Manfred Rommel - 2008 gab er den Stuttgarter Nachrichten sein letztes ausführliches Interview. Nachzulesen ist es auch in der Biographie von Josef Schunder: Manfred Rommel. Die Biografie. Theiss-Verlag, Stuttgart. Foto: Theiss-Verlag

Im Sommer 2008 gab Manfred Rommel den Stuttgarter Nachrichten sein letztes großes Interview.  Dabei gewährte er Einblicke in sein Innenleben. Das Interview  erschien direkt vor seinem 80. Geburtstag an Heiligabend 2008. Hier können Sie das Interview nochmals nachlesen.

Im Sommer 2008 gab Manfred Rommel – Monate  vor einem schweren gesundheitlichen Rückschlag –  den Stuttgarter Nachrichten sein letztes großes Interview.  Dabei gewährte er Einblicke in sein Innenleben. Das Interview  erschien direkt vor seinem 80. Geburtstag an Heiligabend 2008. Hier können Sie das Interview nochmals nachlesen.

Stuttgart - Herr Rommel, seit Jahren haben Sie Parkinson und Rückenprobleme, aber nichts hat Sie in die Knie gezwungen. Gerade haben Sie wieder neue Bücher herausgebracht, seit zwölf Jahren schreiben Sie Zeitungskolumnen. Woher nehmen Sie diese Energie?
Ich profitierte von dem Mangel an anderen Gelegenheiten. Wenn ich körperlich beweglicher, leistungsfähiger gewesen wäre, wäre ich ins Gebirge gefahren und dort mit meiner Frau vier Wochen geblieben.

Ins geliebte Grindelwald.
Oder auch wie früher im Sommer nach Zermatt. Da war es immer toll. Aber so wie die Dinge sind, bin ich froh, wenn ich nicht irgendwo hinmuss. Das ist gar nicht so einfach, den ganzen Tag herumzusitzen, und das auch noch in einem Hotel zu tun. Bei wachsender Verdrossenheit.

Ihre Frau Liselotte würde gern reisen?
Ja. Ich habe ihr immer angeboten: "Fahr doch selber weg, vielleicht gehe ich ja doch noch mit." Aber sie hat gesagt: "Wenn du nicht willst, bleib ich auch daheim." Dann kann ich auch nicht in ihrer Abwesenheit das Geschirr kaputt machen.

Sie bleiben daheim und arbeiten, aber auch das ist schwierig geworden.
Früher habe ich mir weniger Mühe geben müssen, da ist mir immer etwas eingefallen. Aber jetzt bewundere ich alle Journalisten, die pünktlich etwas schreiben können, wenn sie müssen. Außerdem habe ich beim Tippen keinen richtigen Dreh gefunden. Ich kriege erhebliche Rückenschmerzen, und mit den Fingern lande ich auf der Tastatur zwischen zwei Tasten, oder mein Handgelenk kommt mit den Tasten in Berührung. Wenn ich auf diese Weise etwas niederschreibe, habe selbst ich nachher Probleme, das Geschriebene zu verstehen. Ich komme schon dahinter, was gemeint war, aber andere können das nicht übersetzen.

Der Sinn ist so schwer zu rekonstruieren?
Ich kann es schon, aber es ist mühevoll. Und wenn ich das Geschriebene verbessere, mache ich weitere Fehler. Die Summe der Fehler im Text nimmt zwar ab, aber langsam. Und so brauche ich für eine Sache, die ich früher in kurzer Zeit hergestellt hätte, zum Teil ein paar Stunden. Ein Brief an einen Schweizer Kollegen hat ewige Zeiten gedauert. Aber ich kann den Leuten ja nicht immer mitteilen "Ich kann euch leider wegen gesundheitlicher Probleme nicht schreiben".

Tippt Ihre Frau auch mal für Sie?
Sie tippt nicht. Sie ist sauer, weil ich mich mal darüber beschwerte, dass sie meine alte Schreibmaschine rausgeschmissen hat. Die Computerschrift zu erlernen, hat sie sich bisher auch strikt geweigert, weil sie zu Recht fürchtet, dass sie dann einen Haufen Arbeit von mir bekäme.

Trotzdem konnten und können Sie sich auf Ihre Frau verlassen, ein Leben lang.
Ja, das muss man wirklich sagen.

Etwa die Hälfte der Ehen werden geschieden. Politiker lassen sich scheiden, suchen sich eine Jüngere. Sie waren anscheinend ein Heiliger. Oder haben Sie Ihre Ehekrisen und Affären nur besser versteckt?
Ich hatte keine Ehekrisen. Es ist auch meine feste Überzeugung, dass es falsch ist, die Ehe als so eine zufällige Gemeinschaft zu betrachten, als einen Gesellschaftsvertrag. Hier liegen menschliche Bindungen von einer Qualität vor, die auf andere Weise kaum erreichbar ist. Es ist auch falsch, wenn man sagt, "von der Ehe haben wir genug nach vier Jahren, und wir suchen jemand anderen. Die Kinder müssen finanziert werden, aber da wird der Staat sich ja erweichen lassen, die auch noch zu finanzieren." Das ist gefährlich, wenn alles Rechtsbeziehungen sind und wenn die meisten Beziehungen Ansprüche begründen, die man bei Gericht geltend machen kann.

In Ehefragen sind Sie ganz Konservativer?
Ich halte es nach wie vor für eine Kulturleistung, dass die Ehe grundsätzlich auf Lebenszeit gilt. Man muss halt vorher überlegen, ob sich noch was Besseres findet. Ich bin gegen die Beliebigkeit und glaube, dass das auch den moralischen Kern unserer Gesellschaft trifft. Es sollte schon bedacht werden, ob man nach Tausenden Jahren Ehe jetzt eine Aktionsgemeinschaft Mann und Frau einrichten will.

Von einem automatischen Ende der Ehe nach einer bestimmten Laufzeit, wie auch mal vorgeschlagen worden ist, halten Sie also gar nichts?
Nein, davon halte ich gar nichts. Außerdem: Dieser Glaube der Männer mit 40 oder 50, man sei noch jung, ist eine Illusion.

Sie meinen die sogenannten besten Jahre.
Manche sollten in der Phase besser, bevor sie ihre Gattin kritisch betrachten, sich selber im Spiegel anschauen.

Der leidige Bierbauch ...
... bietet ja auch keinen erfreulichen Anblick.

Aber man kann doch im besten Glauben eine Ehe eingehen - und dann geht es nach 20 oder 30 Jahren doch nicht mehr. Umso mehr sind Sie ein Wunder an Kontinuität.
Ich kam nie auf die Idee, mich zu trennen. Nie. Das ist wahr. Wenn sie sich mehr Mühe gäben, würden auch andere beisammenbleiben. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, wird man sowieso keine großen erotischen Abenteuer mehr erwarten können.

Wir wollten eigentlich weniger über die Ehe sprechen. Sie befassten sich zeit Ihres Lebens mit Ihrem Vater, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, mit dem Nationalsozialismus, mit Diktatur und Demokratie. Fliegen Ihnen immer noch neue Erkenntnisse zu?
Es kommen immer wieder neue Aspekte. Nehmen Sie die Weimarer Republik. Manches weiß man, aber es ist einem nicht bewusst. Es ist ungeheuerlich, wie im Jahr 1933 Hitler die Berufung zum Reichskanzler erhielt. Viele sagten, ihr müsst die Nationalsozialisten ranlassen. Erst mal wird Hitler sich blamieren, aber gewisse Dinge werden die Nationalsozialisten auch tun, die richtig sind und die man jetzt wegen der Mehrheitsverhältnisse im Reichstag nicht erreichen konnte.

Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung.
Die Nazis haben dann doch tatsächlich sämtliche Grundrechte abgeschafft. Der Bürger hatte in Wirklichkeit keine Rechte mehr gegen Hitler. Hitler hat ja gar nicht im Namen des Volkes gehandelt. Er hat bloß immer so getan, als ob er das Volk sei. Er war neben allen anderen Funktionen auch noch oberster Befehlshaber der Wehrmacht, dazu hat er sich kurz ernannt und das Ermächtigungsgesetz in Kraft gesetzt. Eine solche Machthäufung in einem modernen Staat hat es sonst nicht gegeben.

Wahrscheinlich seit Rom nicht mehr.
Auch so eine Entmündigung hat es sonst nicht gegeben. Wie die am 30. Januar umhergezogen sind mit ihren Fackeln! Sie glaubten, sie würden in die Freiheit marschieren. In Wirklichkeit sind sie in die übelste Sklaverei marschiert, die man sich denken kann. Von da an war man nur noch als Diener des Führers jemand.

Die Demokratie hat an ihrer Abschaffung noch mitgewirkt.
Ja, durch die Verordnung, die nach dem Reichstagsbrand gekommen ist, und dann vor allem durch das Ermächtigungsgesetz war Hitler oberster Gesetzgeber und oberster Richter. Die anderen hatten nichts mehr zu sagen. Verlängern lassen hat er das wenigstens noch durch einen formalen Reichstagsbeschluss. Die nächste Verlängerung, die nach acht Jahren fällig war, haben die Nationalsozialisten selber verfügt. Da haben sie niemanden mehr gefragt. So ist damals, was man auch nicht bemerkt hat, aus einem Rechtsstaat ein Unrechtsstaat geworden. Der Staat hat die Gesetze nicht akzeptiert, soweit sie den Bürger vor ihm schützen sollten. Hitler war fast allmächtig.

Und die Herzen flogen ihm zu?
Damals gab es ein Wirtschaftswunder. Das kam dadurch zustande, dass die Propaganda den Menschen eine andere Preispolitik einredete. Nach dem Motto: Wir zahlen keine Wucherpreise, und wir verlangen keine Wucherpreise. Da hat der Staat mit seiner Propaganda Wirkungen verhindert, die bei einer solchen Überforderung der Finanzen in einem einigermaßen freiheitlichen Staat sofort eingetreten wären. Die Beschäftigungsverhältnisse und die Eheschließungen nahmen plötzlich zu. Man hatte wieder Mut zur Zukunft. Und in ein paar wenigen Jahren war die Arbeitslosigkeit weg. Das waren wunderbare Vorgänge, die die Menschen erfassten.

Wie stellten sich Ihre Eltern damals zu Hitler und den Nazis?
Mein Vater hat von diesem Kommandoton und Gehabe im Zivilleben als Württemberger nichts gehalten. Als Berufssoldat durfte er auch nicht wählen. Meine Mutter hat meistens die Deutsche Demokratische Partei DDP gewählt, weil da viele Schwaben drin waren. Konservativ wollte sie nicht wählen. Der Einfluss des Adels war ohnehin groß genug. Sozialdemokratie hat man nicht gewählt damals. Warum, weiß man heut auch nicht, es wäre ja eigentlich angemessen gewesen. Und die Katholischen wählte man als Protestant auch nicht.

Eine Welle der Begeisterung trug Hitler?
Selbst meine Mutter war vorübergehend entzückt vom Führer. Die Leute waren begeistert, weil plötzlich keine Arbeitslosigkeit mehr da war, keine Beschränkung der Aufrüstung. Viele sagten sogar, "Gott hat uns diesen Menschen geschickt". Die Fähigkeit, den Eindruck der Harmlosigkeit und des guten Willens zu erwecken, die Hitler hatte, war eine ganz üble Sache. Meinem Vater ist die politische Katastrophe erst voll bewusst geworden, als der Krieg verloren war.

Wann hielt Ihr Vater den Krieg für verloren?
Mein Vater sagte nach der Kapitulation in Afrika im Mai 1943, wir können den Krieg nicht mehr gewinnen. Hitler dürfte das geahnt und gewusst haben, dass mit ihm niemand Frieden schließt. Das war auch so. Die Schuld, die man mit Mordtaten angehäuft hatte, die man bei uns in der Bevölkerung gar nicht so realisierte, war zu groß. Der Führer wollte kämpfen bis zum letzten Hitler-Jungen. Fast hätte er das auch fertiggebracht.

Beinahe. Ihr Vater hat sich dem in Afrika widersetzt.
Vor allem in der Normandie. Zunächst wollte mein Vater einen Sieg der deutschen Wehrmacht in der Normandie nutzen, um bessere Bedingungen für einen Waffenstillstand zu bekommen. Aber das war im Juli nicht mehr möglich. Daher war er dann der Meinung: Schluss machen. Aus. Und nicht den Westen so lange halten, bis die Russen in Berlin einmarschiert sind. Dann hat er sogar mit einigen seiner SS-Generäle gesprochen, die offensichtlich gemerkt hatten, was los war. Hitler brachte es aber tatsächlich fertig, dass die Deutschen bis zum Schluss kämpften. Als ich gerade in den Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde, fand die Schlacht von Crailsheim statt. Man glaubte, in Crailsheim würde man noch den Krieg gewinnen. Man ruinierte die Stadt und brachte einen Haufen Leute um.

Hitler faszinierte - wie verbrecherisch er auch war.
Ja, das konnte er, zumal er auch modernen Dingen sehr aufgeschlossen war, gerade in der Wehrmacht. Aber man hat ihn maßlos überschätzt, auch viele Generale. Er war wirklich, was man einen bösen Menschen nennt. Mit allen Fähigkeiten, die die Kirche dem Bösartigen schon immer zugemessen hatte, und auch mit der Schläue. Denn auch schlau ist er gewesen.

Er hatte wohl vor allem einen Sinn für die Inszenierung von Massenerlebnissen und für den Umgang mit den Massen.
Mit Massen und mit Einzelnen. Er konnte charmant sein, wenn er wollte. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Das fällt mir schwer, ja.
Wenn die heutige Generation Aufnahmen vom Adolf hört, dann sagt sie: "Was war denn das für ein Arschloch? Das Gebrüll und das Geschrei - der hat einen Vogel." Das ist man nicht mehr gewöhnt. Die Erfindung guter Mikrofone macht es möglich, dass auch andere reden können. Aber damals war er einer der bedeutendsten Redner unter den Politikern der ganzen Welt. Er brachte es immer wieder fertig, auch das Ausland zu beruhigen und für sich zu gewinnen. Wenn man sich vorstellt, dass wir Olympische Spiele hatten und überall Hakenkreuzfahnen wehten!

Die ganze Welt schaute auf Deutschland.
Und wir haben schon 1933 die Juden diskriminiert. Meine Eltern waren beide keine Antisemiten. Aber gemacht haben wir nichts. Allerdings wohnten wir auch oft recht isoliert auf Militärgelände. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Teil eines Volkes wird für rechtlos erklärt, im eigenen Land eingesperrt und verspottet. Und es gibt kein Gegengewicht, kein Gegensteuern. Auch in den Kirchenpredigten gegen den Adolf haben wir die Juden meistens weggelassen. Selbst nach dem Krieg hat es Monate gedauert, bevor man sich der Ungeheuerlichkeit dieses Geschehens bewusst wurde.

... bis auch die Kirchen sich zu einem Schuldbekenntnis durchrangen, das nicht unumstritten war.
Immerhin ist es erfolgt. Ich habe vor einiger Zeit vor Ritterkreuzträgern gesprochen. Da waren alte Herren dabei, die haben sogar das Eichenlaub gehabt. Ich sagte: "Sie können nicht sagen, es ist schade, dass wir den Krieg nicht gewonnen haben." Das kann man doch im Ernst nicht sagen, wenn man nicht in den Verdacht geraten will, dass man diese Morde billigt! Das haben die dann auch so gesehen.

Eine späte Erkenntnis.
Freilich, aber gleich nach dem Krieg war das natürlich nicht zu erwarten. Ich hätte mich gleich nach dem Krieg auch nicht zu sagen getraut, was ich später oft sagte: "Es war besser, dass wir mit Hitler verloren haben, als mit ihm zu gewinnen."

"Nach dem Krieg hatten wir Glück"

Themen des 2. Teils: der Zweite Weltkrieg und die Rolle seines Vaters, Generalfeldmarschall Erwin Rommel.

Herr Rommel, Sie befassen sich viel mit dieser deutschen Vergangenheit, weil Sie darin einen Schlüssel fürs Verständnis von Staat, Gemeinwesen und Menschen sehen?
Ja sicher. Was man intellektuell erfasst, ergreift einen noch lange nicht emotional. Da muss man schon drüber nachdenken. Zum Beispiel denke ich oft darüber nach, dass die Demokratie in Weimar von vielen vor allem deshalb aufgegeben wurde, weil sie sagten, sie könne ihre Probleme nicht lösen. Probleme, zu denen sicherlich eigene Fehler der Deutschen beigetragen haben wie etwa die Deflationspolitik. Man wollte nach dem Ersten Weltkrieg den Alliierten zeigen, dass man die Reparationen nicht mehr zahlen kann. Die Misere wurde daheim den sogenannten Novemberverbrechern zur Last gelegt. Dabei muss man wirklich froh sein, dass wir wenigstens erkannt hatten, dass der Krieg verloren war. Dass Ludendorf sagte, wir müssen Schluss machen. Etwas spät, man hätte es auch etwas früher machen können - mit dann besseren Aussichten für Deutschland.

Immerhin.
Ja, immerhin. Im Zweiten Weltkrieg ist das nicht geschehen. Am Ende war es gut, dass wir ohne Bedingungen kapitulierten. Ich dachte zuerst auch: "Um Gottes willen - bedingungslos." Aber wenn man eine Reichsregierung gegründet hätte aus bewährten Demokraten, soweit sie nicht umgebracht wurden, hätten die die Hölle gehabt. Die Alliierten hätten ständig gesagt, "besorg mir dies und das. Ich will dieses und jenes". Das alles bei viel Sanktionen. In der Situation waren Ebert und die Reichsregierung mit Sozialdemokraten und Zentrum nach dem Ersten Weltkrieg. Sie kriegten ununterbrochen die Fußtritte, die andere Parteien verdient hätten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir auf der Basis der bedingungslosen Kapitulation dann auch noch Glück. Die Engländer und auch die Franzosen und Amerikaner fühlten sich verantwortlich für uns.

Man kann sagen, wir bekamen einen über die Maßen guten Start ermöglicht?
Eindeutig, trotz vorübergehender Pläne, die auf eine Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat hinausliefen. Die Alliierten haben nach dem Krieg unheimlich schnell eingesehen und mit der Speech of Hope von Arthur Burns in Stuttgart signalisiert, dass die Deutschen zurückkehren sollen in die Gemeinschaft der Völker. Das war ein ungewöhnliches Maß an Einsicht und Voraussicht, das nicht zu erwarten war.

Über Ihren Vater wurde viel gerätselt. Vor allem darüber, ob er Mitverschwörer des 20. Juli oder Mitwisser war.
Also, die einzigen Oberbefehlshaber, die eine Berührung hatten mit dem Widerstand, waren der Feldmarschall von Kluge und mein Vater. Mein Vater wusste, dass es diesen Kreis gibt und dass er irgendein Programm hat. Er war allerdings im Zweifel, ob die Alliierten es akzeptieren. Meinem Vater haben wohl auch verschiedene Gesprächspartner gesagt, dass Hitler getötet werden soll. Er war aber dagegen, weil er es nicht für möglich hielt. Die Truppe sei voll auf den Adolf ausgerichtet. Vielleicht sei ein toter Hitler noch gefährlicher als ein lebender. Mein Vater hat später auch gesagt, er habe von dem konkreten Attentat nichts gewusst. Das stimmt schon deshalb, weil Ort und Zeit erst nach der schweren Verwundung meines Vaters festgelegt wurden.

Manche meinen auch, Ihr Vater war nicht der Typ, der den Staatschef zu beseitigen hilft.
Daran lag es nicht. Er hielt das Risiko des Scheiterns für zu groß und dachte an eine Kapitulation nach dem Muster von Stalingrad, Cherbourg und Tunis. Aber mein Vater hat Stauffenberg respektiert, in hohem Maße. Man muss auch sagen: Das Stauffenberg'sche Attentat vom 20. Juli 1944 ist der einzige Fall, in dem die Widerstandsbewegung nach außen tätig werden konnte. Dadurch wurde dokumentiert, dass es deutsche Militärs gibt, die Hitler stürzen wollten. Das war eine Leistung von historischer Größe von diesem Mann.

Hat Ihr Vater immer um die Verantwortung des Generals für Staat und Volk gewusst, oder hat er das erst spät realisiert?
Mein Vater ist lang dem Irrtum aufgesessen, Hitler würde sagen: "Wir machen Schluss", wenn ihm die tatsächliche Lage mit der gebotenen Deutlichkeit nahegebracht wird. Das war eine Fehleinschätzung. Mein Vater hat Hitler während der Invasionsschlacht noch mal angesprochen und gefragt, wie er sich den weiteren Verlauf des Krieges vorstelle. Hitler sagte: "Kümmern Sie sich um ihre Invasionsfront." Einmal hat er meinen Vater sogar zur Seite genommen und ihm irgendwas von seinen Wunderwaffen zugeflüstert, was ja nicht stimmte. Da hat man gewusst, dass man auf eigene Verantwortung würde aussteigen müssen.

Das hatte Ihr Vater Hitler nicht zugetraut, dass er alle in den Untergang mitnehmen will?
Das traute er ihm ursprünglich nicht zu. Die Wirklichkeit sah leider ganz anders aus.

Sie waren 15, als Ihr Vater in den Tod getrieben wurde. Sie haben sich immer damit auseinandergesetzt. Das prägte Sie. Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Vater verändert?
Ich habe ihn damals verehrt und tue dies aus größerer Einsicht immer noch.

Wie dachte er über den Krieg?
Zuerst dachte er, niemand führe einen Krieg wegen Polen. Als es dann doch so kam, ging er davon aus, Deutschland gewinne den Krieg. Dann dachte er, die Alliierten werden wieder aus dem Krieg aussteigen. Jedenfalls fehle den Franzosen die Lust, weiterzumachen. Die Engländer sah er als treibende Kraft. So bewegte auch er sich im Reich der Illusionen.

Im Rückblick ist das ja auch leichter einzuschätzen als damals.
Klar. Dazu kommt, dass Hitler auch ein wirkungsvoller Schauspieler und ein virtuoser Lügner war. Der Widerstand gegen ihn wuchs letztlich trotzdem aus allen Bereichen heraus. Es war nur möglich, eine solche Organisation aufzuziehen, und sei sie auch noch so locker gewesen, auf der Basis elitärer Gesellschaftsschichten. Der Adel beispielsweise hielt mehr zusammen als die Bürgerlichen. Da konnte man damit rechnen, wenn man was sagt, dass es nicht gleich am nächsten Tag in dem Glauben angezeigt wird, man schulde dem Vaterland etwas. Einen Mitgliedsausweis, sich jeden Tag dem Widerstandskreis zuzugesellen, hatte mein Vater nicht. Aber er hätte etwas getan, um den Krieg nicht im Chaos enden zu lassen.

"Demokratien müssen Maß halten"

Themen des dritten Teils: erneut der Krieg und der Vater Erwin Rommel, aber auch das Verständnis des Alt-Oberbürgermeisters von der Politik heute.

Herr Rommel, ein früherer Soldat aus Fellbach sagte, das Schicksal Ihres Vaters Erwin Rommel habe etwas von einer antiken Tragödie. Hat es Sie sehr belastet, mit dieser Tragödie zu leben?
Ja, es hat mich schon belastet. Mein Vater hat ja damals blitzartig entschieden, das Angebot Hitlers anzunehmen und das Gift zu nehmen. Weil er sich gesagt hat, lebendig komme ich nicht raus, und Hitler traut sich niemals, mich dem Volksgerichtshof zu überstellen. Wenn er mir anbietet, meine Familie zu verschonen, wird er das vermutlich halten. Außerdem gibt es sowieso keine Alternative. Auch romantische Vorstellungen, dass man mit dem Schrotgewehr bis zum Schluss im Haus kämpft, waren fehl am Platz.

Sein Ordonanzoffizier Hermann Aldinger sagte ja noch, es seien Waffen im Haus. Man sollte sich wehren.
Es waren zwar Waffen da, aber mein Vater sagte: "Die haben jetzt keinen Wert mehr." Dann wären nämlich alle tot gewesen. Auch die Vorstellung, dass sie meine Mutter gleich auf einen Lastwagen laden und nach Dachau oder sonstwo hinbringen, um sie als unbequeme Zeugin zu erledigen, hat ihn zu dieser Überlegung gebracht.

Sie würden heute auch immer noch sagen, es gab keine andere Entscheidungsmöglichkeit?
Nein, es gab keine. Sein Leben war so oder so verwirkt.

Sie haben sich immer sehr zurückhaltend über Ihren Vater geäußert. Sie wollten nie dem Rommel-Mythos Auftrieb geben und falschen Beifall bekommen, aber Sie stellten ihn auch nicht als Widerständler dar.
Er war nicht der große Widerstandskämpfer. Es war eine andere Form des Widerstands. Aber eine sehr wichtige. Doch Stauffenberg bleibt die Figur, die den Widerstand vom Inneren ins Äußere getragen hat. Er hat sich geopfert.

Ihr Vater ist immer noch sehr präsent. Sind Sie selbst mit dem Bild, das wir alle von Ihrem Vater haben, zufrieden oder sagen Sie, da gibt es große Missverständnisse?
Was mich ärgerte: Mein Vater wurde in vielen Lexika in England, Frankreich und Amerika als treuer Gefolgsmann Hitlers bezeichnet. Als SA-Führer. Das ist mein Vater nie gewesen. Erfunden hatte das die Zeitschrift "Das Reich", die überhaupt einen mordsmäßigen Rummel um meinen Vater machte, wenn es ihr in den Kram passte. So dass er sich schon 1941 bei Goebbels beschwerte und darum bat, das abzustellen. Das ist später dann auch geschehen.

Aber im Großen und Ganzen sind Sie zufrieden mit dem Bild, das von Ihrem Vater vorherrscht?
Ja, es ist ganz beachtlich. Ich finde, er hat es verdient. Es ist nicht leicht, dieses Bild zu pflegen, weil es vom Dritten Reich mit seinen Gräueltaten überschattet ist.

Es ist auch nicht möglich, von jemandem, den es nicht mehr gibt, Fragen beantwortet zu bekommen. Das ließ Sie nicht los und nahm Sie sehr in Anspruch.
Ja, in der Tat. Am Beispiel meines Vaters habe ich begriffen, dass das Dritte Reich von allen Normen abwich, die man an Staaten anlegt. Kein anderer Staat konnte eine ähnlich wirksame Tyrannis errichten.

Sie sind körperlich zwangsläufig nicht mehr so mobil. Kommen Sie manchmal noch ans Grab Ihres Vaters?
Das geht schon noch. Etwa zweimal im Jahr. Wenn ich noch Auto fahren könnte, würde ich öfter hinfahren.

Bewegt Sie der Besuch am Grab noch sehr?
Ja, sicher. Aber manches ist natürlich Routine.

Dennoch holen Sie die Gedanken ein.
Ja. Aber wie ich es auch wende, ich habe für ihn keinen Ausweg mehr gefunden. Als er entschieden hat, sich in Frankreich nicht überrollen zu lassen, war der Rest programmiert.

Sie wurden nicht Berufssoldat, wie Sie es in Ihrer Jugend wollten. Wahrscheinlich nicht nur deshalb, weil Ihr Vater Ihnen empfohlen hat, Clown zu werden.
Mein Vater wollte überhaupt nicht, dass ich Berufssoldat werde. Vielleicht hat eine kleine Rolle gespielt, dass ich mit der Zunge angeschlagen habe. Das wäre bei Befehlen schlecht rausgekommen.

Aber dieser Berufsweg wäre doch auch eine Vergewaltigung Ihrer selbst gewesen. Sie sind doch kein soldatischer Typ, sondern Zivilist durch und durch.
Ich bin es geworden, nachdem ich ja schon mit 15 zur Flak gekommen war.

Was uns dann schon wunderte: Sie sollen in einer Situation besonders wehrhaft gewesen sein. In der Terrorismuszeit. Sie hätten sich von einem Autofahrer verfolgt gefühlt, seien ausgestiegen und hätten eine Waffe in der Hand gehabt.
Das stimmt tatsächlich. Ich dachte, die könnten ja auf die Idee kommen, den für Stammheim zuständigen Bürgermeister zu holen. Dass sie mich als Rommel holen könnten, habe ich nicht gedacht. Ich hatte eine Pistole, die habe ich mitgenommen. Dann fuhr ich mal vom Hotel Schlossgarten weg. Hinter mir ein Auto in dem auffallenden Bedürfnis, mir nahe zu sein. Es fuhr auch die Straße zu meinem Haus hier herunter und hat dann gehalten. Ich habe die Pistole genommen, für die ich nur eine Waffenbesitzkarte hatte. Dann habe ich durchgeladen, meine Walther PPK sechs Komma ungrad. Und dann hat der gesagt, "wir sind von der Polizei". Da habe ich die Pistole schnell wieder in der Tasche verschwinden lassen. Später habe ich den Beamten kennengelernt. Wir waren froh, dass wir uns nicht erschossen haben.

Die Pistole hatten Sie öfter dabei?
Ich hatte sie manchmal dabei.

Nun haben Sie aus dem Leben Ihres Vaters und der deutschen Geschichte viele Schlüsse gezogen. Zeitzeugen werden rarer. Befürchten Sie, dass Deutschland das nicht guttut und wichtige Lehren aus der Geschichte untergehen?
Bei uns ist die große Gefahr, dass wir uns rasch gewöhnen, die Dinge für selbstverständlich halten und solche Lehren vernachlässigen. Dann ist man grundsätzlich mit der Politik unzufrieden. Das ist zwar das gute Recht eines jeden, aber man soll es nicht übertreiben. Es müsste eine etwas stärkere innere Überzeugung da sein, dass es zur Demokratie keine Alternative gibt.

Das Bewusstsein dafür ist Ihrer Meinung nach ausbaubedürftig?
Es bedarf der Vertiefung und der Pflege. Wenn beispielsweise die CDU und die SPD eine Koalition bilden, gibt es natürlich Spannungen. Aber man sollte nicht nur Unzufriedenheit schüren und Fehler beklagen. Oder das Haushaltsrecht. Die Demokratie muss einfach Maß halten, dass sie ihre Mittel nicht überfordert. Das ist ganz wichtig für ihr Ansehen. Wenn einer kommt und sagt, "jetzt geben wir mehr Geld für die Kinder", sollten wir auch imstande sein zu sagen, wo das herkommt. Da wäre manchmal schon mehr Klarheit der Argumentation nötig.

Sie überschauen eine große Zeitspanne. Wenn Sie Staat und Politik betrachten, wie ist es Ihrer Meinung nach darum bestellt?
Ich würde mir wünschen, dass man sich darauf einstellt, dass die nächsten Jahre nicht mehr unbedingt im Zeichen des Überflusses stehen werden, sondern eher im Zeichen des Mangels. Die Hoffnungen, dass es immer mehr werden kann, sind nicht begründet. Da ist auch niemand schuld daran. Das liegt an den Umständen, an den Verhältnissen. Das muss man durchstehen. Die Demokratie nur so lange mitzutragen, wie sie zahlungswillig und- fähig ist und bereit ist, Geld auszugeben, das nicht da ist, genügt nicht. Gleichgültigkeit in dieser Hinsicht ist kein demokratisches Engagement.

Es gibt andererseits auch einen Hang, die Politik und die Politiker zu überfordern.
Es wird viel zu oft über Politiker geklagt nach dem Motto "Oh, diese Kerle. Ich geh nicht mehr zum Wählen. Die sind doch alle gleich." Das ist schwäbisches Wirtschaftsgebrumm. Aber natürlich muss auf der anderen Seite gewährleistet sein, dass jeder sagen kann, was er denkt, sofern er keine strafbaren Handlungen begeht. Das abzuschaffen, war Voraussetzung im Dritten Reich, um diese Untaten zu begehen. Wenn damals der "Stern" oder "Spiegel" ein Interview gebracht hätte über die Verhältnisse in den Konzentrationslagern, dann wäre das nicht durchzuhalten gewesen. Drei Monate Pressefreiheit - und dieser Staat wäre erledigt gewesen.

Derartige Gefahren erkennen Sie aber auch besonders gut, weil Sie, wie wir wissen, Rationalist sind.
Ich bemühe mich.

Sie haben von Politikern immer die Fähigkeit zu Selbstkontrolle und Selbstkritik gefordert. Sie sagten auch mal, Sie hätten in Besprechungen im Rathaus Ihre Meinung manchmal drei- oder viermal geändert.
Das stimmt. Das war so.

Politiker sollen keine Schönredner sein, die Menschen verstehen die Wahrheit?
So ist es.

Wie viele Politiker werden heute Ihren Ansprüchen gerecht? Sind Sie zufrieden?
Ja. Viele Politiker sind heute besser ausgebildet, gehen mehr in die Details hinein als die alten. Bloß besteht immer die Gefahr, dass sie sich überschätzen. Aber viele nehmen heute Dinge in Angriff, die früher niemand selber gemacht hätte. Ich bin von den Jungen in der Politik heute überzeugt. Nützlich wäre allerdings, dass man sich mehr auf die großen Fragen beschränkte und dass man sich, wenn das überhaupt geht, mehr Zeit ließe bei Gesetzesreformen.

"Ich wurde bezahlt, das vergessen manche"

Themen der letzten Folge: die Arbeit der Politiker und sein Verhältnis zu Helmut Kohl.

Herr Rommel, Sie beklagten, dass Politik zu sehr nach den Medien schiele und die Dinge zu sehr vereinfache. Schlechte Erfahrungen?
Man sollte die Vereinfachungen wenigstens nicht selber glauben. Es ist zwar schwierig, aber möglich, sich mit einem Hammer selber auf den Kopf zu hauen. Es war immer üblich, dass man wüste Sachen über die anderen gesagt hat. Ich kann mich an den Wahlkampf 1953 erinnern. Da hat man einen Aufkleber, worauf stand "Von Moskau bezahlt", dem SPD-Kandidaten Ollenhauer auf die Backe geklebt. Der war überhaupt nicht von Moskau bezahlt. Das habe ich später gelernt, dass die SPD eine höchst respektable demokratische Einrichtung war.

Es machte das böse Wort von der fünften Kolonne Moskaus über die SPD die Runde.
Da hat man auf heute unverständliche Weise die anderen angegangen. Was natürlich auch wechselseitig war. Furchtbares Zeug teilweise. Auch da muss man sich um Milderung bemühen. Es geht auch anders. Es ist allerdings eine deutsche Utopie, dass die Einigkeit der Normalzustand wäre. "Ein einig Volk von Brüdern", steht beim Wilhelm Tell. Aber in der Demokratie kann nicht immer Einigkeit herrschen. Darum gibt es ja auch die Freiheiten wie die Redefreiheit. Man soll auch nicht immer klagen "jetzt streiten die schon wieder, was haben wir für einen Staat?". Streit liegt eben drin. Nur muss man lernen, Meinungsverschiedenheiten höflich auszutragen.

Aber wenn die Einigkeit schon in der Nationalhymne eingefordert wird ...
Ja, ja, "Einigkeit und Recht und Freiheit". Schon in der Weimarer Zeit und sogar in der Kaiserzeit hat man immer wieder die Losung ausgegeben: Seid einig, einig, einig. Einigkeit ist schön, wenn man sich aufs Richtige einigt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass man sich aufs Falsche einigt.

Wenn junge Leute Sie fragen, was die Quintessenz aus Ihrer Tätigkeit war, was sagen Sie?
Ich glaube nach wie vor, oder besser gesagt, wieder an die Fortschrittsfähigkeit der Menschen. Unbeirrbar. Es gab Zeiten in der Geschichte, die einigermaßen befriedigend sind, und andere Zeiten, die man zutiefst ablehnen muss. Das zeigt, dass man nicht immer erreichen kann, was man will. Aber dass man doch die Verhältnisse in die eine oder andere Richtung verändern kann.

Sie würden die jungen Leute auch ermutigen, daran mitzuwirken?
Ja, auch auf eine Art zu reden, die nicht in die Beschimpfung des Gegners einmündet. Die zwar die Unterschiede zu anderen Positionen deutlich darstellt, aber auch den Respekt vor der Leistung des anderen erkennen lässt. Es wären auch manche Lockerungsübungen nötig, dass man nicht Details durch Parteitagsbeschlüsse so festzurrt, dass man sich nicht mehr bewegen kann. Kompromiss ist immer dann möglich, wenn es ein größerer Schaden wäre, gar keine Lösung zu haben. Kompromisse sind fachlich oft problematisch. Aber sie sind eigentlich das normale Ergebnis.

Weil Kompromisse unbeliebt sind, sind auch Große Koalitionen so unbeliebt.
Aber die sind gut. Zu Filbingers Zeit hat die Koalition in Bonn und in Stuttgart geklappt. Jeder hat zwar so getan, als ob man möglichst schnell die Koalition verlassen müsste, aber man hat doch in wichtigen Fragen auf Jahre hinaus die Politik stabilisiert. Das hing auch an den Leuten. Filbinger war sehr sachbezogen, nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Und die SPD im Land hatte zum Beispiel mit Walter Krause einen Politiker erster Klasse.

Sie sagten einmal, der Staat müsse sich schützen können, dürfe aber nicht so überwachen, dass von der Demokratie zu wenig übrig bleibe. Der Staat müsse was aushalten können, zum Beispiel Bürger, die seltsame Meinungen äußern. Schöne Sätze.
Manche gehen aber selbst ins Theater mit der Maßgabe "Rufe nicht, wir fordern Freiheit, sondern rufe, wir schaffen Ordnung". Ich habe nie nach dieser Maßgabe gelebt. Da muss man großzügig sein. Man kann auch durch Großzügigkeit, wenn sie nicht als Schwäche missverstanden wird, Menschen gewinnen und beruhigen.

Wobei sich in der Kulturpolitik besonders Ihre CDU manchmal schwertat, die nötige Freiheit einzuräumen.
Es stimmt, da gab es Spannungen. Man hört eben am liebsten das, was man selber denkt. Mir geht es selbst bei jedem Vortrag so. Wenn der Redner lauter Sachen sagt, die ich selbst auch dachte, bin ich entzückt. Wenn er dagegen sagt, dies und jenes ist falsch, dann ärgere ich mich, wenn ich nicht meinen Verstand einschalte. (Greift mit Mühe zum Wasserglas.)
Den Unterschied zwischen Alzheimer und Parkinson kennen Sie? Nein? Fragt einer: "Was wäre Ihnen lieber, Alzheimer oder Parkinson?" Sagt der andere: "Alzheimer. Da vergesse ich nur zu zahlen, bei Parkinson verschütte ich mein ganzes Viertele."

Treffliche Unterscheidung. Man hat oft über Sie gesagt, Herr Rommel, Sie seien der letzte Liberale Baden-Württembergs oder gar Deutschlands. Stimmen Sie zu?
Nein, ich sehe noch viele mit und nach mir.

Warum sind Sie eigentlich in der CDU gelandet und nicht in einer Partei, wo man Liberale nach überlieferter Ansicht vermutet?
Ich hatte immer eine Neigung zur CDU, eine Zeitlang allerdings auch zur SPD.

... was aber vor allem mit der Person von Fritz Erler zusammenhing.
Aber dann hat Oskar Farny, ein Freund meines Vaters und früherer Zentrumsabgeordneter, zu mir gesagt, "geh doch nicht zu den Roten, du kommst zu uns. Da sind inzwischen auch Evangelische". Und er wies darauf hin, dass sie auch bei der CDU Demokraten seien.

Hatten Sie mal das Gefühl, dass Sie auch in der SPD hätten glücklich werden können?
Glücklich, weiß ich nicht, aber nützlich.

Ich glaube, Sie erwarteten sich von Parteien sowieso nie das Glück.
Nein, ich bin froh, wenn die bei der CDU einigermaßen mit mir zufrieden sind.

Sie arbeiteten mit Filbinger und Kiesinger. Wie beurteilen Sie beide?
Kiesinger war ein ganz bedeutender Mann. Filbinger war fleißig und an den konkreten Problemen interessiert. Das war Kiesinger nicht immer. Ich war ja im Innenministerium. Da hat er mich nur beigezogen zu bestimmten Dingen. Als ich mal mit ihm in den Landtag ging, sagte einer vom Staatsministerium zu mir, ob ich nicht dafür sorgen könne, dass der Mann endlich eine Urkunde unterschreibt. Die liege schon eine Woche herum. Da habe ich dann gesagt: "Herr Ministerpräsident, darf ich mich in tiefer Demut Ihnen nähern und Sie bitten, dass Sie nebenher die Urkunde unterschreiben? Es ist unbedeutend." Da sagte er, "dann unterschreibe ich".

Aber Sie hätten lieber für Filbinger gearbeitet, wurde früher geschrieben.
Es war anders. Bei Kiesinger war der Nachteil, dass er einen überforderte. Dass er mit seinem glänzenden Deutsch sprachlich nicht übertroffen werden konnte. Ich hab auch einiges dazugelernt, aber er hat mich damals viel lehren müssen. Filbinger hat sich selbst zu viel aufgepackt. Aber beide waren ein Gewinn fürs Land. Kiesinger mit einem genialischen Anflug und Filbinger mit seinem Fleiß und seiner großen inneren Kraft.

Zu welchen Politikern und Weggefährten von damals haben Sie noch Kontakt?
Natürlich zu Erwin Teufel, und auch zu Späth hatte ich sehr guten Kontakt. Zu meinem Freund Ludwig in Ulm, der auch bei der Flak war, und meinem Freund Weber, der war früher hier Pressechef und stellvertretender Intendant in Baden-Baden. Es gibt noch genug. Aber ich kann ja nirgendwo hinfahren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch ohne Auto in seiner Freiheit erheblich eingeschränkt und ein Mensch zweiter Klasse ist.

Sehr imponiert hatte Ihnen Teddy Kollek, Ihr damaliger Amtskollege in Jerusalem.
Mit Kollek war ich fast befreundet. Er war sicher am eindrucksvollsten. Ich habe von ihm viele Briefe und den Titel des Guardian of Jerusalem erhalten. Er hat auch sehr viel getan für die Zukunft der Orientierung der Israelis und der Deutschen.

In Jerusalem gab es Protest gegen Sie.
Als ich den Ehrentitel erhielt, haben im Jerusalemer Rathaus einige demonstriert. Ich sagte zu Kollek: "Da geh ich raus." Ich bin dann auch hinaus und habe mich mit denen eine Weile unterhalten. Die waren aber sehr freundlich und sagten, "wir haben uns bloß erlaubt, darauf hinzuweisen, dass Ihr Vater ja schließlich Chef der deutschen Armee war". Ich sagte, mein Vater würde froh sein, dass er nicht bis hierher gekommen ist. Wir haben uns dann freundlich getrennt und Hände geschüttelt.

Ein schönes Beispiel dafür, wie jemand mit der richtigen Einsicht und der richtigen Botschaft die Menschen erreichen und Entspannung bewirken kann.
Wie sollte man sich auch anders verhalten? Es ist halt so, man kann die Verbrechen nicht mehr leugnen und nicht bagatellisieren. Es macht aber auch keinen großen Eindruck wenn man sagt "Oh, was habe ich für Landsleute! Ich war so gut, die anderen waren so schlecht".

Wer ist nun aber Ihr größter Freund aus der Politik? Helmut Kohl wahrscheinlich nicht.
Ha, den kenn ich auch gut.

Ja, aber das Verhältnis war manchmal gespannt.
Ja, freilich.

Wir denken an Kohls Reaktion nach Ihrer Kritik an seiner Finanzpolitik: "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter."
Ich hab mich aber auch entsprechend geäußert: "Lieber ein Hund sein als ein Kamel." Ich habe aber nie gesagt, er sei ein Kamel. Das hätte ich wirklich nie gesagt. Wir haben uns immer besser verstanden, je länger wir zusammengearbeitet haben.

Er kam auch zu Ihrer Verabschiedung als OB.
Ja, ich habe mich sehr gefreut, dass er bei diesem Anlass meine Arbeit gewürdigt hat.

Sie waren und sind ein selbstkritischer Mensch, der Selbstkritik auch von anderen einfordert. Wenn Sie auf Ihre 80 Jahre zurückblicken - was für Fehler sehen Sie?
Ich habe keinen Fehler gemacht, den ich nicht versucht hätte wiedergutzumachen oder in seinen Folgen abzumildern oder überhaupt zu korrigieren, sofern ich ihn als Fehler erkannt habe. Das habe ich mir doch beigebracht, dass man nicht an einer Sache desto mehr festhält, je fragwürdiger sie ist. Ich habe natürlich jeden Tag Fehler gemacht. Aber wenn einer kam und sagte "Herr Rommel, das können Sie nicht machen" und wenn er recht hatte, was häufig der Fall war, habe ich nachgegeben. Man muss die Fehler aber sogar selber suchen.

Das haben Sie schon beim Vater gesehen.
Er hat nach seinen Gefechten und Schlachten immer nach Fehlern gesucht. Am meisten kann man aus eigenen Fehlern lernen, sagte er. Das trifft zu, auch in der Politik. In der Politik beschreiten wir ja unbekanntes Gelände. Wir sind schon lang im weißen Teil der Karte, und wenn man sich dann nicht mal Fehler als Lehrmaterial zumutet, braucht man sich nicht zu wundern, wenn's immer schlimmer wird.

Daher fühlen Sie sich mit sich im Reinen?
Ich habe mich zwar um diese Korrekturen bemüht, aber es gibt natürlich noch viel, was einen davon abhält, sich in vollem Umfang für gut zu erklären.

Was halten Sie für Ihre größten Verdienste in Ihrer aktiven Zeit? Sie wurden beispielsweise als Erfinder der mittelfristigen Finanzplanung bezeichnet. Die ist für jeden Verwaltungsmensch und Kämmerer wichtig.
Mein größtes Verdienst ist, dass ich nach B 11 besoldet wurde.

Das ist eine sehr monetäre Betrachtung.
Mag sein. Ich werde erst mal abwarten, wie man mich bei der Feier im Rathaus lobt. Wenn irgendwelche Verdienste nicht erwähnt werden, werde ich mir erlauben, sofern noch bei Verstand, sie hervorzuheben.

Viele sind dankbar und stolz auf Sie. Auch die CDU wird versucht sein, drauf hinzuweisen, dass der populäre Manfred Rommel zu ihr gehört, und wird Sie würdigen wollen.
Man soll es nicht übertreiben. Ich bin für meine Arbeit bezahlt worden. Das vergessen manche.

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