Von härteren Sanktionen bis zum Leistungsstopp: Zum Bürgergeld gab es vonseiten der Politik viele Vorschläge. Erlacher Höhe-Mitarbeiter wissen aus der Praxis: Das ist der falsche Weg.
„Je schlechter es der Wirtschaft geht, desto fauler werden Sozialhilfeempfänger wahrgenommen“, schreibt Sachbuchautorin Barbara Dribbusch provokant. Sie setzt hinzu: „Auf diesen dummen Kurzschluss sollten wir nicht hereinfallen.“
Wolfgang Sartorius vom Vorstand der Erlacher Höhe zitierte den Dribbusch-Satz am Dienstag beim jährlichen Sommer-Pressegespräch. Er warnte eindringlich vor einem Kahlschlag beim Bürgergeld. Sartorius: „Das wäre ein Rückschritt. Aktuelle Zahlen sprechen dagegen.“
Mit ihren Erfahrungen aus der Praxis unterstützen Manuel Trick, Teamleiter der Wohnungsnotfallhilfe, und Projektleiterin und Coach Eva Bezecná ein mehrseitiges Forderungspapier von Sartorius, der in der Einführung des Bürgergelds einen Fortschritt sah.
Wenig hilfreiche Vorschläge
„Die alle Jahre wieder aufflackernde Debatte nach substanziellen Einschnitten“ im Sozialetat, angestoßen von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, ließen einen Kahlschlag beim Bürgergeld befürchten. Da seien auch die Forderung von Markus Söder (CSU) nach Veränderungen von Leistungen für Ukraineflüchtlinge oder die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vorgeschlagene Deckelung bei der Übernahme von Wohnungskosten wenig hilfreich. Ebenso wenig der Ruf nach verschärften Sanktionen oder nach dem Stopp aller Leistungen.
Ausstattung der Jobcenter
Mit aktuellem Zahlenmaterial auch aus dem Kreis Freudenstadt untermauerte Sartorius die Forderungen der Erlacher Höhe, vielfach unterstützt von der Diakonie. Danach sollen Einsparungen im Sozialbereich nicht beim Bürgergeld, sondern „bei der Frage der gelingenden Arbeitsmarktintegration“ gesucht werden. Dazu bedürfe es unter anderem einer besseren finanziellen Ausstattung der Jobcenter, mehr Zutrauen gegenüber Betroffenen und Abbau der Bürokratie. Sartorius: „Armut ist keine individuelle Schwäche, sondern ein strukturelles Problem, das sich lösen lässt.“
Mit deutlichen Worten wehrten sich Trick und Bezecná von der Erlacher Höhe in Freudenstadt gegen Vorwürfe und Vorurteile gegenüber Menschen, die aus welchen Gründen auch immer auf Hilfen aus dem Sozialetat angewiesen sind. Diffamierungen führten nur zu weiteren Spaltungen. Diese Menschen empfänden Arbeitslosigkeit als Qual, suchten keine soziale Hängematte, sondern seien zum allergrößten Teil bemüht, im Leben und auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Da habe das Bürgergeld viel bewirken können, aber es fehlten noch stabilisierende Elemente.
Reale Erfahrungen
Direkt betroffen ist Carmen Sonnenschein (Name geändert), alleinerziehende Mutter von zwei pflegebedürftigen Kindern. „Jeder Mensch kann von heute auf morgen vor dieser Situation stehen“, warnt sie. Ihr Kind sei schlimm erkrankt, ihre Ehe sei gescheitert, die Wohnung gekündigt. „Wir haben Schreckliches erlebt. Ohne Bürgergeld wären wir verzweifelt.“ Sie dankt unter Tränen der Erlacher Höhe, mit deren Hilfe sie Wohnung, Arbeit und wieder Platz in der Gesellschaft gefunden habe.
Ganz ähnlich erging es Hans-Jürgen Eisenbeis, der aus gesundheitlichen Gründen trotz mehrerer Versuche im Arbeitsleben nicht erfolgreich war. Bei der Erlacher Höhe schloss er seine Ausbildung als bester seines Fachs ab und hat nun eine 70-prozentige Arbeitsstelle. „Es ist alles andere als pure Faulheit“, schildert er seine und die Lage von anderen Betroffenen. Jetzt ist er in großer Sorge, „was mit dem Bürgergeld und was mit mir passiert.“