Dieser Villinger Missbrauchsfall könnte ungeahnte Dimensionen annehmen. Ein 68-Jähriger hat mehrere Kinder missbraucht, darunter seine Enkelin. Möglich wurde das offenbar durch ein jahrelanges Schweigen im familiären Umfeld.
„Es gibt Sachen, über die spricht man nicht.“ Die 24 Jahre alte Tochter des 68-jährigen Angeklagten macht mit diesem Satz deutlich, wie über die Schandtaten des Großvaters der Mantel des Schweigens gelegt wurde. Offenbar über viele Jahre hinweg haben Familie und das Umfeld weggeschaut, als sich der Mann immer wieder an Kindern vergriffen hat.
Viel mehr noch: Ganz offensichtlich nutzte der Angeklagte die verworrenen Familienverhältnisse für seinen sexuellen Missbrauch aus. Zwei Ehen, aus denen jeweils zwei Kinder hervorgingen, haben ein Netz aus Beziehungen geschaffen, das sich über Jahre hinweg immer weiter verknüpfte.
Enkel, Nichten und Halbgeschwister fanden sich in teils unerwarteten familiären Bindungen wieder – alte und neue Verwandtschaften, die sich überkreuzten und miteinander verflochten. Selbst der Vorsitzende Richter Joachim Dospil kam bei den Konstellationen kurzzeitig durcheinander.
Familie habe alles totgeschwiegen
In diesem dichten Geflecht war es für den Angeklagten aber offenbar leicht, Vertrautheit und Nähe zu nutzen, um seine eigenen, schrecklichen Absichten umzusetzen. So gelang es ihm zwischen 2013 und 2017 seine anfangs zehnjährige Enkelin über 200 Mal zu missbrauchen und sich zudem an der Enkelin seiner neuen Lebensgefährtin im Jahr 2024 zu vergehen. Zu ähnlichen, sexuell motivierten Taten an Kindern war es außerdem 2016 und 2021 gekommen.
Die 42-jährige Ermittlerin machte dabei vor Gericht deutlich, dass es auch in der Familie immer wieder Vermutungen über widerwärtigen Übergriffen gab. „Das hat man aber totgeschwiegen, es ist nichts passiert“, erklärt sie. Niemand habe die Initiative ergriffen – wenn sich angedeutet hatte, dass etwas vorgefallen war, habe man lediglich weitere Treffen unterbunden. „Konsequenzen gab es aber keine“, so die Kriminalbeamtin. Wichtig sei viel mehr gewesen, den Familienfrieden zu schützen.
Töchter geben sich unwissend
Erst als ein Oberarzt, der ein betäubtes Opfer des Angeklagten behandelte, die Polizei informierte, kamen die Ermittlungen ins Rollen. Kurz darauf klickten die Handschellen beim Wiederholungstäter. Vor Gericht legte der Mann – Ex-Mitarbeiter in einer Rettungsorganisation – ein umfassendes Geständnis ab. Er bereue die Taten, wisse, dass er Hilfe von außen benötige. Er betonte in der von seinem Verteidiger vorgelesenen Stellungnahme mehrfach, dass er sich „zutiefst schämt“ – auch vor seinen Töchtern.
Dennoch war dem Angeklagten eine gewisse Genugtuung anzumerken, als drei der vier Töchter im Zeugenstand im auffälligen Gleichklang immer wieder betonen: „Mir hat er nie was gemacht“ – Und: „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Bezeichnend war dabei auch die Aussage der 39-jährigen Tochter. Richter Dospil erklärte nicht nur, dass ihr Vater die Taten gestanden hat, sondern auch, dass er dabei ein Kind betäubte. Sie entgegnete nach einem Blickkontakt mit dem 68-Jährigen: „Ich glaube das immer noch nicht.“
Urteile hätten Familie nicht interessiert
Über die Urteile wusste die Familie wohl seit einem Jahr Bescheid, Details – auch zur notwendigen Therapie in einer Forensik – sind aber offenbar nie zur Sprache gekommen. Den Richter erstaunte in diesem Zusammenhang: Obwohl die 24-Jährige das „gute Verhältnis“ zu ihrem Vater erwähnte, wollte sie über die Urteile „nichts wissen“.
Selbst die 21-jährige Tochter, die beim Missbrauch ihrer Nichte teilweise im gleichen Bett lag, gibt sich bis heute gänzlich unwissend. „Kann schon sein, dass wir bei ihm im Bett geschlafen haben“, sagte sie. Selbst als sie 13 Jahre alt war und der Vater ihre Nichte aus dem Zimmer bracht, um sich an ihr zu vergehen, habe sie „nichts gemerkt“. Trotz des vier Jahre andauernden Missbrauchs könne sich „nicht daran erinnern“.
Richter wittert eine Falschaussage
Der 68-Jährige hatte auch eine ihrer Freundinnen bei ihrem eigenen Geburtstag im Jahr 2016 im Schwimmbad im Intimbereich berührt, was zu einer Verurteilung führte. „Ich habe ihr aber nicht geglaubt“, sagt sie mit Blick auf das Opfer. Richter Dospil war fassungslos – drohte gar mit einem Verfahren wegen Meineid, „wenn sie Märchen erzählen“. Die Töchter zeigten sich davon nicht beeindruckt . Noch immer scheint der Familienfriede über der Aufklärung von schwerem sexuellen Missbrauchs zu stehen.
Und das, obwohl im Raum steht, dass der Angeklagte sich an noch weiteren Mädchen vergangen hat. Am nächsten Verhandlungstag sollen nun im Rahmen der Beweisaufnahme Verdachtsfälle aufgearbeitet werden, die bis in das Jahr 1986 zurückgehen. Denn das gesamte Ausmaß des Schreckens steht noch gar nicht fest.