Die einst evangelische Erlöserkirche in Tailfingen auf Langenwand befindet sich jetzt im Besitz der Stadt Albstadt und soll abgerissen werden. Foto: Friedrich Rau

Gemeinderat Friedrich Rau äußert sich zum beschlossenen Abriss der an die Stadt verkauften Erlöserkirche. Das sei ein fataler Fehler und eine vertane Chance.

Es ist längst nichts Ungewöhnliches mehr, wenn man sakrale Gebäude neuen Nutzungen zuführt. So gibt es interessante Beispiele aus der gesamten Republik, wie Kirchen als Bibliotheken, Cafés, Kletterhallen oder Begegnungsstätten umgenutzt werden.

 

In Ebingen wurde vergangenes Jahr die Friedenskirche von der Evangelischen Kirchengemeinde Ebingen an die Tosun GmbH verkauft, die mit dem Gedanken spielt, eine Eventlocation aus dem ehemaligen Gotteshaus zu machen – und es damit als Gebäude zu erhalten.​

Nicht so in Tailfingen. Hier hat die Evangelische Kirchengemeinde Tailfingen die Erlöserkirche an die Stadt Albstadt verkauft, deren Gemeinderat bereits den Abbruch des Gebäudes beschlossen und den Auftrag für selbigen vergeben hat. „Sowohl wirtschaftlich als auch volkswirtschaftlich die schlechtere Lösung“, meint Friedrich Rau, Architekt und Stadtrat. Er hadert mit der Entscheidung des Gremiums.

In der Sitzung des Technischen und Umweltausschusses der Stadt hat Friedrich Rau im Dezember letzten Jahres den Antrag gestellt, die Entscheidung über den Abriss zunächst zu verschieben, um weitere Möglichkeiten auszuloten. Dieser Antrag wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt und damit ist klar, dass das beauftragte Unternehmen Wacker aus Filderstadt tätig werden kann und muss.

„Die Kirchengemeinde hat die Erlöserkirche für 142.000 Euro verscherbelt“, verdeutlicht das Gemeinderatsmitglied der Fraktion Bündnis90/Die Grünen seine Meinung, man hätte aus dem Gotteshaus, das seiner Einschätzung nach gut erhalten ist, noch tolle Projekte machen können. In Berlin wurde beispielsweise ein Mitmach-Museum für Kinder untergebracht.

Überhaupt kämpft der Architekt vehement gegen die hiesige Einstellung, „das alte Glomp“ einfach immer abzureißen. Und wofür? Im Falle der Erlöserkirche für vielleicht sechs Einfamilienhäuser, schätzt Friedrich Rau. Viel mehr könne man auf der Fläche von 2700 Quadratmetern nicht unterbekommen. Den Auftrag zum Abriss erhielt die Firma Wacker GmbH aus Filderstadt zum Angebotspreis von pauschal 172.550 Euro. Mit sämtlichen Nebenkosten wird der Preis bei 215.000 Euro liegen.

Kirchengemeinden müssen sparen

Weshalb die im Jahr 1952 erbaute Erlöserkirche überhaupt zum Verkauf stand, wurde bereits ausführlich in der Öffentlichkeit diskutiert und dargelegt. Die Kirchengemeinden müssen aufgrund rückläufiger Kirchensteuereinnahmen und gestiegener Sanierungskosten für Gebäudebestände immer mehr sparen – also ihren Haushalt konsolidieren.

Deshalb hat die Evangelische Kirchengemeinde Tailfingen nach einem langen Prozess, in den auch die Gemeindeglieder miteingebunden waren, im Jahr 2018 den Beschluss gefasst, zunächst das Gemeindehaus Moltkestraße (2019 veräußert) und danach die Erlöserkirche zu verkaufen, damit das Gemeindezentrum Stiegel zu einem modernen und vielseitig nutzbaren Komplex umgebaut werden kann.

Die Stadt Albstadt stand im Fall der Erlöserkirche als Kaufinteressentin bereit. Aber nicht etwa, um selbst irgendein bestimmtes Projekt auf dem Areal zu verwirklichen, sondern um auf Langenwand Bauplätze für Interessenten zur Verfügung zu haben. Zum Jahresende 2024 ging das Eigentum über und wurde bereits im Juli von der Kirchengemeinde geräumt.

„Jeder Abriss hat soziale und ökologische Folgen. Die Schäden an der Umwelt sind spür-, mess- und bewertbar“, gibt Friedrich Rau zu bedenken, auch wenn das Kind quasi schon in den Brunnen gefallen ist. Der Stadtrat hätte sich gewünscht, dass die Kirchengemeinde den Verkauf mit einer Auflage versehen hätte, dass das Gebäude erhalten bleiben soll.

Festhalle und Thalia

„Abriss hat in Albstadt Tradition“, meint Friedrich Rau mit einem gewissen Galgenhumor und gibt die Hoffnung trotzdem nicht auf, den ein oder anderen Altbau in der Stadt „retten“ zu können. Für Kopfschütteln sorgte bei ihm schon die Beschlüsse des Gemeinderats im Jahr 2022, als die Ebinger Festhalle und das Thalia Theater in Tailfingen hätten zugunsten einer neuen Kulturhalle abgebrochen werden sollen. Wegen fehlender finanzieller Mittel für den Neubau, zunächst auf 21 Millionen Euro geschätzt und später bei 80 Millionen Euro verortet, scheiterte das Vorhaben. Eine Petition für den Erhalt des Theaters im Jahr 2022 mit 4066 Unterschriften scheiterte an Formfehlern.

„Abriss ist immer preiswerter als Sanierung“, erklärt der Albstädter Architekt. „Der Umbau und die Sanierung von Bestandsgebäuden ist aber auch immer preiswerter als ein Neubau. Das war in der Vergangenheit so und ist unter den Bedingungen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes heute die angemessene, die einzige Option“, versichert Friedrich Rau.