Die evangelische Kirchengemeinde Tailfingen hat die Erlöserkirche auf Langenwand an die Stadt Albstadt verkauft, die das Gemeindezentrum abreißen und Mehrfamilienhäuser bauen möchte. „Muss das sein?“ fragt Architekt und Stadtrat Friedrich Rau.
Die Debatte ist nicht neu; Friedrich Rau und seine Kontrahenten haben sie schon oft geführt. Die Stichworte lauten Ebinger Festhalle, Thalia-Theater Tailfingen, Wohnhas-Fabrik Onstmettingen.
Die Stadt will oder wollte die fraglichen Gebäude abreißen lassen, weil sie der Ansicht war, dass Erhaltung und Sanierung entweder aus rechtlichen Gründen nicht möglich oder der erforderliche Kostenaufwand durch das Ergebnis nicht zu rechtfertigen sei.
In allen diesen Fällen vertritt Rau die Auffassung, dass die Erhaltung sowohl aus ökologischen als auch ökonomischen Gründen die einzig vertretbare Option sei. Wobei Rau Ökologie und Ökonomie grundsätzlich nicht als Antagonisten ansieht – in seiner Aufwandskalkulation ist immer auch die sogenannte Graue Energie berücksichtigt, also jene Energie, die aufgebracht und finanziert werden musste, als die fraglichen Gebäude entstanden. Und die mit dem Abriss ein für alle Mal vergeudet und verloren wäre.
Die Fraktion Weg-mit-dem-alde-Glomp hat gesiegt
Im Falle Schwabstraße hat Rau seinen Kampf gegen die „Weg-mit-dem-alde-Glomp“-Fraktion, wie er sie nennt, verloren; bei der Festhalle und dem Theater ist der Ausgang derzeit noch offen, zumindest offiziell.
Und die Erlöserkirche? Zwar hatte Baubürgermeister Udo Hollauer vor Jahresfrist nach Bekanntwerden des Verkaufs erklärt, man prüfe alle Optionen, doch offenbar war die Entscheidung für den Abbruch damals bereits nichtöffentlich gefallen. Die Stadt plant, Mehrfamilienhäuser zu errichten, wo jetzt noch Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus stehen, und lässt keine allzu große Neigung erkennen, sich dabei die Zwangsjacke des Bestandsschutzes anzuziehen. Eine Kirche als Wohnhaus – wie soll das gehen?
Es geht gut, versichert Rau und verweist auf Beispiele in anderen Gegenden Deutschlands. Zum Beispiel die ehemalige Gerhard-Uhlhorn-Kirche in Hannover, die zu einem Studentenwohnheim mit 27 Zimmern und Gemeinschaftsräumen umgebaut wurde – Gebäudehülle, Altarraum und -kreuz blieben erhalten. Oder die Lutherkirche in Berlin-Spandau, in der auf drei Ebenen neun Wohnungen und Veranstaltungsräume entstanden – äußerlich wirkt das Haus unverändert.
Allenfalls als Exempel fürs Prinzip kann der Umbau der Kirche St. Nikolai in Rostock angeführt werden, unter deren Dach nicht weniger als 21 Wohnungen geschaffen wurden. In der Erlöserkirche wird das kaum gehen; sie ist doch um einiges kleiner als St. Nikolai.
Wo findet man sonst noch so große und hohe Räume?
Umgenutzt werden kann sie dennoch, versichert Friedrich Rau. Eigentlich wäre ihm eine Verwendung, die dem Kirchenraum den Charakter der Versammlungsstätte belässt, am liebsten – wo findet man denn noch so große und hohe Räume mit freitragender Decke? Wenn aber à tout prix Wohnungen her müssten, dann gehe auch das; man könne längs zwei Wände einziehen, zwischen denen mittig ein erschließender Flur verlaufe, dazu weitere Trennwände und eine Decke – der Kirchenraum sei hoch genug für zwei Geschosse.
Und die Fenster? Müssten im Erdgeschoss noch weiter heruntergezogen werden, um es angemessen auszuleuchten – statisch sei das aber kein Problem.
Auch der Dachstuhl lässt sich Rau zufolge ausbauen; möglicherweise sogar zweigeschossig. Sorgen, die Decke könnte der Belastung nicht gewachsen sein, hält er für unangebracht: Sollten unten Zwischenwände eingezogen werden, dann seien sie ohnehin vom Tisch – und wenn nicht, dann gebe es Stahlträger.
Ganz besonders hat es ihm der Turm angetan: Auf jedem der fünf Stockwerke könne man eine Einzimmerwohnung schaffen. Der zweite Fluchtweg? Kein Problem: Die stählerne Außentreppe habe sich in den vergangenen Jahren vielerorts als probate Lösung des Problems etabliert.
Ob es dahin kommt, hängt von Raus Ratskollegen ab, die bisher regelmäßig der Devise „Weg mit dem alde Glomp“ folgten – der eine oder die andere mag in der Erlöserkirche konfirmiert worden sein, aber ob das für eine Mehrheit reichen würde?
Der Kindergarten in der Ammerstraße soll mit einbezogen werden
Immerhin, es bleibt noch Zeit: Die Stadt will in die Neuplanung das Gelände des benachbarten Kindergartens Ammerstraße einbeziehen. Und der wird vorläufig noch gebraucht.