfers Schopf: Die Leute würden für eine neue Einbauküche tief in die Tasche greifen. Wenn es aber um Lebensmittel gehe, würden sie das Billigste nehmen, oft ohne auf die Herkunft zu achten. Dagegen müsse man gemeinsam etwas tun, denn gute regionale Lebensmittel würden mit zur Gesundheit beitragen: "Wir brauchen einen Platz, wo man zusammenkommt. Dort, wo die Ware produziert wird. Wir wollen den Kunden zeigen: Sie kriegen hier gute Produkte."
Geplant sei auch eine Verkaufsstelle, direkt vor Ort, im Binsdorfer Blütenweg. Ausdrücklich macht Stefan Schopf klar: Man wolle niemandem seinen Lebensstil vorschreiben. Aber der politische Wille in Richtung Bio und Nachhaltigkeit sei da, der Bürgerwille auch. Jetzt gelte es, den Dialog anzustoßen, die Anliegen der ökologischen Genossenschaft Bürgern und Mandatsträgern näherzubringen. Und: "Unsere Genossenschaft ist weiterhin offen für Mitgliedsbetriebe aus dem Bio-Segment."