„Tonio“ Pflaum (auf der Pritsche eines Lastwagens) leistet ärztliche Hilfe. Foto: zVg/Familie Pflaum

Der Arzt und Entwicklungshelfer Albrecht „Tonio“ Pflaum aus Steinen wurde am 30. April 1983 in Nicaragua ermordet.

Als am Abend des 1. Mai 1983 in den Fernsehnachrichten die Nachricht von der Ermordung eines deutschen Arztes in Nicaragua lief und das Bild eines Mannes mit Schnurrbart gezeigt wurde, stockte vielen Steinenern der Atem. Es war der Arzt Albrecht „Tonio“ Pflaum, den man gemeinsam mit 13 Businsassen umgebracht hatte.

 

„Tonio“, wie er wegen seines südländischen Aussehens genannt wurde, gehörte zu fünf Entwicklungshelfern aus Deutschland, die sich 1980 über den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) nach Nicaragua verpflichtet hatten, um nach dem Sturz des Somoza-Regimes im Sommer 1979 beim Aufbau der medizinischen Versorgung in Wiwili, einer Kleinstadt mit 7000 Einwohnern im Nordwesten Nicaraguas, etwa 20 Kilometer von der Grenze zu Honduras entfernt, mitzuwirken.

In Freiburg hat er Medizin studiert

Pflaum, Jahrgang 1947, studierte nach dem Abitur am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach in Freiburg Medizin. Nach dem Examen am Universitätsklinikum in Freiburg arbeitete er als Medizinalassistent in den Krankenhäusern in Müllheim und Breisach. Außerdem sammelte er am Städtischen Klinikum in West-Berlin medizinische Erfahrung.

Eine eigene Praxis wollte Pflaum nie. Vielmehr wollte er dort helfen, wo die Not auf der Welt am größten war. Sein Weg führte ihn folgerichtig nach Nicaragua in der Stunde Null. Das Land befand sich nach dem Sturz der Diktatur Somozas im Umbruch. Mit Nicaragua kam Pflaum schon in seiner Studienzeit in Berührung, unter anderem durch einen mehrmonatigen Aufenthalt in dem mittelamerikanischen Land.

Er kam als Arzt zurück, um den Menschen zu helfen. Die Kleinstadt Wiwili gehörte damals zu den ärmsten Gebieten in einem der ärmsten Länder Mittelamerikas. In den abgelegenen Regionen der Provinz Boaco baute er Gesundheitsstationen mit auf, organisierte Impfkampagnen und schulte lokale Gesundheitshelfer. Sein Ansatz war Hilfe zur Selbsthilfe. Sein segensreiches Wirken sollte nur drei Jahre dauern und ein gewaltsames Ende finden.

Die politische Lage in Nicaragua war damals explosiv. Contras, paramilitärische Gruppen, die von der US-Regierung unter Präsident Ronald Reagan massiv unterstützt wurden, führten einen Guerillakrieg gegen die sandinistische Regierung, der auch Daniel Ortega - der heutige Präsident - angehörte. Entwicklungshelfer und zivile Projekte standen oft zwischen den Fronten.

In Hinterhalt geraten

Am 30. April 1983 geschah das Unfassbare. Der deutsche Arzt, damals 36 Jahre alt, und 13 weitere Menschen gerieten auf dem Weg von Wiwili nach Jinotega in der Nähe des Ortes Zompopera in den Hinterhalt der rechtsgerichteten Contra-Rebellen und wurden kaltblütig ermordet. Die einen waren unterwegs zu einer 1. Mai-Feier, die anderen zu einer Impfaktion - allesamt unbewaffnete Zivilisten: Krankenschwestern, Bauern, Händler - und ein Arzt. Berichten aus diplomatischen Kreisen zufolge soll sich Pflaum vor seiner Ermordung den Angreifern gegenüber ausdrücklich als Arzt und internationaler Helfer identifiziert haben.

Albrecht „Tonio“ Pflaum hinterließ eine Frau, Maria Rigat-Pflaum, und ihren 1982 in Nicaragua geborenen Sohn Daniel. Emma Pflaum sollte ihren Sohn um 32 Jahre überleben; sie starb im Oktober 2015 im Alter von 101 Jahren in einem Pflegeheim in Frankfurt und fand ihre letzte Ruhe in Steinen neben ihrem Mann und ihrem Sohn.

Emma Pflaum, die eine treue Stütze des SPD-Ortsvereins und der AG Kontakt sowie auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Dritte-Welt-Stand vertreten war, besuchte noch mit 90 Jahren in Nicaragua Freiburgs Partnerstadt Wiwili, wo ihr Sohn bis zu seinem gewaltsamen Tod gelebt hatte. Zum Anlass ihres Besuches wurde ein Kind auf ihren Namen Emma getauft.

Grabstein erinnert an „Tonio“ Pflaum

„Sie glaubten, sie könnten dich morden mit dem Befehl Feuer. Sie glaubten, sie könnten dich unter die Erde bringen. Aber sie legten nur in die Erde die Saat“, stand viele Jahre in Stein gemeißelt ein Zitat des nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal auf dem Grabstein von Albrecht „Tonio“ Pflaum. Mittlerweile hat ein neuer Grabstein den alten auf dem Steinener Friedhof ersetzt. Sein Lebenswerk wird fortgeführt (wir berichten noch ausführlich).