Die Führung der Deutschen Staatspartei 1930 (v. li.): Erich Koch-Weser, Josef Winschuh, Erich Glimm und Artur Mahraun Foto: ullstein bild

1933 flieht der ehemalige Justizminister der Weimarer Republik, Erich Koch-Weser, vor den Nationalsozialisten nach Brasilien. Im Urwald schlägt sich‚ der Politiker als Farmer durch – und schreibt an einer Verfassung für ein Deutschland nach Hitler.

Am 26. November 1933 warteten die „Basler Nachrichten“ mit einer scheinbar beiläufigen, in ihrer Tragweite aber weit über das eigentliche Ereignis hinausgehenden, Meldung auf. Unter der Überschrift „Der frühere Demokratenführer Koch-Weser verlässt Deutschland“ informierte die Zeitung über die Ausreise eines vormals hochrangigen Politikers, ins Exil getrieben von den Nationalsozialisten. Nicht nur Juden mussten sich vor dem NS-Regime ins Ausland retten, auch politische Gegner der Nazis sahen sich genötigt, ihre Heimat zu verlassen.

 

Einer davon ist jener Erich Koch-Weser, Mitbegründer der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die 1919 zusammen mit SPD und Zentrum die erste von einem Parlament getragene Regierung in Deutschland stellte. Koch-Weser ist von 1919 bis 1921 Innenminister und von 1928 bis 1929 Justizminister der Weimarer Republik. Als 1930 der Versuch scheiterte, den Aufstieg Hitlers durch eine Koalition der politischen Mitte zu verhindern, tritt Koch-Weser von allen Ämtern zurück. Der aufrechte Demokrat, der sich unter anderem für die Gleichstellung der Frau und die Abschaffung der Todesstrafe eingesetzt hatte, widmet sich wieder der Juristerei, seinem eigentlichen beruflichen Standbein.

Flucht vor den Nazis

Als drei Jahre später das Worst-Case-Szenario eintritt, schwankt der liberale Politiker wie viele andere auch: Einerseits hält er Hitlers „Machtergreifung“ für einen diabolischen Spuk, der bald beendet sein wird. Andererseits weiß er als Halbjude um die Gefahren, die drohen. Schon bald bekommt Koch-Weser die Folgen der Machtübernahme zu spüren. Wegen der jüdischen Abstammung seiner Mutter entzieht man ihm die Zulassung als Rechtsanwalt. Sein Buch „Und dennoch aufwärts“, eine Bilanz der Nachkriegszeit, landet während der Bücherverbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Weser ist zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet und Vater von sieben Kindern. Und er fasst einen wichtigen Entschluss – seine Heimat zu verlassen. Ende November 1933 schifft sich der Politiker mit seiner Ehefrau Irma und vier Söhnen in Bremerhaven ein. Auf dem Lloyd-Dampfer „Madrid“ geht es nach Südamerika. Das Ziel: die rund 1000 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt gelegene Urwaldsiedlung Rolândia im südbrasilianischen Paraná.

Von Bremerhaven in den Urwald Brasiliens

Koch-Weser, 1875 in Bremerhaven geboren, wählt Brasilien nicht zufällig als Zufluchtsstätte. Als Präsident der „Gesellschaft für wirtschaftliche Studien in Übersee“, die von den führenden Großbanken Deutschlands und Hapag-Lloyd finanziert wurde, hatte er gute Kontakte zur Reichsstelle für das Auswanderungswesen, die nach dem Ersten Weltkrieg landlose deutsche Bauern nach Südamerika vermittelte.

In seinem Auftrag kaufte die Studiengesellschaft 1932 Urwaldgebiete und gründete für 400 deutsche Familien die Agrarsiedlung „Roland“ – benannt nach dem mittelalterlichen Schlachtenheld und Bremer Freiheitssymbol, der in der Wildnis an die Heimat erinnern soll. Um die Auswanderer auf die Bedingungen in ihrer neuen Heimat vorzubereiten, wird der Tropenlandwirt Oswald Nixdorf, der bereits auf Sumatra praktische Erfahrungen gesammelt hatte, als ‚Entwicklungshelfer“ nach Paraná geschickt. Dort trifft im April 1934 auch Koch-Weser mit seiner Familie ein.

Zweites Leben auf einer Lichtung

In der neuen Heimat beginnt Koch-Weser „sein zweites Leben“. Für 6000 Reichsmark kauft er im Urwald 1000 Morgen Land und baut ein Holzhaus. Einheimische Arbeiter helfen beim Roden. Er baut Reis und Bohnen für den Eigenbedarf an, Mais, Soja und Maniok für die Schweine- und Rindviehhaltung. Der Ertrag ist gering, man lebt, zumindest die ersten zehn Jahre, von der Hand in den Mund. Erst mit dem Kaffeeboom stellt sich wirtschaftlicher Erfolg ein.

Auch wenn er Heimweh hat, verlässt Koch-Weser der Mut nicht. Immer wieder trifft er auf europäische Leidensgenossen. Im Laufe der Zeit entsteht eine recht heterogene Urwald-Community, bestehend aus Juristen, Ingenieuren, Ärzten, Agronomen, Intellektuellen, Künstlern und ehemaligen Politikern, die dem Hitler-Regime entkommen sind.

Juden und Nazis Seite an Seite

1938 sind fast vier Fünftel der 1700 Einwohner deutschstämmig – darunter auch acht Mitglieder der NSDAP, wie Recherchen des Historikers Peter Mainka ergeben haben. Was in der Heimat unmöglich erscheint, funktioniert in der Fremde. Ein mehr oder weniger einvernehmliches Mit- und Nebeneinander zwischen jüdischen Flüchtlingen und Anhängern des Nationalsozialismus. Offenbar treten ideologische Differenzen hinter das gemeinsame Interesse, sich gegen den Urwald zu behaupten, zurück.

Zusammen mit anderen Geflohenen, wie dem Zentrumspolitiker Johannes Schauff und Hans-Joachim Schlange-Schöningen, Sohn des gleichnamigen deutschnationalen Politikers, organisiert Koch-Weser die ärztliche Selbstversorgung und Selbstverwaltung von Rolândia.

Verfassung für ein Deutschland nach Hitler

Zudem gelingt es dem umtriebigen Exilanten nach den entbehrungsreichen Jahren der Pionierzeit, im Urwald ein beachtliches Kulturleben zu organisieren: Theateraufführungen in Deutsch, die er oft selbst als Dramaturg bearbeitet. Auch deutsche Pädagogen kann man gewinnen. Die angeworbenen Lehrer unterrichteten die Urwaldkinder so gut, dass zwei Enkelinnen Koch-Wesers Anfang der 50er Jahre das Abitur in Mainz mit Bravour bestehen und studieren können.

Der ehemalige Minister vergisst seine alte Heimat nie, trägt sich fortwährend mit dem Gedanken an eine Rückkehr. An den langen Abenden im brasilianischen Urwald arbeitet er an einer Verfassung für Nachkriegsdeutschland, die sich in vielen Passagen mit dem späteren Grundgesetz der Bundesrepublik deckt.

Der Politiker erlebt das Kriegsende nicht mehr. 1944 trifft ihn ein Schlaganfall. Nach sieben Tagen im Bett stirbt er am 19. Oktober auf seiner Plantage „Fazenda Janeta“. Man beerdigt ihn auf einem kleinen deutschen Siedlerfriedhof. Kurz vor seinem Ende schreibt er: „Ich bin stolz auf die deutsche Vergangenheit, voll Scham über die Gegenwart und gebe die Hoffnung auf eine gereinigte Zukunft Deutschlands nicht auf.“