Ein Ende des Syrien-Krieges – hier ein Bild aus der Hauptstadt Damaskus – ist nicht in Sicht. Foto: dpa

Die Polizei hat ihre Ermittlungen im Umfeld der Stuttgarter Salafisten-Szene ausgeweitet. Sie kam auf die Spur von zwei Männern, die im Verdacht stehen, ihren Bruder unterstützt zu haben, der im November am Autobahn-Rasthof Gruibingen an der Ausreise nach Syrien gehindert wurde.

Stuttgarter Staatsschützer ermitteln gegen Islamisten im Südwesten, die El-Kaida-nahe Gotteskrieger in Syrien unterstützt haben sollen.

Stuttgart - Im Sommer hatte Ismail I. noch lächelnd für den Fotografen posiert: in einer sommerlichen Hügellandschaft irgendwo im Norden Syriens, den Po an einen knochigen Olivenbaum gedrückt, das Kalschnikow-Sturmgewehr wie ein Baby in den linken Arm gebettet. Ein Wall aus Sandsäcken sichert die Stellung, die der Stuttgarter Dschihadist aufgebaut hat: Die Füße des 23-Jährigen stecken in Badelatschen. Und Shorts wie die weiß-grau karierte, die dem Libanesen bis knapp unters Knie gehen, tragen viele Männer, wenn sie sich ins Bett legen.

Es muss dieser Mangel an militärischer Ausrüstung sein, die die Anführer eines syrischen El-Kaida-Ablegers dazu brachten, Ismail I. zurück nach Baden-Württemberg zu schicken, um einzukaufen. Uniformen standen auf der Wunschliste, Feldstecher und Nachsichtgeräte. Auszuliefern im syrischen Kriegsgebiet im November.

Die Fahrt in den Heiligen Krieg endete am Rasthof Gruibingen auf der Autobahn 8 Richtung München. Polizisten stoppten den Versorgungstransport und nahmen I. und seinen Mönchengladbacher Kumpanen Mohamed A. fest. I. sitzt seitdem in Untersuchungshaft, seine Wohnung in der Landeshauptstadt wurde durchsucht.

Mehr als 270 strenggläubige Muslime aus Deutschland kämpfen in Syrien

Am Dienstag waren die Stuttgarter Staatsschützer wieder bei der Familie I. Diesmal durchsuchten sie in Stuttgart und Mannheim die Wohnungen und Arbeitsplätze der Brüder des gläubigen Kriegsreisenden. Der Vorwurf der Fahnder: Die beiden 26 und 33 Jahre alten Männer sollen den El-Kaida-Ableger Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL) mit Ausrüstung, vor allem aber mit Militärkleidung und Geld versorgt haben. Für den älteren Islamisten des brüderlichen Duetts ordnete ein Ermittlungsrichter Untersuchungshaft an.

Damit stoppte er erst einmal dessen Engagement, die Gotteskrieger im Nahen Osten weiter zu unterstützen. Mehr als 270 strenggläubige Muslime aus Deutschland zählen die Nachrichtendienstler des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) aktuell auf den Schlachtfeldern Syriens. Die meisten, sagt ein Sprecher der Behörde, „sind zwischen 18 und 25 Jahre alt“. In einigen Fälle hätten die Geheimen auch die Ausreise minderjähriger Dschihadisten festgestellt. Alleine aus Stuttgart und der näheren Umgebung sind derzeit fünf Männer in die Levante gereist, um für ihre heilige Sache zu kämpfen.

Der Pforzheimer Munir Ibrahim befindet sich nach Recherchen unserer Zeitung in einer Gruppe, die der frühere Ulmer Islamist Reda Seyam in der Provinz Latakia im türkischen-syrischen Grenzgebiet aufgebaut hat. Übereinstimmend ordnen Terrorexperten in den USA, Israel, Großbritannien und Schweden die Jaish al-Muhajireen-wal-Ansar (Jamwa) genannte Organisation der ISIL und damit der El Kaida zu.

Die Tour der Dschihad-Familie I. endet vorerst auf der A 8

Den Verfassungsschützern liegen allerdings nur bei gut einem Dutzend der inzwischen nach Deutschland zurückgekehrten Dschihad-Touristen „gesicherte Information vor, dass sie sich aktiv am bewaffneten Widerstand in Syrien beteiligt haben“.

Allerdings gehe von den Rückkehrern eine „potenziell besonders hohe Gefahr“ aus. Die Männer entsprächen dem „aktuellen Anforderungsprofil islamistisch-terroristischer Gruppierungen für potenzielle Attentäter“, warnen die Inlandsgeheimen. Westliches Aussehen, das Wissen, wie Menschen unauffällig in Westeuropa ihren Alltag meisterten, der legale Besitz von Reise- und Ausweispapieren machten sie für Terrorgruppen ­besonders interessant.

Und für die Anwerbung neuer Gotteskrieger. Bei einem „Islamseminar“ in Nürnberg versuchte im Dezember ein Kämpfer im Heimaturlaub mit Heldengesängen neue Rekruten zu gewinnen. Als Referent des Glaubensworkshops in einer Privatwohnung trat auch der bei Ulm lebende Izudin J. auf. Im September karrte der 1983 im zentralbosnischen Tuzla geborene Prediger für eine Spendengala noch unentwegt Lautsprecher, Essen und Besucher nach Stuttgart. Das auf der frommen Veranstaltung eingesammelte Geld sollte nach Syrien gehen. „Für humanitäre Zwecke“, wie die Veranstalter im Internet versicherten, etwa für Krankenwagen.

Einen von ihnen hatte J. bereits im Sommer vergangenen Jahres losgeschickt. Am 14. Dezember transportierte der Rettungswagen in der syrischen Provinz Latakia jedoch alles andere als Kranke und Verletzte. Vermummte Kämpfer mit Sturm- und Maschinengewehren hockten in dem Transporter. „Religionspolizisten“, die darauf achten, dass die strengen Gesetze in den Dörfern eingehalten werden, die von den Gotteskriegern besetzt und unter das Rechtssystem der Scharia gestellt wurden. Die „Hilfskonvois“ aus Deutschland sind den Verfassungsschützern aufgefallen: Gotteskrieger begleiteten nach dem Urlaub vom Krieg die Transporte nach Syrien, „weil sie die Routen ins Kriegsgebiet kennen“. Die Tour der Dschihad-Familie I. endete vorerst auf der A 8.