Die Riedgemeinden wurden zum Ende des Zweiten Weltkriegs zur Zielscheibe der Alliierten. In einer Serie werden die Erlebnisse erzählt, an die sich Zeitzeugen 1985 im LZ-Gespräch erinnerten – darunter die Zerstörung der Pfarrkirche in Ottenheim.
Ab Dezember 1944 bis zum Einmarsch der französischen Truppen am 15. April 1945 lag Ottenheim fast täglich unter Artilleriebeschuss. Am 12. Februar 1945 wurden auf einen Schlag die Pfarrkirche, das Rathaus, ein Wohnhaus und ein Ökonomiegebäude ein Raub der Flammen. Zwei Tage nach dem schrecklichen Ereignis sandte der katholische Pfarrer Rudolf Kunz einen minuziösen Bericht über die Zerstörung an den Freiburger Erzbischof Dr. Konrad Groeber.
Die Pfarrkirche war im Jahre 1508 an den wohl noch älteren Wehrturm angebaut worden. Bereits 1942 wurden die Glocken der Simultankirche, die große Gallusglocke aus dem Jahr 1777, die Susannaglocke von 1750 und die kleinere Glocke aus dem Jahr 1934 von der Wehrmacht beschlagnahmt. Nur die älteste Glocke aus dem Jahr 1729 blieb den Ottenheimern erhalten.
Pfarrer Kunz schrieb über den deutschen Artilleriebeobachtungsposten, der im November 1944 in die Kirche einzog: „Es waren unauffällige Gäste, die den Kirchturm bestiegen, weil es eben von ihnen verlangt wurde.“ Ende Januar 1945, als bereits täglich vom Elsass mit Granaten über den Rhein geschossen wurde, kam die Ablösung. „Die neue Truppe war siegesbewusst, unzugänglich für ein warnendes oder bittendes Wort“, notierte der Pfarrer. „Sie entfernten an den Ausgucktürmchen des Turmhelms die Laden und streckten am hellen Tag ihre Köpfe heraus. Auf Warnungen antworteten sie nur: Das sieht man nicht!“
Am 12. Februar stand der Kirchturm in Flammen
Die Antwort aus dem Elsass kam wenige Tage später. Am 11. Februar wurde der Turm ins Kreuzfeuer genommen. Der 50 Meter hohe Turm, dessen 25 Meter hohe Spitze aus Eichenholz gebaut war, hatte schon im Jahr 1940 Treffer erhalten.
Am 12. Februar wurde um 14 Uhr für eine halbe Stunde herübergeschossen, um 16 Uhr begann erneut der Beschuss. Pfarrer Kunz hatte in der Zwischenzeit einiges aus der Sakristei retten können.
Die Granaten setzten zwei Anwesen südlich des Rathauses und schließlich das Rathaus selbst in Brand, bis es in Schutt und Asche versank. Gegen 17.30 Uhr wurde der Turmhelm der Pfarrkirche von einer Brandgranate getroffen. Der Brand wurde von einem Südwestwind gefördert. Bald wurde der Turm an derselben Stelle erneut getroffen. „Wir Zuschauer wussten, dass der Turm rettungslos verloren ist und spürten, dass seine Vernichtung uns Erlösung bedeutete“, berichtete Pfarrer Kunz. „Um 18 Uhr war in den Rauchschwaden der Anbruch der Dunkelheit nicht mehr feststellbar. Der Turm stand als lodernde Fackel am Himmel. Der Beschuss hörte nun auf, um 18.33 Uhr stürzte die obere Hälfte des Turmes nach Südwesten in die Tiefe, um 18.50 Uhr sank der Unterbau des Turmhelmes in das Turmgebäude ein. Ein Teil des Gebälks stürzte in die Kirche, die nun ebenfalls zu brennen begann. Niemand hatte den Gedanken zu löschen. Die Motorspritze des Dorfes konnte nicht eingesetzt werden.“
Löscharbeiten waren unmöglich, dauernd wurde herübergeschossen
Anneliese Kronen, die damals 21 Jahre alt war, erlebte den Brand auf dem Hof ihres Vaters mit. „Wir mussten erschüttert und tatenlos zusehen, wie zuerst der Turm und dann die Kirche brannte. Löscharbeiten waren unmöglich, weil dauernd herübergeschossen wurde.“
Als das vordere Drittel der Kirche schon niedergebrannt war, ließ der Pfarrer die am Westgiebel der Kirche sichergestellten Altarbilder entfernen. Am Pfarrhaus wurde eine Brandwache aufgestellt, weil der Funkenregen nordwärts über das Pfarrhaus hinweg zunahm. Pfarrer Kunz vermerkte, dass das Ausbreiten des Brandes wohl nur dadurch verhindert worden sei, dass es am Tag zuvor stark geregnet hatte.
Zu später Stunde stürzte die Glocke mit dem eisernen Glockenstuhl in die Tiefe. Sie wurde unversehrt gefunden und hatte nur den Klöppel verloren. Gegen ein Uhr nachts war der Brand soweit zu Ende, dass sich Pfarrer Kunz „müde zur Erde legte“. Weiter schrieb er an den Erzbischof: „Die zerstreuten Pfarrangehörigen sind von der Hoffnung erfüllt, nach Kriegsende ein bescheidenes katholisches Kirchlein erstellen zu können. Zugleich hoffen wir, dass an der Trümmerstätte aller Kirchenstreit der letzten Jahrzehnte begraben sei.“
Die Serie
2025 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 80. Mal. Die Riedgemeinden entlang des Rheins hatten 1944/45 besonders unter dem Kriegsgeschehen zu leiden. Im Jahr 1985 sprach LZ-Mitarbeiterin Daniela Nußbaum-Jacob mit vielen, inzwischen verstorbenen Zeitzeugen, die die Ereignisse im Ried hautnah miterlebt hatten. Diese dienten als Grundlage für das mittlerweile ausverkaufe Buch „Wie war das damals?“ und werden nun in der LZ-Serie neu erzählt