Ein mysteriöser Sessel tauchte wieder auf. Dahinter steckt eine tragische Geschichte. Martina Wiemer hat intensiv recherchiert.
Ein mehr als 90 Jahre altes Möbelstück erzählt in Donaueschingen eine Geschichte, die fast verloren gegangen wäre: Es führt zurück in das Leben der jüdischen Familie Lindner – und zu Menschen, die ihnen in der NS-Zeit beistanden.
Als ein rustikaler und aufwendig bestickter Sessel bei der Donaueschingerin Martina Wiemer vor drei Wochen ankommt, ist für sie sofort klar, dass es kein beliebiges Möbelstück ist.
Es handelt sich um ein besonderes Zeitzeugnis, das vermutlich der jüdischen Familie Lindner gehörte, die bis 1939 in der Zeppelinstraße ein Bekleidungs- und Aussteuergeschäft betrieb.
Max und Melitta Lindner lebten mit ihrer Tochter Dory in Donaueschingen, bis die Novemberpogromnacht 1938 ihr Leben schlagartig veränderte: Eine Horde der SA zerstörte das Konfektionsgeschäft in der Zeppelinstraße sowie die Wohnung der Familie Lindner.
Eine Flucht nach New York
Im April 1939 flüchtete Max Lindner mit Frau und Tochter Doris über Frankreich per Schiff nach New York. Max Lindners Mutter Henriette blieb zunächst in Donaueschingen, im Glauben, einer alten Frau werde schon nichts geschehen.
Doch dann zog sie zu ihrer Tochter nach Rastatt. Von Karlsruhe wurde sie im Oktober 1940 mit 6500 weiteren badischen Juden in das Internierungslager im französischen Gurs deportiert. 1944 starb Henriette Lindner in Perpignan in Frankreich.
Das Haus in der Zeppelinstraße, in welchem das Konfektionsgeschäft war, wurde durch einen Bombenangriff Anfang Februar 1945 komplett in Schutt und Asche gelegt und zerstört.
Mutige Helfer aus Furtwangen
Dass der Sessel überhaupt erhalten blieb, ist der Familie Dold aus Furtwangen zu verdanken. Sie unterstützte die Lindners nach dem Pogrom, half ihnen mutig und einsatzbereit bei den Vorkehrungen zur Flucht und verkaufte die restliche Kleidung aus deren Geschäft im eigenen Wohnzimmer.
Als Zeichen der Dankbarkeit für die Hilfe schenkte Max Lindner den Sessel Franziska und Egon Dold, der beim Postamt in Donaueschingen beschäftigt war.
Jahrzehntelang stand dieser Sessel nun dort, bei der Familie Dold - unscheinbar, aber voller Geschichte. Bis sich Heike Dietze, die Enkelin von Egon Dold, jetzt an die Stadt Donaueschingen wendet.
Sie berichtet von dem Sessel aus dem Besitz der Familie Lindner. Als sie das Möbel persönlich in Donaueschingen vorbeibringt, erzählt sie die in ihrer Familie überlieferte Geschichte von aufopferungsvoller Freundschaft, Hilfe in schwieriger Zeit und von diesem besonderen Geschenk der Familie Lindner, das die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie bewahren sollte.
Und da das Möbelstück nirgends öffentlich ausgestellt werden kann, da schlichtweg die Räumlichkeiten in Donaueschingen fehlen, springt Martina Wiemer ein und nimmt den Sessel in Verwahrung.
„Ich habe auch die Nachfahren in den USA kontaktiert und gefragt, ob wir den Sessel über den Atlantik schicken sollen, aber sie lehnten bisher ab.“
Der Kreis schließt sich
Für die engagierte Martina Wiemer schließt sich damit ein Kreis. Seit 2008 forscht sie zum jüdischen Leben in Donaueschingen, insbesondere zur Familie Lindner, und bietet seither auch Führungen über die jüdische Geschichte in Donaueschingen an. Ihr liegt das Thema sehr am Herzen und sie hat dazu intensiv recherchiert. 2021 kamen sogar Nachkommen der Familie Lindner – die Familie Davidson Meyers, die nunmehr in Pennsylvania in den USA lebt – auf Einladung der Stadt für drei Wochen nach Deutschland und begaben sich vor Ort auf Spurensuche.
„Als der Sessel plötzlich vor mir stand, hatte ich Gänsehaut“, sagt Wiemer. Es sei, als sei ein Stück Geschichte zurückgekehrt, denn die Familie Lindner ist längst Teil ihres Lebens geworden.
Ein stiller Zeuge
Nun steht der Sessel also bei Martina Wiemer in der Wohnstube – als außergewöhnliches Einzelstück mit tragischer Geschichte und als stiller Zeuge von Menschlichkeit in dunkler Zeit, von Verlust und von einer Verbindung über Generationen hinweg.
Ein Rätsel bleibt: Wer das Möbel einst gefertigt hat, ist noch unklar. Möglich ist, dass es aus einer Donaueschinger Schreinerwerkstatt stammt. Vielleicht wartet damit noch ein weiteres Kapitel dieser Geschichte darauf, beleuchtet zu werden.
Jüdisches Leben in Donaueschingen
Erinnerung
Etwa 18 Familien lebten 1662 in der Stadt. Das Aufenthaltsrecht war durch einen Schutzbrief von Graf Ferdinand von Fürstenberg gewährt. Die jüdischen Einwohner waren keine eigene jüdische Gemeinde, sondern gehörten zur Synagogengemeinde in Gailingen. Verstorbene aus Donaueschingen wurden auch auf dem Friedhof in Gailingen beigesetzt. 1933 lebten noch drei jüdische Familien mit zusammen 18 Personen in Donaueschingen (Familien Bensinger, Guggenheim und Lindner). Nach ihnen sind auch vier Straßennamen im neuen Stadtviertel „Am Buchberg“ benannt.